Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • OXI
  • Ökolandbau

»Dann kam der kaputte Traktor dazwischen«

Sarah und Sebastian Spindler über den Traum vom Ökolandbau, das Leben und Arbeiten mit 137 Ziegen und wie man auf 30 Hektar ein bisschen die Welt retten kann

  • Von Katrin Gerlof
  • Lesedauer: 10 Min.

Der Karolinenhof wird von vielen Ziegenhof genannt und ist sogar über die Region hinaus bekannt. Ist das Wetter schön, kommen an den Wochenenden eine Menge Menschen her, vor allem Familien mit Kindern. Was bekommen die hier zu sehen beziehungsweise was sehen sie nicht, weil sie ja nicht herkommen, um euch beim Arbeiten zuzuschauen?

Sebastian: Wir haben 137 Ziegen, 4 Hühner, die nur für den Eigenbedarf legen, und einen Esel, zwei Katzen und zwei Herdenschutzhunde. 34 Hektar Land, da ist die Hoffläche eingerechnet, drei Gebäude, die alle sanierungsbedürftig sind, ein Wohnhaus.

Sarah: Ziegen haben wir nicht zum Selbstzweck. Ich kümmere mich um die Käserei und den Verkauf der Produkte, die Hofeigentümerin, Gela Angermann, betreibt das Café und wird dies auch dann tun, wenn die Hofübergabe an uns beide erfolgt ist. All die kleinen wirtschaftlichen Einheiten sind eng miteinander verbunden, die eine kann ohne die andere nicht existieren. Den Leuten, die den Ziegenhof besuchen, kommt es manchmal komisch vor, dass sie ihre Café-Rechnung nicht am Käsetresen bezahlen können, hinter dem ich stehe und verkaufe. Aber so ist das, wir müssen alles ordentlich auseinanderhalten, damit es am Ende zusammen funktioniert.

Wie schafft man es, ohne geerbt oder im Lotto gewonnen zu haben, ohne eigene Ersparnisse, die Idee von einem eigenen landwirtschaftlichen Betrieb zu verwirklichen? Wie habt ihr dafür die richtige Konstruktion gefunden?

Sarah: Die Konstruktion hat uns gefunden. Wir wollten Landwirtschaft machen, auch Ökolandbau, aber wir haben lange nicht im Traum daran gedacht, zu gründen. Einfach deshalb, weil uns das Kapital fehlt. Der Betrieb, der uns jetzt quasi mitgehört, ist auf uns zugekommen, weil klar war, dass es Nachfolger braucht. Zugleich wollte und will die Unternehmerin, die den Betrieb gegründet hat und ihn auch weiterhin zusammen mit uns führt, dass der Ziegenhof nicht verschwindet oder verkauft wird. Ihr ist wichtig, dass sozusagen der Geist des Betriebes, oder nenn es die Seele, bleibt.

Ihr kanntet euch zu dem Zeitpunkt, als sie euch gefragt hat, schon gut.

Sebastian: Ja, wir kannten uns schon lange. Ich, weil der Ziegenhof eng mit dem Ökohof Kuhhorst zusammengearbeitet hat.

Sarah: Ich war aufgrund meiner Ausbildung auf der Suche nach einem Wohnort und wurde auf dem Karolinenhof fündig. Bald darauf zog Basti mit ein. Wir lebten also ab 2011 mit Unterbrechungen auf dem Karolinenhof und freundeten uns immer mehr mit den Menschen dort an und hatten auch schon Gelegenheit festzustellen, dass unsere Vorstellungen und Werte sehr ähnliche sind, was, glaube ich, für den ganzen Prozess sehr wichtig war. Jedenfalls hat uns Gela gefragt, ob wir einsteigen wollen. Erst dann haben wir angefangen, zu überlegen. Voraussetzung war natürlich, dass wir uns das leisten können und dass sie den Betrieb, den sie gegründet und aufgebaut hat, trotzdem bezahlt bekommt, uns also nicht schenken muss.

Wann war das?

Sebastian: 2014, als wir beide aus Schweden zurückkamen, wo Sarah und ich ein halbes Jahr waren, um uns mal dort Landwirtschaftsbetriebe anzuschauen.

Sarah: Wir hatten sogar überlegt, vielleicht ganz nach Schweden zu gehen und dort auf Höfen zu arbeiten.

Sebastian: Jedenfalls hat Gela uns am Rande irgendeines Musikfestivals, auf dem wir gemeinsam waren, gefragt, ob wir uns das vorstellen können. Und dann waren wir uns auch ganz schnell einig, dass wir es versuchen wollen.

