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In Sichtweite unerreichbar

Im mexikanischen Ciudad Juárez stecken Geflüchtete fest, ebenso wie Familien, die nicht mehr zueinanderkommen

  • Von Kathrin Zeiske, Ciudad Juárez
  • Lesedauer: 7 Min.

Die Santa-Fe-Brücke liegt verlassen. Dort, wo sich an einem herkömmlichen Wochentag Autos auf dem Weg in die USA stauen und Fußgänger vor der Passkontrolle Schlange stehen, schrubben heute Reinigungskräfte den Asphalt mit Desinfektionsmitteln. »Warum wollen Sie in die Vereinigten Staaten einreisen?«, blafft ein Beamter der Border Patrol (Grenzpolizei, d. Red.) den Fahrer eines Kleinwagens an. Er sei doch American Citizen erwidert dieser mit angespannter Höflichkeit. Jeder unnötige Grenzgang gefährde sein Vaterland, wird er darauf von dem Uniformierten belehrt.

Zwischen den Grenzstädten Ciudad Juárez (Mexiko) und El Paso (USA) steht die Zeit still. Was keine noch so rigide Abschottungspolitik in den vergangenen Jahren erreicht hat, haben Quarantänemaßnahmen gegen das Coronavirus nun geschafft. Die Grenze ist so gut wie dicht. Dabei sind Bevölkerung und Wirtschaft im binationalen Ballungsraum Ciudad Juárez, Mexiko, und El Paso, Texas, eigentlich nicht zu trennen. Rund 4500 Autofahrer und 11 000 Fußgänger kreuzten sonst im Durchschnitt täglich die Brücke; einer von vier Grenzübergängen zwischen den Nachbarstädten. 60 000 Personen haben ein lokales Besuchsvisum, ein paar Hunderttausend bewegen sich mit US-amerikanischer Staatsangehörigkeit und mexikanischen Wurzeln ohne Einschränkungen im Grenzraum, je nach Job, Lebenspartner und Familienkonstellation mittel- oder langfristig auf dieser oder jener Seite der Grenze.

»Die Regierung der USA hat Grenzgänge seit dem 20. März auf ein absolutes Minimum heruntergefahren«, berichtet Grecia Herrera. Die gelernte Kranken- und OP-Schwester leitet die Migrantenherberge Respetttrans in Ciudad Juárez. »Menschen aus der LGBTI-Community, die aus Mittelamerika geflohen sind, finden hier zeitweise ein Zuhause.« Sie selbst ist nun auch mit ihrer Tochter zur Schwester nach Mexiko gezogen. Vorher pendelte sie täglich. Ihr Ehemann steckt als Fernfahrer in Kanada fest. Auch ihre Nordgrenze haben die USA geschlossen. US-Präsident Donald Trump hatte schon Ende März Asylbewerber nicht mehr ins Land gelassen, nun kündigte er an, per Dekret Asylrecht und Einwanderung ganz auszusetzen.

Drei Dutzend junger Transfrauen aus El Salvador und Honduras, die den rosa Kastenbau im Zentrum der staubigen Grenzstadt bewohnen, hatten sich schon vormals auf monatelange Wartezeiten eingerichtet. »Jetzt wissen wir gar nicht mehr, wie es weitergeht«, seufzt África* aus dem honduranischen La Ceiba und schüttelt ihre rot gefärbten Locken. Sie sitzt unter einem Regenbogenbanner, die Möbel sind abgenutzt, der alte Kühlschrank kämpft polternd gegen die Hitze an. Zwei Mitbewohnerinnen machen Pupusas in der offenen Wohnküche, gefüllte Maistortillas auf salvadorianische Art. Im Radio laufen Reggaeton und karibische Hits, von allen leise mitgeträllert. Die Stimmung ist entspannt - trotz allem. »Ich fühle mich hier in Sicherheit«, sagt África. In ihrem Herkunftsland würden Menschen wegen ihrer sexuellen Identität auf offener Straße erschossen oder erschlagen.

