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  • Politik
  • Schwangerschaftsabbruch in Corona-Zeiten

Hunderte Kilometer zur Abtreibung

Corona verschärft die ohnehin schlechte Versorgungslage bei Schwangerschaftsabbrüchen

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Pflichtberatung, gynäkologischer Untersuchungstermin, Abbruch und Nachuntersuchung – der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen war in Deutschland auch schon vor Corona kompliziert.

Weil drei bis vier persönliche Termine außer Haus in Zeiten der Pandemie jedoch kaum möglich sind, hatten Netzwerke wie Doctors for Choice, Pro Choice und pro familia schon Ende März davor gewarnt, dass ungewollt Schwangere die gesetzliche Frist für eine Abtreibung von zwölf Wochen jetzt nicht mehr einhalten können.

Wenig später reagierte Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) und erklärte, »dass Schwangerschaftskonfliktberatungen online und per Telefon durchgeführt und die Beratungsbescheinigung zur Fristwahrung per E-Mail oder Post ohne persönliches Erscheinen der Schwangeren versendet werden kann.«

Und tatsächlich: Bereits jetzt findet die Pflichtberatung in den meisten Bundesländern digital statt. Beim pro familia-Bundesverband in Frankfurt begrüßt man diese Entwicklung zwar ausdrücklich. »Defizite, die es schon vor Corona gab, werden jetzt aber noch deutlicher«, erklärt Regine Wlassitschau von pro familia im Gespräch mit dem »nd«.

Dazu gehörten etwa die Frage danach, wo Schwangere Informationen zu Abbrüchen finden. Denn die wegen Paragraf 219a ohnehin schon schwer zu überblickende Informationslage sei nun noch unübersichtlicher, sagt Wlassitschau.

Hinzu komme, dass es bereits vor der Pandemie zu wenige Ärzt*innen gab, die Abbrüche vornahmen. »Auch das verschärft sich jetzt weiter, etwa wenn Praxen schließen müssen, weil Mitarbeitende dort selbst zur Risikogruppe gehören«, erklärt Wlassitschau. Die schlechte Versorgungslage führe dazu, dass es dann plötzlich in ganzen Regionen keine einzige Praxis mehr gebe, die Abbrüche vornimmt. »Das System kommt jetzt wirklich an seine Grenzen.«

Laut Christiane von Rauch, Ärztin für Allgemeinmedizin und Vorsitzende von Pro Choice Deutschland, liegt das auch daran, dass es in vielen Praxen, die Abbrüche vornehmen, auch weiterhin an Schutzausrüstung mangelt. Im Gespräch mit dem »nd« erklärt sie, dass Praxen sich nun »irgendwie behelfen müssen, um das Infektionsrisiko zu reduzieren, etwa durch Schichtarbeit oder Minimalbesetzungen.« Zudem dürfte derzeit nur noch maximal eine Patientin ohne Begleitperson die Praxis betreten, so von Rauch. »Das ist natürlich belastend für die Schwangeren und logistisch schwierig, vor allem für kleine Praxen.«

Schwangerschaftsabbrüche würden zwar weiterhin als medizinisch notwendige Eingriffe gelten. Kliniken, die medizinisch schwierigere Abbrüche vornehme, müssten nun aber Plätze für COVID-Patient*innen frei machen. Auch das verschärft die Versorgungslage weiter.

Positive Beispiele gebe es laut von Rauch aber dennoch: So würden auch immer mehr Krankenkassen die Kostenübernahme per E-Mail erteilen.

Und in Magdeburg habe die Uni-Frauen-Klinik einen Brief an alle Praxen in Sachsen-Anhalt verschickt. Darin habe sie angeboten, mehr Abbrüche durchzuführen, sollten wegen Corona viele Praxen in dem Bundesland schließen müssen. »Das würden wir uns auch von anderen Kliniken wünschen«, sagt von Rauch.

Entscheidend könnte in den nächsten Wochen auch sein, den medikamentösen Schwangerschaftsabbruch zu erleichtern und mindestens die zweite Einnahme zu Hause zu erlauben. »Das ist auch so von der WHO empfohlen«, erklärt von Rauch. Derzeit müssen in Deutschland noch beide Einnahmen unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.

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