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»Wir sind über das Wasser gekommen und hier in Blut ertrunken«

Kochar Sido Khidir verlor am 7. April ihren Sohn. Der 15-Jährige wurde in Celle von einem Deutschen getötet

  • Von Interview: Leylan Uca
  • Lesedauer: 4 Min.

Was für ein Junge war Arkan?
Als wir aus dem Irak geflüchtet sind, war Arkan erst zehn Jahre alt. Er war ein lieber und lustiger Junge. Er konnte niemandem etwas zuleide tun und hatte keine schlechten Angewohnheiten. Ich vermisse ihn so sehr.
Hätte er mit dem Täter gestritten, dann hätte ich gesagt, er wurde während eines Streits getötet. Hätte er einen Verkehrsunfall gehabt, dann könnte ich sogar damit leben. Wäre er aus einem Grund getötet worden, hätte ich vielleicht sagen können, mein Sohn war auch schuld. Aber er wurde einfach während des Vorbeifahrens auf dem Fahrrad erstochen. Ich bin doch nicht hierher gekommen, damit mein Sohn getötet wird!

Was wissen Sie über den Täter?
Es wurde gesagt, er hätte unter Drogen gestanden. Das glaube ich nicht. Mein Sohn wurde mit nur einem Messerstich getötet. Journalisten von »Zeit online« haben recherchiert, dass gleich drei Social-Media-Konten des Täters auf seine Nähe zu rechten Verschwörungsideologien hinweisen. Es gibt zwar noch keine Beweise, aber mein Mann und ich, wir erwarten von der Justiz und von der deutschen Regierung, dass der Tod unseres Sohnes so schnell wie möglich aufgeklärt wird. Wir wollen Gerechtigkeit. Und vor allem wollen wir wissen, warum!

Sie sind vor dem »Islamischen Staat« aus dem Irak geflüchtet. Wie haben Sie den 3. August 2014 erlebt?
Wir sind aus dem Dorf Borik im Gebiet Sinun in der Region Sindschar. Als der Islamische Staat an diesem Augusttag das Gebiet angegriffen hat, wollten wir nicht weggehen. Ein Teil unserer Familie ist erst mal zu Hause geblieben, denn wir hatten die Gefahr unterschätzt. Aber fünf meiner Kinder sind ins Sindschar-Gebirge geflüchtet. Arkan war dabei, außerdem zwei seiner Schwestern und zwei seiner Brüder. Sie wurden auf der Flucht von einem Fahrzeug des IS abgefangen. Arkans Brüder wurden in den Wagen gezerrt, aber weil ihre Geschwister so laut um Hilfe riefen, wurden sie wieder freigelassen und konnten sich in Sicherheit bringen.
Nachdem wir erfuhren, dass der Islamische Staat Frauen und Kinder verschleppt, haben auch wir Eltern mit den drei anderen Kindern die Flucht ergriffen.

Ihre Familie war also mehrere Tage getrennt. Wie war das für Sie?
Es waren die schlimmsten Tage für uns. Das dachte ich zu dem Zeitpunkt zumindest und wusste nicht, dass es für mich als Mutter noch schlimmer kommen würde. Die fünf Kinder waren ohne Lebensmittel und ohne Getränke geflohen, deshalb habe ich mir große Sorgen gemacht.

Wann sind Sie geflüchtet und wie ist Ihre Familie wieder zusammengekommen?
Wir sind einige Tage später einfach losgegangen. Wir hatten nichts zu essen und nichts zu trinken. Unterwegs haben wir ein Fahrzeug von IS-Milizen gesehen und uns hinter einer Böschung versteckt. Dann sind wir weiter in Richtung des Tempels Scherfedin, um von dort aus weiter ins Gebirge zu gehen. In Scherfedin angekommen, haben wir uns erst mal nach dem Rest unserer Familie erkundigt. Dort wurde uns gesagt, wo unsere Kinder sind, und so haben wir sie gefunden. Sieben Tage haben wir im Gebirge ausgeharrt. Dann hat der Cousin meines Mannes angerufen und uns informiert, dass die kurdische Volksverteidigungseinheit Syriens, YPG, einen Korridor nach Syrien geöffnet hatte. Also haben wir uns auf den Weg gemacht. Nachts sind wir in einem Camp in Syrien angekommen und von da ging es weiter in die Türkei.

Wann sind Sie nach Deutschland geflüchtet?
Es war im November 2014, und angekommen sind wir im Dezember. Wir sind von der Türkei aus mit Schlauchbooten nach Griechenland. Damit im Fall eines Bootsunglücks nicht die ganze Familie ums Leben kommt, haben wir uns in drei Gruppen aufgeteilt. Mit uns waren so viele Menschen auf dem Boot. Von Griechenland aus sind wir dann nach Deutschland gekommen.

Wie erging es Ihnen nach Ihrer Ankunft in Deutschland?
Wir haben nur gesagt: Gott sei Dank, wir sind nun endlich von diesem Grauen erlöst. Wir hatten einen Völkermord und die Tortur der Flucht nach Deutschland hinter uns. Vorher hatten wir fast fünf Monate in Angst und Ungewissheit gelebt. Es war der reinste Alptraum. Ich dachte, nun ist der Alptraum beendet. Ich wusste doch nicht, dass wir hier auch in Angst leben müssen. Derjenige, der meinen Sohn auf dem Gewissen hat, ist für mich wie jemand vom Islamischen Staat.
Wir sind aus Angst vor dem Tod aus Sindschar geflüchtet, und nun wurde mein Sohn hier in Deutschland getötet. Hätte ich gewusst, dass ich selbst hier nicht in Sicherheit leben kann, hätte ich meinen Sohn niemals nach draußen gelassen. Er war gerade mal 15, aber sein Mörder ist doppelt so alt. Wir sind über das Wasser gekommen und hier in Blut ertrunken.

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