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Verstecken ist nicht zu Ostern

Eine Kunstaktion macht leer stehende Airbnb-Wohnungen im Berliner Stadtbild sichtbar

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.
Airbnb-Appartements sind meist an den typischen Schlüsselkästen an der Hausfassade zu erkennen.
Airbnb-Appartements sind meist an den typischen Schlüsselkästen an der Hausfassade zu erkennen.

Am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg fängt die Jagd nach dem »Hosterhasen« an. Der erste Hinweis befindet sich direkt vor der großen Uhr, wo mit Absperrband ein Haus auf den Boden geklebt ist. Daneben hängt ein Zettel: »Berlin sucht den Superhost« steht dort – host ist das englische Wort für Gastgeber*in. Auf dem Blatt stehen Hinweise zum ersten von insgesamt zehn Anbieter*innen des Buchungsportals Airbnb, die auf einem Spaziergang durch Kreuzberg und Neukölln aufgespürt werden können. 13 Wohnungen bieten Martina und Charlotte demnach hier irgendwo an. Wo genau, verraten die Tipps, die das Künstler*innenkollektiv »Anonyme Anwohnende« auf seiner Internetseite veröffentlicht hat.

»Das Spezielle an Airbnb ist, dass sie mit der scheinbaren Privatheit ein Geschäft machen«, sagt eine junge Frau, die die Steckbriefe geklebt hat, dem »nd«. Wie alle »Anonymen Anwohnenden« will sie – wer hätte es gedacht – anonym bleiben. »Meistens handelt es sich aber nicht um eine Privatwohnung, sondern um Gewerbe«, sagt sie weiter. Darauf wollen die Künstler*innen aufmerksam machen, und »den Superhosts und ihren Superhostels eine Sichtbarkeit im Stadtraum verpassen«, indem sie sie von der »aalglatten digitalen Oberfläche« auf die Straße holen.

»Es geht uns nicht darum, Privatpersonen zu denunzieren, die ihr WG-Zimmer zwischenvermieten, sondern um die gewerbliche Nutzung«, erklärt ihre Mitstreiterin. Für den »Hosterspaziergang«, bei dem anstelle von Ostereiern Steckbriefe von Airbnb-Anbieter*innen versteckt wurden, seien ausschließlich Wohnungen, die mehr als 100 Tage im Jahr vermietet werden, ausgewählt worden.

»Wir waren überrascht, wie viele das sind«, sagt die Performancekünstlerin. »Ich wohne selbst in der Gegend und sehe, wie die Menschen verdrängt werden, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können, aber immer mehr Airbnb-Wohnungen entstehen«, sagt sie. In der Coronakrise sei dieser »Irrsinn noch irrsinniger«: »Viele haben kein Zuhause - und das steht alles leer. Das ist eine Verschwendung von Wohnraum«, findet sie. Deshalb hätten sie dieses Experiment gestartet, als »leichtfüßigen Protest gegen das ganze Elend«.

Das sonnige Osterwetter ist hervorragend für einen kleinen Kiezspaziergang der etwas anderen Art. Vom Oranienplatz geht es erst mal weiter in die Dresdener Straße, wo ein weiteres Haus auf den Bürgersteig geklebt ist. Damit es nicht langweilig wird, haben sich die Künstler*innen ein paar Aufgaben überlegt: So können Interessierte raten, welches »Lieblingsrestaurant« und welche »Lieblingsbar« Martina und Charlotte auf ihrem Profil empfehlen. »Die beiden gehören ihnen natürlich«, weiß eine der Anwohnerinnen.

In der Reichenberger Straße trifft man auf Philipp, einen »Freigeist, Kunstliebhaber und Genießer«, wie der Steckbrief verrät. Er vermietet seine Wohnung für 141 bis 200 Euro pro Nacht – wenn sie nicht gerade leer steht, wie jetzt in der Coronakrise, wo die touristische Vermietung verboten ist. Ausgewählt hat das Kollektiv seine »Top 10 der Superhosts« nach den »fetzigsten Sprüchen, den höchsten Preisen, den süßesten Profilbildern und den meisten Wohnungen«. Ulf, der ein paar Meter entfernt gleich fünf Wohnungen anbietet, bezeichnet sich etwa als »ein wenig verrückt und auf der Suche nach Nervenkitzel (Zwinkersmiley)«. Andre Marcel wiederum bietet seine Wohnung in der Lausitzer Straße für sagenhafte 424 bis 602 Euro an – pro Nacht.

Neben den Tipps im Internet sind die Airbnb-Appartements vor allem an den kleinen Schlüsselkästen zu erkennen, mit denen die Wohnungsübergabe kontaktlos erfolgen kann. Wer darauf achtet, entdeckt auf dem rund einstündigen Spaziergang viele weitere solcher Wohnungen, sachdienliche Hinweise können an die Anonymen Anwohnenden geschickt werden, heißt es auf den Steckbriefen. Darüber steht: »Was wir bieten: Tausende Menschen auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Was wir wollen: Wir wollen Andre Marcels Wohnung und alle anderen auch.«

Mitunter ist es gar nicht so leicht, die kleinen Zettel mit den »Hosterhasen«-Infos zu finden, vor allem, weil sie von diesen teilweise abgerissen werden. »Von einem Host habe ich bereits eine wütende Nachricht bekommen«, erzählt eine der Aktivist*innen. Er habe sich beschwert, schließlich gehöre er zu den Guten, da er legal vermiete. »Legal ist aber halt auch nicht geil«, sagt sie und lacht. Bezahlbare Wohnungen wären in jedem Fall besser als überteuerte Ferienwohnungen findet sie, egal ob genehmigt oder nicht.

Die Airbnb-Anbieter*innen sind an diesem Wochenende auf der Hut: Die Überraschung am Ende der »Hosterhasensuche« in der Urbanstraße ist geplatzt, ein Host hat sie schon nach kurzer Zeit entfernt. Das Ziel findet man aber auch so und die Erkenntnis, dass erstaunlich viele Airbnb-Wohnungen hinter den unscheinbaren Häuserfassaden verborgen sind, lässt sich dadurch auch nicht verhindern. »Wenn hier im Kiez ein Hotel gebaut wird, gibt es öffentlichen Protest. Bei Airbnb ist das anders, weil man es nicht sieht«, sagt die junge Frau. Das wollten die Künstler*innen ändern – mit Erfolg.

Apropos Protest: Die Überraschung am Ende waren jede Menge Ostertomaten. Ob zum Essen oder zum werfen, wer weiß das schon? Jetzt sind sie weg, aber vielleicht nimmt der eine oder die andere Hosterspaziergänger*in ja eigene Wegzehrung mit.

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