Sarah: Vorausgesetzt, wir finden eine tragfähige Konstruktion, haben wir gesagt. Aber zuerst wollten wir hier als Angestellte arbeiten. Schien uns sinnvoll, zu schauen, wie es hier und mit uns läuft. Ob wir uns wirklich vorstellen können, hier bis zur Rente zu arbeiten. Oder darüber hinaus.

Sebastian: Aber dann ging es doch recht schnell. Ich habe hier 2015 angefangen zu arbeiten. Zu der Zeit hat Sarah noch studiert und auf dem Hof nur in Teilzeit gearbeitet. Ja, und Mitte 2017 haben wir beide schon die GbR gegründet. Hätte auch ein Jahr früher sein können, aber Sarah wollte erst einmal mindestens ein Jahr hier angestellt sein.

Bei so vielen Beteiligten, die sozusagen nicht in eine verwandtschaftlich begründete Hofnachfolge einsteigen können, klingt die Angelegenheit der Übergabe nicht einfach.

Sarah: Ist auch nicht einfach. Wir mussten viel überlegen und prüfen. Wie dröselt man das alles auf, welche Unternehmensform, wie klärt man die Finanzen – also Einnahmen und Ausgaben.

Zumal die Eigentümerin des Hofes ja Sicherheit für ihre Altersvorsorge braucht.

Sarah: Es ist ein Prozess, die Übergabe ist ja noch nicht erfolgt. Wir haben erst einmal eine Beteiligung. Alles, was wir hier nutzen, gehört Gela. Die Fläche haben wir beide als GbR von ihr gepachtet. Ebenso die Gebäude. Und das ganze Inventar, beweglich und unbeweglich, hat Gela in die GbR eingebracht, das ist beziffert und festgehalten. Und das müssen wir ihr irgendwann auszahlen. Dafür brauchen wir dann auf jeden Fall Beratung, Unterstützung, Mediation. Das kriegt man allein nicht schlau geregelt, und da darf sich niemand am Ende übervorteilt fühlen.

Über die Dörfer
Ländliche Perspektiven und städtische Sehnsüchte

Wie viele Menschen kann denn ein solcher Hof mit diesen Eckdaten ernähren?

Sebastian: Die reine Landwirtschaft gut drei Menschen. Sarah und ich arbeiten Vollzeit. Gela hat einen Minijob bei uns. Sie ist Geschäftsführerin, aber was sie als Gehalt bekommt, ist ein Minijob. Und wir haben eine 30-Stunden-Kraft. In der Gastronomie arbeitet auch noch ein Koch und kann von dem Lohn leben. Allerdings nur in der Saison. Dazu zwei Servicekräfte, die in Teilzeit arbeiten. Manchmal Aushilfskräfte.

Sarah: Das geht, wir können davon leben, haben, was wir brauchen. Gela hat ja noch die Einnahmen aus der Gastronomie. Aber es gab auch schon die Überlegung, wenn unsere Angestellte mal in Rente geht, ob wir das dann auch ohne eine weitere Anstellung schaffen können. Einfach, um das Geld für die dringend notwendigen Investitionen zu haben. Das Alltägliche geht gut, wie wir aufgestellt sind, aber sobald Investitionen notwendig sind, wird es schwierig. Und da rede ich von Bestandsinvestitionen, also nicht über die Gründung neuer Betriebszweige und Erweiterung des Betriebes oder so.

Warum habt ihr euch für Ziegen entschieden?

Sebastian: Ich war eigentlich seit meiner Ausbildung Ackerbauer. Und dachte, dass ich das immer machen werde. Dann kam Schweden. Und dort habe ich mich mehr mit Tieren beschäftigt. Und habe auch gemerkt, dass ich mit denen gut umgehen kann.

Sarah: Ich fand Ziegen schon immer toll. Aber ich hätte mich wahrscheinlich aufgrund meines beruflichen Werdegangs eher für Milchkühe entschieden. Allerdings hätte ich mich in dem Bereich nicht selbstständig gemacht, weil ich weiß, wie die Milchpreise sind, und wie schwer es ist, Geld mit Milch und Milchkühen zu verdienen. Außerdem macht mir die Käserei wirklich Spaß.

Sebastian: Ich mache jetzt eigentlich genau das, was ich früher nie machen wollte.

Sarah: Melken. Und ich wollte eigentlich immer melken und bin jetzt hauptsächlich für Verarbeitung und Verkauf zuständig.

Was ist denn an Ziegen so toll?

