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  • Sport
  • Doping und Corona-Pandemie

Kaum unter Kontrolle

Dopingbekämpfung ist weltweit schwierig geworden. Das besorgt auch die Athleten

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 4 Min.

Covid-19 hat auch die Dopingjäger erwischt: Die Nationalen Antidoping-Agenturen haben auf Heimarbeit umgestellt. »Auch wir befinden uns weitgehend im Home Office«, teilt Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti Doping Agentur Deutschland (Nada) dem »nd« mit. Sportlerinnen und Sportler müssen zwar weiterhin die Angaben über ihren Aufenthaltsort ins weltweite Meldesystem Adams eintragen. Aber Dopingkontrolleure tauchen nicht bei ihnen auf.

Die Weltantidopingagentur Wada konstatierte eine »signifikante Reduzierung und in einigen Fällen auch komplette zeitweilige Aussetzung der Testprogramme«. Das teilte Wada-Sprecher James Fitzgerald dem »nd« mit.

»Wir haben das klassische Dopingkontrollsystem mit den Blut- und Urinkontrollen seit 23. März komplett zurückgefahren«, beschrieb Gotzmann das Szenario für die Nada. Ähnlich sieht es bei der International Test Agency ITA aus. Sie koordiniert im Auftrag des IOC die Tests bei den meisten Olympischen Sportarten. »Die ITA musste eine Reihe von Testmissionen vorübergehend verschieben«, sagte ITA-Sprecherin Marta Nawrocka. Sie betonte zwar: »Alle Dopingkontrollen bei einem bestimmten Athleten oder einer Athletin, die zu diesem Zeitpunkt von der ITA nicht durchgeführt werden können, werden auf die nächstmögliche Gelegenheit verschoben.« Aber Fakt ist: Die Kontrolllücke ist groß.

Mit konkreten Zahlen will keine Antidoping-Organisation herausrücken. Das ist merkwürdig, werden sie doch aus öffentlichen Geldern finanziert. Die Größe des Einschlags kann man aber an der Anzahl der Analysen in den Kontrolllabors ermessen. »Während zu Beginn 2020 noch im üblichen Umfang reguläre Kontrollproben in Köln eingetroffen sind, ist der Probeneingang seit Mitte März um etwa 90 bis 95 Prozent zurückgegangen, sowohl Wettkampf- als auch Trainingskontrollen betreffend«, konstatierte Mario Thevis, Leiter des Kölner Labors.

Sein Labor immerhin arbeitet in vollem Umfang. 13 der insgesamt 30 akkreditierten Wada-Labore sind wegen Covid-19 aber nur eingeschränkt funktionstüchtig. Das Labor in Helsinki hat sich wegen eines Umzugs selbst suspendiert. Den Laboren in Athen, Bangkok und Neu-Delhi wurde wegen Unregelmäßigkeiten die Lizenz entzogen, schreibt die Wada auf ihrer Webseite. Die aktuelle Kontrolllücke löst inzwischen auch bei Athleten die Sorge aus, dass die Konkurrenz die Gelegenheit zum Dopen nutzen könnte. Bei einer Blitzumfrage der Athletics Association, einer Vereinigung von Leichtathleten, befürchteten dies 78 Prozent der 685 befragten Sportler aus 82 Ländern.

Die gegenwärtigen Reisebeschränkungen sind nicht das größte Hindernis für Kontrollen. »Die Anreise der Kontrolleure ist auch nach heutigem Maßstab ziemlich sicher. Sie steigen bei sich ins Auto ein und beim Sportler wieder aus. Aber der Kontrollvorgang als solcher ist das Problem. Bei Urinkontrollen ist das Abstandhalten noch einigermaßen möglich. Bei Blutkontrollen wird dies schwierig«, erklärt Ernst König, Direktor von »Antidoping Schweiz«.

Vereinzelte Trainingskontrollen ordnet er noch an. Das Personal komme aus dem Gesundheitswesen, »es ist steriles Arbeiten gewohnt und desinfiziert auch sonst die Arbeitsgeräte. Handschuhe sind ebenfalls Standard. Neu hinzu kommen nur die Masken«, so König.

Auch in den USA wird nach Doping gefahndet. »Wir testen weiterhin. Wir führen dort Kontrollen durch, wo es noch möglich und auch sicher ist«, sagte Travis Tygart, Chef der Usada, am Telefon. Er schickt die Kontrolleure mit chirurgischen Masken und Handschuhen los. »Es wird desinfiziert und Athleten und Kontrolleure achten auf die soziale Distanz«, meinte Tygart. Seiner Einschätzung nach reagieren die Athleten positiv auf die Kontrollen. Bevor die Usada bekannt gegeben hätte, wie sie in dieser besonderen Situation vorgehen wolle, hätten sie Gespräche mit Athleten geführt. »Sie haben alle gesagt: Ihr müsst weiter testen, um zu verhindern, dass manche versuchen könnten, Vorteile aus der Situation zu ziehen. Die Sportler helfen selbst mit dem Einhalten der sozialen Distanz und den anderen Vorkehrungen, um zu demonstrieren, dass sie sauber sind«, erzählte Tygart.

Den Wunsch, die Sauberkeit der eigenen Leistungen zu beweisen, konstatiert Nada-Chefin Gotzmann auch bei deutschen Athleten. Als eine Art Glaubwürdigkeitsversicherung führt die Nada gegenwärtig das Projekt »Dried Blood Spot« ein. »Dabei bringen Sportlerinnen und Sportler unter Videoaufsicht einen kleinen Tropfen Blut auf Millimeterpapier und lassen ihn der Nada zukommen«, erklärte Gotzmann. Das Verfahren wurde bisher zur Erkennung von Stoffwechselerkrankungen bei Neugeborenen eingesetzt - Innovation also auch im Antidopingkampf.

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