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Der Bauer erkennt sein Schwein an den Daten

Technisierung als Heilspraxis: über Kühe, die SMS versenden, »smarte« Bienenstöcke und moderne Landmaschinen als rollende Netzknoten

  • Von Frank Beuth
  • Lesedauer: 7 Min.

Noch bevor das Internet für Menschen mit angemessener Bandbreite all unsere Dörfer erreicht hat, wurde das »Internet der Dinge« nicht nur für die Industrie, sondern auch für die Landwirtschaft 4.0 in Stellung gebracht. Im Kern verspricht es die Segnungen der digitalen Transformation für Vieh und Acker. Die Vorteile dürften unstrittig sein, obgleich die Studienlage zum sogenannten »Precision-Farming« naturgemäß noch dünn ist. Deshalb überwiegen für den Moment die Versprechen: Arbeitserleichterung, Ressourceneffizienz, Tierwohl und Transparenz der Lieferkette.

Die Möglichkeit solcher Versprechen ergibt sich aus dem Stand der Technik, für den – das weiß jeder, der schon einmal eine Landwirtschaftsmesse besucht hat – mächtig akquiriert wird. Das hat gute Gründe, denn die Ernährung von knapp acht Milliarden Menschen gibt sich unschwer als dauerhaftes Konjunkturthema zu erkennen. In Anlehnung an die sprichwörtliche Eigenwerbung des Berufsstandes der Bestatter »Gestorben wird immer!«, könnte man hier getrost sagen: »Gegessen wird immer!« Jedenfalls da, wo es was zu essen gibt. Man sollte daran sehen können, dass dieses Thema wirklich sensibel ist. Wenn der Magen leer bleibt, platzt das Wohlstandsversprechen, auf dem die westlichen Demokratien fußen. Kluge Politiker wissen das. Dann könnte mehr gekündigt werden als ein Generationenvertrag.

In einer Rede der Bundeslandwirtschaftsministerin wurde kürzlich die Formulierung vorgetragen, dass wir die Version 4.0 der Landwirtschaft brauchen, um die Schäden früherer »Fortschritte« zu überwinden. Für diese Nummer möchte man ihren Redenschreiber sofort umarmen. Aber so entwaffnend ehrlich sie ist, so naiv ist sie auch.

Natürlich ist nicht eingepreist, dass niemand genau wissen kann, ob und falls ja, wann die Reparatur der Folgen der aktuellen Fortschritte fällig gestellt wird. Sie wird sich vielleicht nicht an der Bodenqualität oder der des Grundwassers entzünden, was eine großartige Leistung wäre. Aber möglicherweise an den üblichen Themen unserer Zeit wie Datenhoheit, Datensouveränität oder Agrarkonzerne, die es verstehen und über die Ressourcen verfügen, sich schneller als jeder Einzelbetrieb in die Pole-Position der Big-Data-Landwirtschaft zu bringen. Die Versprechen klingen großartig, die Chancen seien einmalig, aber es gehört zu den Eigenheiten des Fortschrittsbegriffs, die Einmaligkeit der Umstände zu betonen.

Von Bauernverbänden sind bei aller Euphorie gelegentlich nachdenkliche Stimmen zu hören, dass die Digitalisierung der Landwirtschaft keinesfalls die »Naturbeobachtung«, das »Wissen« und die »Erfahrung« der Bauern ersetzen könne. Sie solle vielmehr als »Hilfsmittel« betrachtet werden. Das könnte aber auf lange Sicht eine Fehleinschätzung sein.

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Denn die Idee einer digitalisierten Landwirtschaft ist gerade die, ein Sensorium – ein Maschinen-Sensoren-Netzwerk – aufzubauen, dass zuverlässig Messdaten über alles liefert, miteinander verknüpft und auswertet. Zwingend wird hier auf lange Sicht greifen, was der Soziologe Richard Sennett »multi-sensorische Verkümmerung« nennt. Wer nur nach Navigationssystem fährt, kann irgendwann keine Karte mehr lesen.

Der Gedanke eines solches Sensoriums wurde erstmals 1992 in einem Aufsatz mit dem Titel »Der Computer für das 21. Jahrhundert« angedeutet. Mark Weiser, damals leitender Wissenschaftler bei Xerox Parc, einer legendären Brutstätte für Technologieentwicklung, gab darin der Tendenz einen Namen, dass Computer bis zur Unsichtbarkeit kleiner und zugleich leistungsfähiger werden: »Ubiquitous Computing«. Nicht im stationären Personal Computer, der den Nutzer in eine immobile Situation nötigt und ihm bei der Bedienung seine volle Aufmerksamkeit abverlangt, liege die Zukunft, sondern in unzähligen kleinen – allgegenwärtigen – Computern, die uns bedienen, ohne von uns bedient zu werden.

In der Industrie schlug Weisers Aufsatz heftig ein. So heftig, dass seine Bezeichnung »ubiquitäres« Computing rasch zum sogenannten »pervasiven« Computing geschärft wurde. Das betont nämlich anstatt der Allgegenwart von Computern deren wechselseitige Durchdringung. Man beachte den feinen Unterschied: Durchdringung fasst präziser den Netzwerkgedanken und damit die Idee der permanenten Datenerhebung und des Datenaustauschs. In der Folge wurden die Rechenzentren zur Cloud, was kaum als begriffliche Schärfung durchgeht, aber immerhin als gut handhabbare Bezeichnung für alles, was an die Zukunft »angeschlossen« werden will: Innovate or die.

