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»Ich bin Feministin, aber keine radikale«

Die Sextherapeutin Ruth Westheimer hat ihr Leben der Aufklärung gewidmet

  • Von Philipp Hedemann
  • Lesedauer: 9 Min.

Frau Ruth, worüber wollen wir zuerst sprechen: Über Sex oder über den Holocaust?

Sex! Ich habe in letzter Zeit so viel über den Holocaust gesprochen.

Wie hat man guten Sex?

Dazu muss man einfach nur meine Bücher lesen. (Lacht). Mein Buch »Sex für Dummies« ist gerade in der vierten Auflage erschienen. Das gibt es auch auf Deutsch. Wer es gelesen hat, weiß, was man wissen muss.

Manche Leser werden aber vor dem nächsten Sex keine Zeit haben, das ganze Buch zu lesen...

Wer guten Sex haben will, wird ja wohl bereit sein, ein Buch zu lesen. Nächste Frage.

Es ist noch mal dieselbe Frage: Wie hat man guten Sex?

Okay, du bist hartnäckig! (Seufzt.) Für guten Sex braucht man eine gute Beziehung. Sex sollte man nicht nur mal eben schnell am Abend abhaken, damit man befriedigt ist. Man sollte sich daran erfreuen, dass man in einer Beziehung ist. Und diese Beziehung muss man pflegen. Dazu muss man zusammen schöne Dinge tun: Einen Film gucken, spazieren gehen, Skifahren - irgendwas Schönes. Man muss ich für die Beziehung Zeit nehmen, sich für den Partner interessieren. Wenn man sich langweilt, ist es das Ende einer jeden Beziehung. Wenn man trotz einer guten Beziehung keinen guten Sex hat, kann es körperliche oder psychische Gründe haben. Dann muss man zum Arzt oder zum Therapeuten. Diese Probleme lösen sich nicht in Luft auf, wenn man nichts tut.

Und wenn man keine Lust auf Sex hat? Ist das schlimm?

Ja, das ist schlimm! Es gibt keine gute Beziehung ohne Sex. Denn wenn man nicht die Energie für Sex hat, hat das einen Grund. Es ist das Symptom dafür, dass etwas kaputt ist. Den Grund muss man finden und ihn beheben, denn ansonsten geht jede Beziehung endgültig kaputt.

Wie hat man im Alter noch guten Sex?

Auch darüber habe ich ein Buch geschrieben. Sex after 50. Bitte lesen!

Vielleicht können Sie auch hier die wichtigsten Tipps für diejenigen geben, die nicht das ganze Buch lesen wollen.

Okay. (Seufzt.) Menschen über 50 sollten nicht abends, sondern morgens Sex haben. Dann ist der Testosteronspiegel des Mannes höher, und es fällt ihm leichter, eine Erektion zu bekommen und zu halten. Und der Mythos, dass Frauen in der Früh keinen Sex wollen, ist Quatsch. Darum: Aufstehen, ins Bad gehen, ein kleines Frühstück nehmen und zurück ins Bett.

Gibt es eine Altersobergrenze für Sex?

Nein, aber man muss realistisch sein. Männer müssen wissen, dass sie zwischen dem Sex größere Pausen brauchen und dass ihre Ejakulation schwächer wird. Frauen müssen wissen, dass der Orgasmus weniger intensiv wird.

Sie waren dreimal verheiratet. Braucht man verschiedene Partner, um guten Sex zu haben?

Nein. Quatsch! Man kann schon beim ersten Partner Glück haben.

Ist es in Ordnung, zu einer Prostituierten zu gehen?

Absolut! Aber es ist traurig, wenn Prostitution in der Illegalität stattfinden muss. Ich möchte, dass Prostitution überall legalisiert wird, denn es wird sie ohnehin immer geben. Und natürlich soll es auch Männer geben, die für Frauen da sind. Alle Sexworker sollten medizinisch betreut und untersucht werden.

Mittlerweile haben fast alle jungen Menschen Pornos geguckt, bevor sie das erste Mal Sex haben. Ist das ein Problem?

