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Wege in die Verwirrung

Sowieso

Keine medizinischen Metaphern mehr. Mein Gehirn zerfließt nicht und infiziert sich auch nicht mit Infowellen. Ich bin nur einfach sehr verwirrt. Und jedes Mal, wenn ich glaube, etwas über die Situation verstanden zu haben, in der wir uns befinden, vergehen drei, vier Tage, und ich verstehe, warum ich nichts verstanden habe.

Ich wechsele die Virologen-Podcasts schneller, als ich das Brot aufessen kann, das aufzuessen ich endlich die Zeit habe. Finde einen neuen Aspekt, der in meinen bisherigen Informationen nicht aufgetaucht war und der wieder alles umstürzt. Suche noch immer eine*n Philosoph*in, der die Corona-Pandemie schlüssig und doch überraschend zu einer Theorie der Gesellschaft in Beziehung zu setzen vermag und dabei über Banales oder gar Verblendendes hinauskommt (ich habe Giorgio Agambens ersten Corona-Text zunächst unkritisch gelesen, habe mich, verschwurbelnd, schuldig gemacht).

Decke mich ein mit Worten, deren Klang mich stabilisiert, deren Bedeutung mir aber seltsam fern bleibt. Oder die in dem Zuviel an Bedeutung verschwindet, das auch sämtliche Instanzen, die sonst die Welt so schön ordnen (und dabei so klar zu erkennenden Mechanismen folgen, die man toll kritisieren kann), sichtlich überfordert.

Beunruhigender noch: dass die handelnden Politiker*innen und Expert*innen nicht viel klarer bei der Sache zu sein scheinen. Wenn die Weltgesundheitsorganisation und das Robert-Koch-Institut ihre bisherige Ablehnung von offenbar ja doch schützenden Masken vor allem damit begründet hatten, dass diese die Träger*innen in falscher Sicherheit wiegen könnten, dann erinnert das fatal an einen deutschen Innenminister und seinen legendären Satz: »Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.«

Das Problem ist ja, dass nichts verstehen zu wollen, auch die falsche Strategie wäre. So würde einem entgehen, dass spätestens jetzt, mit der Weigerung auch Deutschlands, gemeinsame Anleihen aufzunehmen, die Europäische Union sich als Projekt des Überlebens der stärkeren Mitgliedsländer auf Kosten der schwächeren erweist, deren Gesundheitssysteme vorher ohnehin schon kaputtgespart wurden.

Und so würden einem diejenigen entgehen, die zur Vermeidung von Isolation und Existenzängsten die wahnsinnige Strategie der »Durchseuchung« propagieren. Als gäbe es dafür keine anderen Mittel, außer Zehn- oder Hunderttausende Menschen zu opfern: Umverteilung, mehr Psychotherapieplätze und ein rücksichtsvollerer Umgang mit seinen Nächsten zum Beispiel.

Aber vielleicht habe ich auch diesmal nichts verstanden.

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