Sarah: Die sind kommunikativ. Reagieren zum Beispiel auf Handzeichen. Das können nicht alle Tiere. Sie sind verspielt, tolle Tiere einfach.

Sebastian: Sie sind leichter zu händeln, als Rinder. Nicht vom Weidegang her, das ist schwerer, die brechen doch gern mal aus. Aber Körpergröße und Maße sind besser.

Sarah: So eine Ziege kannst du dir halt auch mal unter den Arm klemmen.

Wie technikintensiv ist euer Betrieb denn? Was braucht ihr an Technik?

Sebastian: Hier ist ziemlich viel Handarbeit. Ziegen versorgen, da brauchst du kaum Technik. Auf dem Feld, klar, man braucht einen Schlepper und die anderen Gerätschaften, da klappt es mit dem Ausleihen ganz gut, obwohl es schöner wäre, selber Technik zu haben. Zumindest, um das Heu zu produzieren.

Ihr habt euch gerade einen neuen Traktor anschaffen müssen, der alte war kaputt. Wie könnt ihr das finanzieren?

Sarah: Einen Teil haben wir aus dem Gewinn des vergangenen Jahres genommen. Einen anderen Teil über Finanzierung beim Händler und der größte Teil ist geborgtes Geld, also ein Privatkredit. Anders geht es nicht. Und wir werden insgesamt vier Jahre brauchen, die Kredite abzubezahlen. Eigentlich war das zurückgelegte Geld dafür gedacht, das Stalldach neu zu machen. Das wäre am dringendsten. Dann kam der kaputte Traktor dazwischen. Und das war eben dringlicher.

Wie hoch ist der Investitionsbedarf des Betriebes, nur auf den Bestand gerechnet?

Sebastian: Fläche kann man nicht dazu kaufen, hier gibt es nichts. Insofern brauchen wir auch gar nicht groß über Erweiterung nachdenken.

Sarah: Grob überschlagen eine Viertelmillion. Damit hätten wir dann die Flächen, die Gela gehören, gekauft. Und wenn wir bei Wünsch-dir-was sind, würde ich am liebsten den alten Stall abreißen und einen neuen bauen. Weil wir den alten bis zu unserer Rente andauernd werden flicken müssen. Auch für richtig viel Geld. Aber uns fehlen die Möglichkeiten, ein komplett neues Stallgebäude hinzubauen. Das geben unsere Einnahmen nicht her, dafür sind wir zu klein.

Das heißt, dafür müsstet ihr wachsen? Welche Ansätze gäbe es denn da?

Sarah: Man kann einen neuen Betriebszweig dazu nehmen, der richtig Cashflow hat. Ich kann die Produktion vergrößern. Ich habe dafür aber keine Arbeitskapazitäten. Basti und ich arbeiten 50 bis 60 Stunden die Woche. Wir müssten also jemanden anstellen. Du bekommst hier kein Land. Viele Leute fragen uns, warum wir nicht mehr Käse machen. Würden wir verkaufen, auf jeden Fall. Aber das ist ein Fass ohne Boden. Du brauchst einen größeren Stall, einen größeren Melkstand, eine größere Käserei, einen größeren Kessel, einen größeren Reiferaum, dann reicht es wahrscheinlich nicht mehr aus, hier zu verkaufen. Heißt, ich müsste in den Handel gehen oder auf Märkte fahren. Dafür bräuchte ich auch mehr Personal. Und ehrlich, wir mögen es, wie wir hier arbeiten. Gestern war ich auf einem Seminar in Eberswalde. Da waren junge Leute, die halt 50.000 Bio-Legehennen haben. Da merkst du, die gehen ganz anders ran. Das sind Business-Leute. Das bin ich nicht. Ich will auf meinen 30 Hektar ein bisschen die Welt retten und einen Bauernhof aus der Landliebe-Werbung haben. Und da kann man sich über Wasser halten, aber nicht reich werden. Stimmt‘s Basti, du doch auch?

Sebastian: Klar.

Heißt, ihr könnt gut mit dem leben, was hier ist und was es an Möglichkeiten bietet. Wird es genügen, auch für die nächsten Jahre und Jahrzehnte? Ihr seid ja noch jung.

Sebastian: Ich kann mir gut vorstellen, das bis zur Rente zu machen. Wenn es dann noch Rente gibt. Es ist gut so, wie es läuft.

Sarah: Krank werden dürfen wir nicht. Dann wird es schwierig. Aber es ist schön, wie es ist und wir machen das hier sehr gern.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln