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Corona

Schutzvisiere made in Fürstenberg

Die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg und ihr Mann Daniel helfen Kliniken.

Von Andreas Fritsche

Normalerweise ist die Tür des sogenannten Verstehbahnhofs in Fürstenberg/Havel weit geöffnet für alle Kinder und Jugendlichen, die sich für die moderne Digitaltechnik interessieren und hier neue Technologien ausprobieren dürfen. »Wir sind barrierefrei in jeder Richtung« betont die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg (Linke), die dieses einmalige Bildungsprojekt mit ihrem Mann Daniel und sieben weiteren Vereinsmitgliedern betreibt. Die speziellen Beschäftigungen in dem nicht mehr seiner ursprünglichen Bestimmung dienenden Bahnhofsgebäude der nordbrandenburgischen Stadt sind so angelegt, dass sie gleichermaßen für Lernbehinderte und Hochbegabte, für Mädchen und Jungen, für Flüchtlinge und Einheimische etwas bieten. Sie werkeln und tüfteln hier Seite an Seite und bauen dabei auch Vorurteile ab, erläutert Anke Domscheit-Berg. Bezahlen müssen die Eltern nichts dafür. »Es gibt schon genug Benachteiligungen für Kinder aus armen Familien.«

Ein fester Stamm von etwa 20 Heranwachsenden kommt gewöhnlich regelmäßig. Manchmal sind es weniger, manchmal viel mehr. Doch im Moment ist der Verstehbahnhof für die wissbegierige Jugend tabu so wie Spielplätze und Klubs. In der Coronakrise gleicht der Raum mit den 3D-Druckern und Lasercuttern einem Hochsicherheitstrakt oder einem Operationssaal. Die Domscheit-Bergs betreten ihn nur mit Mundschutz und nachdem sie sich die Hände desinfiziert haben. Der Versuch, die Funktionsweise der 3D-Drucker vorzuführen, scheitert daran, dass die Geräte jetzt alle dringend eine Wartung benötigen. Die Grundplatten sind zerkratzt, die Düsen verstopft. Das Filament genannte Kunststoffmaterial wird von den Druckern nicht in gewohnter Qualität Schicht für Schicht aufgetragen.

Das kommt davon, dass die Geräte wochenlang fast ununterbrochen gelaufen sind, um behelfsmäßig Schutzvisiere für medizinisches Personal zu produzieren. Vor gut einem Monat ging das los, als Krankenhäuser, Pflegeheime und Arztpraxen über mangelnden Nachschub und zur Neige gehende Reserven klagten. Da nahmen sich die Domscheit-Bergs ein tschechisches Modell eines solchen Gesichtsschutzes und bauten es nach. Für den durchsichtigen Schild, der vor das Gesicht gezogen wird, nutzten sie zunächst Laminierfolien von leider sehr unterschiedlicher Beschaffenheit. Das Teil aus Kunststoff, das mit einem Gummi um den Kopf angelegt wird, der den Abstand zur Stirn hält, formten die 3D-Drucker. Pro Stück benötigten die Drucker anfangs zweieinhalb Stunden. In Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Offene Werkstätten Brandenburg wurde das Modell optimiert, um den Druckvorgang auf 30 Minuten zu reduzieren. Doch für den großen Bedarf dauerte das immer noch zu lange.

Nach den ersten 450 Exemplaren wechselte Daniel Domscheit-Berg deshalb zu einem Modell, bei dem die 3D-Drucker nicht mehr gebraucht wurden und auch das Kopfteil vom Lasercutter zugeschnitten wurde. In dieser Variante entstanden noch einmal 400 Stück. Als das Gummiband ausging, nahm das Ehepaar in Ermangelung einer Alternative Streifen des von Tauchanzügen bekannten Materials Neopren. Aber das lässt sich schwer desinfizieren und ist viel zu teuer. Jetzt wird mit Gummi eines Automobilzulieferers experimentiert. Als die Folien einmal ausgingen - »die Beschaffung ist echt ein Albtraum«, stöhnt Daniel Domscheit-Berg -, half an einem Donnerstag ein verzweifelter Anruf bei einem Hersteller in Stuttgart. Der Chef war von dem Engagement beeindruckt und versprach spontan, dem Verstehbahnhof eine Palette Folien zu schenken. Bereits am Montag darauf stand die Lieferung vor der Tür.

