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Konstantin Wecker

»Wie damals in der Räterevolution«

Im Ausnahmezustand kommt es auf die Solidarität von unten an. Ein Gespräch mit Konstantin Wecker

Von Michael Backmund

Eins Ihrer bekanntesten Lieder ist »Willy«, entstanden in den späten 70er Jahren, über einen alten Freund, der von den Faschisten erschlagen wurde. In außergewöhnlichen Zeiten halten Sie mit diesem Willy immer wieder musikalische Zwiesprache. So auch jetzt - was haben Sie ihm erzählt?

In den letzten Wochen habe ich stundenlang mit Willy gesprochen. Mal wütend, mal verzweifelt und oft ratsuchend. Die Zwiesprache hat mir sehr geholfen, meine Fragen und Sorgen zu teilen und erste Antworten zu finden. Ich habe ihm zum Beispiel von meinen aktuellen Ängsten und Albträumen erzählt.

Von Covid-19?

Auch. Wir haben uns gegenseitig geschützt und deshalb Konzerte, Partys und Versammlungen erst mal abgesagt. Wir haben das aus Solidarität und Verantwortungsgefühl für alle Menschen heraus gemacht. Um mit Hannah Arendt zu sprechen: »Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.« Wir haben es also nicht wegen Söder und Spahn getan! Das dürfen wir nie vergessen. Als alter Anarcho will ich sagen, dass ich meine Freiheiten schon selber beschneide. In der neuen Version vom Willy erzähle ich aber auch von meiner Angst.

Sie haben Angst? Wovor?

Weniger vor dem Virus, sondern vor der Tatsache, dass es bereits Zehntausende Menschen, vor allem ältere, arme und vorerkrankte, getötet hat und noch viele töten wird, weil die Ideologen des Neoliberalismus seit Jahrzehnten die Gesundheitssysteme auf Kosten der Menschen weiter abgebaut und privatisiert haben - nach der Bankenkrise 2008 gerade in Italien, Spanien, Frankreich und Griechenland. Während die Rüstungsindustrie weiter Waffen produziert und exportiert, sterben Menschen, weil wir auf der Welt nicht genug Beatmungsgeräte und Schutzmasken für eine solche Pandemie haben. Vielleicht erkennen erst jetzt viele diese neoliberale Diktatur, der sie jahrzehntelang aufgesessen sind? Unsere ach so fürsorglichen Politiker haben über Jahrzehnte die Gesundheitssysteme zum Zwecke maximaler Profite kaputtprivatisiert und vor allem haben sie keinen Plan zum Schutz aller Menschen für eine solche Krise vorbereitet; vielleicht einfach, weil sie daran nichts verdient hätten.

Sie warnen in der neuen Version von »Willy«, die Sie am Ostersamstag erstmals live spielen werden, vor einem permanenten Ausnahmezustand.

Statt nach einem starken Führer zu schreien, sollten wir uns selbst an die Hand nehmen und aufpassen, dass wir nicht denen in Zukunft vertrauen, die sich jetzt als Herren über jedes Gesetz aufspielen. Für viele Herrschende ist das, was zurzeit passiert, eben auch eine perfekte Übung für den dauerhaften Ausnahmezustand oder den Weg in eine Diktatur. Zum Beispiel für den alten CSU-Freund Orbán. Aber auch die angeblichen Demokraten üben bereits.

Was sollen wir also jetzt tun?

Ich will in keiner Gesellschaft mehr leben, in der all jene am miesesten entlohnt werden, die die wirklich wichtige Arbeit verrichten: Krankenpfleger*innen, Hospizarbeiter*innen und ach so viele mehr. Ich habe aber eine Hoffnung: Vielleicht verstehen jetzt viele Menschen in dieser Krise, dass die Güter und Ressourcen dieser Welt allen gehören sollen: Bildung, Gesundheit, Wohnung, sauberes Wasser, Essen. Wie konnten wir es jemals zulassen, dass Luft, Erde, Wasser oder der genetische Code von Pflanzen und Tieren zu Privateigentum gemacht wurden und werden? Genau jetzt, mitten in dieser globalen Krise, die ein Virus ausgelöst hat, ist die beste Gelegenheit, über Enteignung zu sprechen.

Welche Botschaften werden Sie bei Ihrem Antikriegskonzert im Internet verkünden - einen Tag vor Ostern?

Mal ganz konkret: Wir sollten endlich die Türen der jetzt ohnehin nutzlos leer stehenden Luxushotels in München und Berlin und überall öffnen für die schutzsuchenden Menschen aus den Kriegsgebieten dieser Welt, aus Syrien, aus Kurdistan, aus Afghanistan, Somalia und Irak, für die Geflüchteten aus den menschenunwürdigen Lagern an den EU-Außengrenzen wie in Moria auf Lesbos oder in den Folterlagern in Libyen, die jetzt besonders schutzlos der Covid-19-Pandemie ausgeliefert sind. Es wäre ein großes Fest des Friedens und der Liebe, wenn in Hotels wie im »Bayerischen Hof« in München, in dem sich jedes Jahr die Kriegsstrategen der Nato und die Rüstungsmanager von Rheinmetall und Heckler & Koch treffen, endlich die ärmsten und traumatisierten Kinder und Familien, die vor den Waffen und Kriegen dieser Männer des Todes fliehen mussten, in Frieden leben könnten.

Dafür brauchen wir aber noch mehr gesellschaftlichen Druck.

Ja, wir brauchen jetzt sehr viel Solidarität von unten. Wie damals in der Münchner Räterevolution: Da verwandelten Revolutionär*innen das Münchner Luxushotel »Königshof« in ein Lazarett für die verwundeten Kämpfer*innen und haben dort auch ihre Gegner versorgt.

Was hoffen Sie für die Zukunft?

Wenn wir wieder können, werden wir uns weltweit umso kraftvoller auf den Straßen versammeln, das Leben feiern und eine andere Gesellschaft durchsetzen. Meinem Traum von einer Gesellschaft ohne Ausbeuter und neoliberale Profiteure, ohne Waffenhändler, autoritäre Populisten und ohne all die Faschisten, Rassisten, Sexisten, Nationalisten und Kriegstreiber, den lasse ich mir nicht nehmen. Es reicht - endgültig!

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