Ja, ein großes Problem! Es ist schlimm, wenn sie glauben, dass echter Sex tatsächlich so abläuft. Das kann sie unter schrecklichen Druck setzen.

Sie reden seit 40 Jahren über Sex. Stellen die Anrufer eigentlich seit Jahrzehnten immer wieder die gleichen Fragen?

Gute Frage! Die Antwort ist: Die Fragen haben sich kaum geändert. Frauen fragen immer noch, wie sie zum Orgasmus kommen können, Männer fragen immer noch, wie sie einen vorzeitigen Orgasmus vermeiden können und ob man einen großen Penis braucht, um eine Frau zu befriedigen. Aber was sich geändert hat, ist die Sprache. Man spricht heute viel expliziter über Erektion, Masturbation und Orgasmus.

Gab es Fragen, die Ihnen unangenehm waren?

Nein! Außer, wenn jemand etwas zu Sex mit Tieren wissen wollte. Dann habe ich immer gesagt: Ich bin keine Tierärztin.

Aber über Ihre eigene Sexualität haben Sie nie gesprochen.

Genau. Und das werde ich auch heute nicht tun. Nächste Frage!

Vor 40 Jahren haben Sie Tabus gebrochen als Sie im damals prüden Amerika über Homosexualität, Sexspielzeuge und den weiblichen Orgasmus gesprochen haben. Heute plädieren Sie dafür, dass Frauen und Mädchen sich nicht zu freizügig kleiden sollen. Sind Sie konservativ geworden?

Ich finde es sehr schlimm, was jetzt passiert. Wohin man geht, laufen Frauen mit Dekolletés rum. Ich finde, dass Frauen wissen müssen, wann und wo ein Dekolleté in Ordnung ist. Im Büro finde ich es ganz schlimm, denn das suggeriert Männern auf jeden Fall, dass es in Ordnung ist, eine sexuelle Anspielung zu machen. Aber wenn das passiert, dann heißt es gleich, dass es eine sexuelle Belästigung war.

Nicht nur Anhängerinnen und Anhänger der MeToo-Bewegung würden Ihnen hier entschieden widersprechen.

MeToo ist nicht so mein Ding. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich old-fashioned bin. Schreib das auf: Old-fashioned! Altmodisch! (Lacht) In unserer Gesellschaft ist und soll Sex etwas Privates bleiben. Ich glaube immer noch daran, dass ein Mann und eine Frau, oder zwei Männer oder zwei Frauen sich ehren, lieben und sich aneinander erfreuen müssen. Auch als es in Mode war, habe ich nie gesagt: Jetzt geht alles, jetzt ist Gruppensex in Ordnung.

Sie sind kein Fan der MeToo-Bewegung. Sind Sie trotzdem Feministin?

Meine Enkelin sagt, dass ich Feministin sei. Das habe ich mittlerweile auch zugegeben. Aber ich bin ganz bestimmt keine radikale Feministin. Ich will nicht, dass meine Enkelin ihren Büstenhalter verbrennt. Aber ich bin dafür, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben und gleich bezahlt werden. Und ich hatte das große Glück, dass ich einen Mann hatte, der bereit war, das Abendessen zu kochen.

Lassen Sie uns bitte jetzt über das zweite große Thema sprechen, dass Ihr Leben bestimmt hat: den Holocaust. Ihre Eltern starben in Auschwitz.

Und wäre ich 1938 nicht mit einem Kindertransport von Deutschland in die Schweiz gekommen, wäre ich jetzt auch tot. Deshalb habe ich eine Verpflichtung, darüber zu sprechen, wie dankbar ich der Schweiz bin. Mir ist es sehr wichtig, dass auch nachfolgende Generationen über den Holocaust Bescheid wissen. Darum habe ich für Schüler das Buch »Roller-Coaster Grandma« (Die Achterbahn-Oma) geschrieben. Darin spreche ich zwar nicht direkt über Auschwitz, aber sehr wohl darüber, dass mein Vater von den Nazis geholt worden ist. Jetzt soll dieses Buch von Steven Spielbergs Shoa Foundation animiert und an Junior Highschools in Amerika und Kanada gezeigt werden. Das freut mich sehr.