Mit fünf verschiedenen Typen von Schutzvisieren made in Brandenburg zeigt Daniel Domscheit-Berg die Entwicklung, bei der auch die Hinweise von Ärzten und Krankenschwestern berücksichtigt worden sind. Es gab sogar noch mehr als fünf Entwicklungsschritte. Zunächst verschenkte das Eheaar zum Beispiel ein Visier an eine Hebamme, fünf an eine Arztpraxis und ähnlich kleine Mengen an diese und jene Stelle. Als darüber mehrere Zeitungen und das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« berichteten, meldeten sich Kliniken aus Brandenburg und sogar aus dem Ausland. Ein deutscher Arzt, der in einem Krankenhaus im Kongo unterernährte Kinder betreut, die zur Coronavirus-Risikogruppe gehören, fragte per E-Mail an, ob er auch Schutzvisiere bekommen könne.

Mittlerweile sind rund 2500 Visiere verteilt. Kürzlich übergab Anke Domscheit-Berg einen Schwung an das Städtische Klinikum Brandenburg/Havel. Es sind allerdings noch rund 5500 Bestellungen offen. Allein der Landkreis Mecklenburg-Strelitz möchte 2000 Visiere, der Kreis Oberhavel 1000. Von denen nimmt der Verstehbahnhof nun fünf Euro pro Stück.

Für die umsonst verteilten Visiere wurde die Vereinskasse »geplündert«, aber das könne nun für Großabnehmer nicht mehr so weitergehen, sagt Daniel Domscheit-Berg. Den reinen Materialpreis auszurechnen, dazu ist er bisher nicht gekommen. Der Preis habe sich wegen der verschiedenen Modelle auch laufend geändert. Fakt ist: Im Internet werden von anderen ähnliche Visiere für 15 bis 20 Euro angeboten - und die Landkreise waren in ihrer Not bereit, deutlich mehr als fünf Euro zu bezahlen. Aber das wollte der 42-Jährige nicht. »Ich bin zufrieden, wenn wir am Ende mit plus/minus null rausgehen. Sollten wir ein leichtes Plus machen, fließt es in unsere Bildungsprojekte.«

Inzwischen lässt sich der Verstehbahnhof auch die Kopfteile liefern - von einer kleinen Firma im sächsischen Pirna, die diese Teile im schnellen und günstigen Spritzgussverfahren fertigt. Der Verstehbahnhof produziert nun gar nicht mehr selbst. Er entwickelte sich innerhalb weniger Wochen vom Bildungsprojekt zum Hersteller und vom Hersteller zum Logistiker. In zwei Monaten könnte die Wirtschaft übernehmen, schätzt Daniel Domscheit-Berg. Er fragt sich, warum es so lange dauert, bis sich Unternehmen auf den Bedarf einstellen. Seiner Ansicht nach hätten diese dabei nicht so zögerlich sein und Ausschreibungen abwarten dürfen. »Wenn man global und ein bisschen solidarisch denkt, sollte man die Produktion sofort hochfahren«, sagt der Informatiker.

Er will in den kommenden zwei Monaten noch die offenen Bestellungen abarbeiten und meint, der Verstehbahnhof könnte sich dann langsam auf seinen ursprünglichen Zweck besinnen. Zwar weiß niemand, wann die Kinder und Jugendlichen wieder kommen dürfen. Aber es gibt eine Kooperation mit der Literatur-AG des Strittmatter-Gymnasiums in Gransee. Für eine im Verstehbahnhof gebastelte Audiobox sollen literarische Texte eingesprochen werden. »Wir haben das verkackt«, bedauert der 42-Jährige und kratzt sich am Kopf. Jetzt, wo die Theater geschlossen sind, hätten Schauspieler vielleicht Zeit gehabt. Doch seine Frau Anke tätschelt tröstend sein Knie und sagt: »Daniel, so schnell ist die Coronakrise leider bestimmt nicht vorbei. Wir können die Künstler noch ansprechen.«

verstehbahnhof.de

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