Nun müssen sie sich in der Herberge einer neuen Herausforderung stellen. »Hier sitzen alle eng aufeinander, tagsüber im Wohnzimmer und nachts in den Schlafsälen«, erklärt Grecia Herrera. Das bedeute eine hohe Ansteckungsgefahr für eine äußerst verletzliche Bevölkerungsgruppe. Denn viele der Transfrauen haben sich bei der Sexarbeit - oft ihre einzige Einnahmequelle - mit HIV infiziert. Sie müssen ihr Immunsystem stets per Medikation stabil halten. »Erst kürzlich hat eine Windpocken-Epidemie die Flüchtlingsunterkünfte der Grenzstadt heimgesucht«, sagt Herrera. »Angesichts des Coronavirus sitzen wir hier auf dem Präsentierteller.« Sie blickt von der Dachterrasse der Herberge aus auf die Franklin Mountains von El Paso, Texas. Wäsche flattert im Wind. Die Vereinigten Staaten sind nur einen Katzensprung entfernt. Der Traum, dort Asyl zu erhalten, ist für die Hausbewohnerinnen gerade in weite Ferne gerückt.

Einen klaren Unterschied gibt es beim Umgang mit der Krise diesseits und jenseits der Grenze. Während in El Paso, der Einmillionenstadt mit über 500 Infizierten, Ausgangssperre herrscht, bleibt man auf der mexikanischen Seite der Grenze noch immer gelassen. Doch hier ist der Tod auch weitaus alltäglicher, und ein Virus erscheint angesichts der Realität in der Stadt eine wenig greifbare Bedrohung. Der sogenannte Drogenkrieg und die militärische Besetzung von Ciudad Juárez forderten in den Jahren 2008 bis 2012 insgesamt 14 000 Tote. Auch heute weist die Stadt nach Tijuana die zweithöchste Mordrate in Mexiko auf. Im Monat März starben knapp 150 Menschen eines gewaltsamen Todes. Währenddessen blieben die Mordzahlen in El Paso einstellig.

Die Pandemie der Gewalt stehe weiter im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung, so Carlos Murillo, Universitätsdozent und Zeitungskommentator. »Und Quarantänemaßnahmen sind in einer Stadt mit einer so krassen sozialen Schere wie Ciudad Juárez eine Klassenfrage und haben eine Postleitzahl.« Carlos Murillo und seine Familie halten schon lange eine akribische Quarantäne ein. Seit die Universität ihre Türen schloss und wie alle Schulen in die vorgezogenen Osterferien ging, bleiben sie zu Hause. Vor allem, um seine Schwiegereltern zu schützen. Diesen bringen sie nun jeden dritten Tag Einkäufe. Ein Luxus, ermöglicht durch Lohnfortzahlungen auf das Konto. »Wie aber soll jemand, der seinen Wochenlohn in der Fabrik bezieht oder vom täglichen Einkommen im informellen Sektor lebt, zu Hause bleiben?«, fragt Murillo.

Während bessergestellte Familien, die gut informiert sind, schon seit einem Monat freiwillig Quarantänemaßnahmen praktizieren, bleibt das für die Mehrheitsbevölkerung noch immer eine Herausforderung. Auch wenn die mexikanische Regierung nun ebenfalls mit strikteren Maßnahmen nachzieht und die »Phase 3« im Land ausrief.

So liegt die Fußgängerzone im Zentrum von Ciudad Juárez, in der sonst kaum ein Durchkommen ist, verlassen da. Die Gänge der Markthallen, die sonst von Waren überquellen, liegen gespenstisch brach, Metallrollos verschließen Verkaufsnischen. Nur vereinzelte Straßenstände sind zu finden und ambulante Verkäufer mit selbst gebauten Wagen, die Maiskolben, Säfte und Teigwaren zum Verkauf anbieten. An den Ampeln zeigen weiter diejenigen Präsenz, die Windschutzscheiben putzen, Süßigkeiten, Spielzeug - und nun auch Atemschutzmasken - verkaufen.