Sie sind ein Einzelkind. Nicht nur Ihre Eltern, auch die meisten Ihrer Familienmitglieder haben den Holocaust nicht überlebt. Hat Hitler gewonnen?

Nein! Hitler ist tot, und meine vier Enkel sind fantastisch.

Wie hat der frühe Verlust Ihrer Eltern Ihr Leben geprägt?

So ein Trauma kann man nicht überwinden. Die Wunde bleibt immer. Das muss man akzeptieren. Ich habe alle meine Bücher meinen Eltern und meiner Großmutter gewidmet. Ich habe viele Puppenhäuser. Ich gucke sie gerne an. Ich kann Vater, Mutter und Kinder zusammen in ein Zimmer setzen. Bei Puppenhäusern habe ich alles unter Kontrolle. Über mein eigenes frühes Leben hatte ich keine Kontrolle. Aber dass ich später als Sexualtherapeuten so vielen Menschen helfen konnte, zeigt mir, dass es wunderbar und richtig war, dass ich überlebt habe.

Als Sie nach Ende des Krieges ganz allein waren, sind Sie als 17-Jährige nach Palästina gegangen und haben sich der Hagana, einer paramilitärischen jüdischen Untergrundgruppe, angeschlossen. Warum?

1948 hat sich fast jeder junge Jude, der in Palästina war, irgendeiner militärischen Gruppe angeschlossen, um den jungen Staat Israel zu verteidigen. Ich wurde zur Scharfschützin ausgebildet. Und Du musst aufpassen: Ich kann immer noch eine Sten Gun zusammenbauen, Handgranaten werfen und schießen. Ich war eine sehr gute Scharfschützin. Also, pass auf, was Du mich fragst!

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle am Jom-Kippur-Feiertag im letzten Jahr und Überfälle auf Juden in New York: In letzter Zeit nehmen antisemitische Verbrechen wieder zu.

Ja, das ist schlimm. Ich hätte nie gedacht, dass das noch einmal passieren würde. Deshalb engagiere ich mich seit langer Zeit am Museum für Jüdisches Kulturerbe in New York. Ich habe dort sehr für die aktuelle Auschwitz-Ausstellung gekämpft, denn sie ist wie ein Grab für meine Eltern.

Trotz des Holocausts haben Sie 2014 wieder die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Warum?

Das ist mir nicht leichtgefallen. Aber ich habe kein Problem mit Deutschen, die zu jung waren, um am Krieg teilzunehmen. Ich werde Dich aber nicht fragen, was Deine Großväter während des Krieges gemacht haben. Adenauer hingegen bin ich sehr dankbar. Er hat viel Geld nach Palästina geschickt. Zudem sehe ich jedes Jahr junge deutsche Männer und Frauen, die einen Sommer oder ein ganzes Jahr in israelischen Altenheimen arbeiten. Das freut mich sehr. Sie wollen etwas zur Wiedergutmachung tun. Dass ich die Staatsbürgerschaft wieder angenommen habe, hat auch pragmatische Gründe. Meine Kinder und meine Enkelkinder - die zwar alle kein Deutsch können - sollen die Möglichkeit haben, in Deutschland arbeiten und studieren zu können. Die Welt soll für sie offen sein. Da kann es nicht schaden, dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft habe.

Sie haben sich in Ihrer Karriere nie über Politik geäußert, bis Präsident Trump an der amerikanisch-mexikanischen Grenze Flüchtlingskinder von ihren Familien trennen ließ ...

Ja, da musste ich etwas sagen. Denn es macht mich sehr traurig, wenn ich sehe, dass Eltern von ihren Kindern getrennt werden. Das ist meine eigene Geschichte. Das habe ich selbst erlebt. Das darf sich nicht wiederholen.

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