Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Motiv Rassismus?

Nach tödlichem Messerangriff auf 15-jährigen Geflüchteten in Celle schweigt der Täter

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.

War Rassismus der Grund dafür, dass Arkan Hussein Khalaf sterben musste? Der 15-jährige Jeside war am Abend des 7. April in Celle mit einem Freund in der Nähe des Bahnhofs mit dem Fahrrad unterwegs, als er unvermittelt von Daniel S. mit einem Messer angegriffen wurde.

Wenige Stunden später erlag der Jugendliche im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. »Wir sind über das Wasser gekommen und hier im Blut ertrunken«, sagte die Schwester des Getöteten der kurdischen Tageszeitung »Yeni Özgür Politika«. Der 15-Jährige war mit seiner Familie 2014 aus der kurdischen Region Sindschar im Nordirak vor dem Terror der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« gegen die jesidische Bevölkerung geflohen. Die Eltern erreichten mit ihren drei Töchtern und drei Söhnen über die Türkei und Griechenland Deutschland und ließen sich 2015 in Celle nieder.

Am 8. April hatten das Polizeipräsidium Celle und die Staatsanwalt Lüneburg mitgeteilt, der 29-jährige Täter, der von Khalafs Freund festgehalten und der Polizei übergeben wurde, habe den Jugendlichen mutmaßlich grundlos niedergestochen. Er sei mit dem Täter nicht bekannt gewesen. In der gemeinsamen Pressemitteilung hieß es auch, die bisherigen Ermittlungen hätten »in keiner Hinsicht« Anhaltspunkte für eine »ausländerfeindliche oder politisch motivierte Tat« geliefert.

Jesidische Vereine hatten der Staatsanwaltschaft danach vorgeworfen, einen möglichen rassistischen Hintergrund des Verbrechens mit dem Verweis auf eine mögliche psychische Erkrankung des Täters vorschnell kleinzureden.

Am Dienstag äußerte sich Oberstaatsanwalt Lars Janßen zu dem Fall und betonte, hinsichtlich des Tatmotivs werde »in alle Richtungen« ermittelt. Dabei würden auch »das persönliche Umfeld sowie die Social-Media-Accounts des 29-Jährigen durchleuchtet«.

Das haben Journalist*innen des Blogs »Störungsmelder« auf Zeit-Online bereits unmittelbar nach der Tat getan. Dabei stießen sie auf »drei Social-Media-Konten des Täters, die eine Nähe zu rechtsextremen Verschwörungsideologien belegen«. Unter den Onlinefreunden von Daniel S. seien »mehrere Neonazis und Rechtsradikale«, heißt es in dem Blogartikel. Allerdings seien auch Kurden und Türken unter seinen Internetbekanntschaften. In dem Beitrag ist unter anderem ein Screenshot zu sehen, der ein mit einem Hakenkreuz garniertes antisemitisches Meme von einer der Webseiten zeigt, die S. besucht hat. Die Polizei bestätigte mittlerweile, dass es sich beim Inhaber der fraglichen Accounts um den inhaftierten Verdächtigen handelt.

Der niedersächsische Flüchtlingsrat forderte, das Tatmotiv müsse »gründlich und vorbehaltlos« ermittelt werden. Dabei seien auch gesellschaftliche Zusammenhänge zu berücksichtigen: »Zu oft haben wir in der Vergangenheit erlebt, dass eine rassistisch motivierte Gewalttat zunächst als Tat eines verwirrten Einzeltäters abgetan wurde und sich später herausstellte, dass Rassismus vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Stimmungslage der Antrieb für das Verbrechen war.«

Am Karfreitag erinnerten jesidische Verbände gemeinsam mit der VVN-BdA und weiteren antifaschistischen Initiativen an Morde an Migrant*innen in Deutschland, bei denen zunächst schnell von unpolitischen Einzeltätern die Rede gewesen war. Auch wenn es bislang keine Hinweise darauf gebe, dass Daniel S. ein organisierter Neonazi sei: Seine Internetaktivitäten legten zumindest eine Nähe zu rassistischem und antisemitischem Gedankengut nahe. In den letzten Jahren ist es zivilgesellschaftlichen Gruppen wiederholt gelungen, den rechten Hintergrund zunächst für unpolitisch erklärter Taten offenzulegen.

Gegen Daniel S. war am 8. April Haftbefehl wegen Totschlags ergangen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft und schweigt zu seinen Beweggründen. Arkan Hussein Khalaf gilt den Behörden bislang als Zufallsopfer. S. habe bei seiner Verhaftung einen »verwirrten Eindruck« gemacht, hieß es in der ersten Polizeimeldung. Die Staatsanwaltschaft hat ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln