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Falsche Zahlenspiele

Viele Profiklubs beklagen eine bevorstehende Pleite. Dabei tragen sie gern zu dick auf

  • Von Michael Wilkening, Mannheim
  • Lesedauer: 3 Min.

Zwanzig Millionen Euro - vor ein paar Tagen nannte Frank Bohmann, Chef der Handball-Bundesliga (HBL), wie selbstverständlich diese Summe. Die Klubs der Handball-Bundesliga würden zusammen 20 Millionen Euro verlieren, wenn die Saison abgebrochen werden müsste. Im Schnitt müsste jeder Verein einen Verlust von mehr als einer Million Euro wegstecken, rechnete Bohmann vor.

Voraussichtlich beschließen die Vereine der Liga bis Dienstag, dass die aktuelle Spielzeit abgebrochen wird - auf 20 Millionen Euro werden die Klubs aber nicht sitzen bleiben. Die tatsächlichen Verluste sind für viele Vereine existenzbedrohend. Sie liegen aber deutlich unter der vom Liga-Boss aufgezeigten Summe.

Im Augenblick kämpft jeder Profiklub in Deutschland mehr oder weniger aussichtsreich ums Überleben, denn die Grundlage des Geschäftsbetriebes, der sportliche Wettkampf, ist weggebrochen. Auch Handball-Boss Bohmann sorgt sich um die Bundesligisten und den Fortbestand der ganzen Liga, aber seine Rechnung ist ziemlich einseitig.

Sie sieht vor, dass die Vereine neben den ausbleibenden Einnahmen im Ticketing anteilig ebenso Dauerkartenkäufer und Sponsoren entschädigen müssten. Dazu wären die Vereine gezwungen, sobald sie dazu aufgefordert würden. Das ist aber nur selten der Fall. »Wir bekommen sehr viel positive Resonanz von unseren Fans und den Sponsoren«, sagt Jennifer Kettemann. Wie die Geschäftsführerin der Rhein-Neckar Löwen äußerten sich zuletzt auch die Manager vieler Konkurrenten.

Zudem lindern Kostensenkungen das Minus: Die Klubs reagierten mit Kurzarbeitergeld auf die Corona-Pandemie, bei allen Klubs verzichten die Profis auf einen Teil ihrer Gehälter. Außerdem fallen keine Reisekosten an, die Ausgaben bei der Durchführung von Heimspielen gibt es nicht mehr. »Wir schaffen es bis Juni«, sagt Bob Hanning, Manager der Berliner Füchse. Bis zum regulären Ende der Spielzeit am 30. Juni dürften die Bundesligaklubs trotz Saisonabbruch durchhalten. Problematisch wird es hingegen, sollte das Verbot von Großveranstaltungen nicht nur bis Ende August, sondern deutlich länger gültig sein.

Das gilt gleichermaßen auch für den Fußball, wo die Deutsche Fußball Liga (DFL) vorrechnete, für die Klubs der ersten beiden Spielklassen stünden bis Saisonende 720 Millionen Euro auf dem Spiel, sollte die Saison nicht beendet werden. Auch diese Summe ist bei genauerem Hinsehen nicht haltbar und könnte ohnehin obsolet werden, weil sich die Partner der TV-Vermarktung offensichtlich bereiterklären, eine letzte Rate für die Spielzeit 2019/20 zu zahlen, selbst wenn es zu einem Abbruch kommen sollte.

In der 3. Liga ist hingegen unter den 20 Klubs ein Streit entbrannt, ob die Saison mit Geisterspielen sportlich beendet oder abgebrochen werden soll. Die Befürworter von Geisterspielen stützen sich dabei auf ein vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) in Umlauf gebrachtes Papier, das ligaweit einen Verlust von 30 Millionen Euro ausweist, wenn der Ball nicht mehr rollt. Sollten tatsächlich im Schnitt 1,5 Millionen Euro Verluste auf die Klubs zukommen, wären wohl 80 Prozent aller Vereine zahlungsunfähig.

Die Realität sieht jedoch anders aus, denn fast alle Vereine sparen durch den Einsatz von Kurzarbeitergeld große Teile der Gehaltskosten ein. Das wäre nicht mehr möglich, sollte der Spielbetrieb fortgesetzt werden. Im Schnitt gaben die Drittligisten in der vergangenen Spielzeit monatlich mehr als 200 000 Euro für ihre Profimannschaften aus. Durch reduzierte Ausgaben sind die meisten Drittligisten in der Lage, die laufende Saison ohne zwingende Insolvenz zu überwinden.

Ausnahmen gibt es, doch das hängt laut Bob Hanning nicht nur mit der Corona-Pandemie zusammen. »Wer schon vorher Probleme hatte, den könnte es jetzt erwischen«, sagt der Manager der Berliner Füchse und bezieht das nicht nur auf den Handball, sondern den Profisport insgesamt: »Wir werden nicht alle retten können.« Das wird gelten, obwohl die Verluste in den Profiligen in Deutschland deutlich geringer ausfallen als medienwirksam verkündet.

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