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Kleinbürgerliche Systemrelevanz

Nicht nur Ärzte, Pflegekräfte und Polizisten: In Wahrheit ist kaum jemand entbehrlich, meint Roberto J. De Lapuente.

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

In den letzten Wochen wurde viel von Systemrelevanz gesprochen. Und zwar darüber, welche Berufe systemisch von Tragweite sind – und welche nicht. Obgleich man den Damen und Herren bei Rewe, Penny, Aldi und Co. selbige nachsagte, durften sie ihre Kinder jedoch nicht in einer der wenigen Angebote zur Notbetreuung abstellen. Die waren für Polizisten-, Ärzte- und Pflegekräftekinder reserviert. Auch die Kinder vom Postboten, dem Paketlieferanten und jenen Boten, die bei Bestellung auch ganze Mahlzeiten bis an die Wohnungstür bringen, blieben unbetreut. Als systemrelevant hat man diese Leute zuletzt trotzdem eingestuft.

Klar ist natürlich auch, dass man nicht einerseits Schulen und Kindertagesstätten schließen kann, um andererseits trotzdem die Notbetreuung im ganz großen Stil aufzufahren. Das, was man in den letzten Wochen so vernimmt, lässt allerdings einen Schluss zu: Es sind schon wesentlich mehr Leute nötig als Polizei und medizinische Berufsgruppen, um systemisch nicht abzuschmieren. Schade eigentlich, dass man das erst jetzt bemerkt, wo einem die Krise derart existenzielle Fragen aufzwingt.

Erst in den letzten Wochen spendet man Kassenkräften und DHL-Leuten dankbaren Applaus. Vor einigen Monaten diskutierte man noch, wie man sich über säumige Boten wohl am besten beschweren könne. Und die Dame an der Kasse, die grüßte man nicht mal, lieber telefonierte man, während sie die Waren über den Scanner zog.

Wer ist nun also für das System wichtig? Diese Systemfrage, die da terminologisch mitschwingt, führt freilich in die Irre. Denn es geht ausnahmsweise mal nicht um den Kapitalismus – nicht direkt -, sondern darum, wer und wessen Arbeit so wichtig ist, dass sie den Erhalt der Infrastruktur und den alltäglichen Ablauf gewährleistet. Wer ist eigentlich too big to fail? Wessen pandemisches Scheitern können wir uns als Gesellschaft nicht leisten?

Nehmen wir nur mal ein Krankenhaus, den Hauptschauplatz der Corona-Krise. Dort sind ja nicht nur Mediziner und Pflegepersonal tätig. Verwaltungsangestellte versuchen eine Ordnung hineinzubekommen, die die beiden erstgenannten Gruppen gar nicht umsetzen könnten. Und in welchem Operationssaal will und kann ein Chirurg operieren, wenn vorher nicht geputzt wurde? Ja, auch in internistisch-virologischen Zeiten wie unseren, wird dann und wann noch operiert. Wenn auch seltener als vorher.

Lageristen sorgen für Nachschub an Material. Die EDV überwacht den technischen Support. Haustechniker beseitigen Störungen und Defekte. Mitarbeiter, die die Telefonanlage besetzen, stemmen den Anfall gerade jetzt anschwellender Anrufe von Patienten, Angehörigen und einweisender Ärzte. Die Patienten, die stationär da sind, müssen auch mit Nahrung versorgt werden: Das leistet die Küche. Viele Berufsfelder kommen da zusammen; jedes hat seine Aufgabe, sorgt für einen reibungslosen Betriebsablauf. Fällt eine Gruppe aus, so gerät der Betrieb mehr oder weniger schnell an seine Grenzen – oder scheitert.

Man sieht schon, diese Frage nach der Systemrelevanz ist an sich recht ungelenk und ja, auch ziemlich snobistisch. Im Grunde das Produkt einer Gesellschaft, die ganz sicher nicht klassenlos ist und noch immer das antiquierte Ständedenken in den Köpfen archiviert hat. Dort unterscheidet man nach wie vor zwischen wichtigen Leuten und entbehrlichen Mitläufern. Eine solche Denkweise kann sich eine hochgradig arbeitsteilige Gesellschaft aber eigentlich gar nicht leisten. In ihr spielt jede Tätigkeit in eine andere hinein; man bedingt sich werktätig, kaum jemand ist da entbehrlich.

So wie wir über Systemrelevanz diskutieren, jetzt wieder verstärkt, da das Angebot der Notbetreuung für Kinder etwas ausgeweitet werden soll, spürt man den ganzen kleinbürgerlichen Dünkel, den die Debatten über den Arbeitsmarkt in den letzten Jahren verstärkt hat. Dort wurde der Niedriglohnsektor als ein minderwertiger Markt vorgestellt, als Platz für entbehrliche Jobs und ja, leider auch entbehrliche Menschen. Selbst noch halbwegs ordentlich bezahlte Jobs, wie jener der Kassiererin, wurde als gescheiterter Lebensentwurf deklariert. Die Wahrheit ist allerdings, dass kaum jemand entbehrlich ist – auch und gerade diese respektlos behandelten Berufsgruppen.

Systemrelevant sind wir fast alle. Die Unterscheidung zwischen wichtig und nichtig mag ja jetzt der Krise geschuldet sein: Realistischen Bezug hat sie aber nicht. Gut, ohne Börsenmakler können wir es momentan gut aushalten. Wobei die natürlich hochgradig systemrelevant sind. Wobei damit etwas ganz anderes gemeint ist …

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