Für Menschen im informellen Sektor bedeutet jeder Tag ohne ein noch so bescheidenes Einkommen schlichtweg Hunger. Doch auch die Arbeiterschaft der knapp 300 Montagefabriken internationaler Weltmarktunternehmen, die an der Grenze Elektronik für Autoindustrie, Medizin und Robotertechnik zusammensetzt, kann auf keinerlei Ersparnisse zurückgreifen.

Ein Viertel der Bevölkerung der Grenzstadt ist in den sogenannten Maquilas (Lohnveredelungsfabriken, d. Red.) angestellt und führt angesichts von Hungerlöhnen ein Leben zwischen Marginalisierung und Verschuldung. Doch in den Fabriken scheint die Ansteckungsgefahr gerade am größten.

»Fast alle, die in Ciudad Juárez mit dem Coronavirus ins Krankenhaus eingeliefert werden, sind Maquilaarbeiter«, berichtet Ismael Rodríguez, Arzt des öffentlichen Krankenhauses IMSS 66. Der Familienvater streicht sich müde über den kahl rasierten Schädel. Seine Haare hat er vor einer Woche gelassen - eine Hygienemaßnahme des medizinischen Personals der Klinik, die zur Auffangstation für Coronafälle erklärt wurde. Sprach man Anfang des Monats noch vage von »abnormaler Lungenentzündung« als Sterbegrund, liegen heute die Karten offen auf dem Tisch: Die Sterblichkeitsrate liegt in Ciudad Juárez bei 23,5 Prozent der Infizierten. In der Zwillingsstadt El Paso sind es nur 1,5 Prozent. »Was in Ciudad Juárez erschwerend hinzukommt, sind die chronischen Krankheiten einer Industriemetropole mit einer Bevölkerung, die in Armut lebt«, sagt Ismael Rodríguez. Das Zusammenspiel mit Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck und Allergien würden die Virusinfektion tödlich enden lassen.

Wie auch bei der Coronakrise in der norditalienischen Industriezone setzt in Ciudad Juárez die Nichtschließung der Fabriken Menschenleben aufs Spiel. Ausnahmen wie Bosch - das Werk schloss zeitnah -, stehen der Regel gegenüber, dass weitergearbeitet wird. Allein ein Dutzend Todesfälle entfällt auf die Arbeiterschaft der weiter am Río Bravo produzierenden Fabrik des Autozubehörherstellers Lear. In der vergangenen Woche konnte die Belegschaft von Foxconn und Eaton Bussmann erfolgreich eine zeitweise Fabrikschließung bei hundertprozentiger Lohnfortzahlung erreichen. Bei anderen Unternehmen wird weiter gestreikt. Eigentlich hatte die mexikanische Regierung schon am 30. März die Schließung aller nicht lebensnotwendigen Unternehmen angeordnet. Doch knapp 100 Montagebetriebe in Júarez haben dem Dekret bis heute keine Folge geleistet.

Ismael Rodríguez zieht sich seine Handschuhe aus. Es ist eines von fünf Paaren, die die Belegschaft von der Krankenhausverwaltung zugeteilt bekommen hat. Die Ressourcen werden knapp, während die Zahl der Infizierten steigt. Rodríguez geht mit seinen Kollegen auf das Dach des Krankenhauses, um sein Lunchpaket zu essen. Ein Areal, das sie virenfrei wissen. Aus der Höhe blicken sie über das sich unendlich in die Wüste hineinstreckende Häusermeer. Direkt neben den Industrieparks mit den wie große Raumschiffe glänzenden Fabrikhallen liegen die Arbeiterwohnviertel mit Häusern in Schuhkartongröße.

Ob er Angst vor dem Virus habe? Rodríguez verneint. »Wir sind Ärzte. Kein Grund zu Hause zu bleiben.« Schwerwiegender erscheint ihm die diffuse Angst in der Bevölkerung. Attacken auf medizinisches Personal als vermeintliche Krankheitsüberträger sind in Mexiko eine traurige Neuerscheinung in der Coronakrise.

*Name von der Redaktion geändert

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