Seither versenden Kühe SMS mit Vitaldaten, kennen wir »smarte« Bienenstöcke, deren Innentemperaturen und Geräuschkulissen rund um die Uhr erfasst und analysiert werden sollen, wird jedem Bauern oder Gärtner zum »intelligenten« Bodenstick geraten, dessen Sensoren für so ziemlich alles einen etwaigen Mangel an Wasser, Stickstoff, Kali et cetera aufspüren und melden. Ganz zu schweigen von modernen Landmaschinen, die als rollende Netzknoten die Sensor-Pakete gleich an Bord haben und nicht mehr nur die Ernte, sondern künftig einen mächtigen Datenschatz einfahren, was die Frage aufwirft, wem der am Ende nutzt.

Es ist zweifelsfrei grandios, was wir technisch bewerkstelligen können. Aber mindestens zwei Dinge zeichnen sich hier ab. Zum einen steht eine Landwirtschaftsindustrie mit groß dimensionierten Flächen und Tierbeständen im Fokus, auf die bislang auch die EU-Förderinstrumente ausgerichtet sind.

Zum anderen erscheint Technisierung als die Heilspraxis, was trügerisch ist. Phänomene wie das Insektensterben müssten uns ernsthaft Sorgen machen, aber mit dem Drohnen-Schwarm in der Hinterhand, der notfalls das Bestäuben übernehmen könnte, verliert die Nachricht ihren Schrecken. Blühstreifen kann man fördern, man kann sie aber auch fordern, ohne dass der Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttert würde. Wo das als unzulässiger Eingriff in privates Eigentum abgewehrt wird, ist entgegenzuhalten, dass Überdüngung oder Pestizide aus der »Schrotflinte« ihrerseits unzulässige Beeinträchtigungen öffentlicher Ressourcen wie Grundwasser, Flüsse und Seen, Kulturlandschaften oder Luft sind. Mit der Präzisions-Landwirtschaft werden wir vieles besser machen, aber nicht alles richtig. Ihre Sensoren sind unsensibel für Missstände. Aus der Datenlage allein wird kein Zweifel an der Intensität der Bewirtschaftung erwachsen.

Der Philosoph Martin Heidegger hatte die Logistik vor Augen, die praktische Rechenkunst, als er die Kybernetik als »Vollendung der Metaphysik« bezeichnete. Es ist nicht mehr der Mensch, sondern die Technik, die »die Dinge stellt«, schreibt er in der nur ihm eigentümlichen Sprache über »Die Verwüstung der Erde«. Man darf Heidegger wirklich nicht alles glauben, aber für das Wesen der Technik hatte er ein untrügliches Gespür. Dem ländlichen Raum hat die Logistik längst ihren Stempel aufgedrückt. Sie hat Landschaften mit errechneten Trassen und Schneisen zerteilt und an den Knoten- und Umschlagpunkten der Lieferketten menschenleere Un-Orte hervorgebracht, planmäßig ohne jede Beziehung zu ihrer Nachbarschaft. Auch die industrielle Landwirtschaft, die bei Digitalisierung und Automatisierung schon immer weit vorn war, hat die Tendenz zur Logistik. Als datengetriebene Wirtschaftsform macht sie sich barrierefrei anschlussfähig an die Kommunikations- und Transaktionsbedingungen einer globalen Infrastruktur, indem sie ihre Betriebsmittel in maschinenlesbare Zeichen verwandelt: Daten über Düngerbedarfe, Reifeprozesse und exakte Prognosen von Erntezeitpunkten können auf diese Weise mit Bestellsystemen und Handelsplätzen harmonisiert werden. Wir erleben die Kybernetisierung der Landwirtschaft.

Wer dem skeptisch gegenübersteht, hört an dieser Stelle oft die Phrase, dass es nicht anders geht, weil die Welt immer digitaler wird. Das ist aber Unfug. Unsere »Lebenswelt« – Heidegger würde sagen: unser alltägliches »In-der-Welt-sein« – wird kein Stück digitaler. Sie wird mit einem digitalen Layer überzogen, der, weil alles mit allem nahtlos kommuniziert, den Anschein ausbalancierter globaler Kreisläufe erweckt. In Wirklichkeit ist der Landwirtschaft die Kreislaufidee längst abhanden gekommen und kein »Precision-Farming« wird sie wiederbringen, weil es vom Status quo her optimiert und suggeriert, dass es eigentlich gar keine Bauern mehr braucht, die eine Handvoll Ackererde zwischen den Fingern zerkrümeln und wissen, was sie wissen.

Die alte Idee regionaler Kreisläufe ist heute nur in der Nische zu finden, in der Bäuerinnen und Bauern wirtschaften, die Ackerkunde mit ökonomischem Sachverstand in Einklang bringen, die wissen, welche Pflanzen zueinander gehören, um auf Pestizide verzichten zu können und deren Viehbestände sich nicht an globalen Vermarktungschancen bemessen, sondern an verfügbaren Flächen. Sie stellen sich Sinnfragen, weil sie ihre Urteilskraft bemühen.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Menschen und noch so intelligenten Maschinen. Im Glanz der Hightech-Lösungen nehmen wir das nur nicht als Fortschritt wahr. Tatsächlich entstehen hier nicht nur qualitativ hochwertige Landwirtschaftsprodukte, sondern innovative soziale Praktiken wie die solidarische Landwirtschaft. Wo noch Dorf ist, ist diese Wirtschaft am ehesten anschlussfähig an die informelle Ökonomie des Dorfes.

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