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Jungs und Mädchen mit Attitüde

Tom Combo entlässt die nicht mehr ganz so Jungen und Schönen in die Alltagshöllen

  • Lesedauer: 9 Min.

Die Tür zu Brunos Altbauwohnung liess sich nur schwer öffnen. Man musste mit einem Ruck daran ziehen, damit das schwere Holzteil aufschwang und es sogleich wieder abbremsen, damit die Klinke nicht in die Wand einschlug. Davon, dass dies nicht jedem gelang, zeugte ein tiefes Loch in der Rigips-Platte dahinter. Brunos Technik bestand darin, die Tür mit viel Impuls zu öffnen und sie nach einem Griffwechsel sogleich wieder abzubremsen. Alles sehr gekonnt, doch jemand, der vor der Tür stand, war in der Regel überrascht von der Vehemenz, mit der sie geöffnet wurde.

Diesmal war es Kaspar. Er war nicht überrascht.

»Kann ich reinkommen?«

»Klar.«

Bruno führte ihn in die Küche.

»Was zu trinken?«

Kaspar sagte nichts.

Bruno schaute aus dem Fenster: »Worum geht’s denn?«

»Gerda.«

»Ja?«

»Sie macht mir Angst.«

»Ok?«

»Sie hat doch mal bei dir gewohnt ...«

Bruno fragte sich, ob Gerda den Teil mit ihrer Beziehung ausgelassen hatte. Obwohl, Beziehung war vielleicht etwas zu viel gesagt. Oder zu wenig? Bruno konnte diese Frage noch immer nicht genau beantworten.

Gerda war damals bei ihm eingezogen, als ihr Freund Patrick plötzlich spurlos verschwunden war. Sie verbrachten ziemlich viel Zeit zusammen, und ja, Bruno verliebte sich in Gerda. Dann kam Patrick zurück. Im Rollstuhl. Als er erfuhr, dass Gerda bei Bruno eingezogen war, kam er die beiden besuchen. Er liess sich von ihnen in die Wohnung hochtragen. Dann zerstörte er ein paar Dinge. Schliesslich sagte er, dass sie ihn wieder runtertragen sollen. Bald darauf zog Gerda aus und sie verloren sich für eine gewisse Zeit aus den Augen. Bruno sagte zögernd: »Hat sie, ja ... bei mir gewohnt.«

»Ist dir nichts aufgefallen?«

Bruno war eine Menge aufgefallen. Ihre Anmut, die Art, wie sie die Zähne putzte, wie sie ihr rostbraunes Haar kämmte, wie sie ihr schwarzes Haar kämmte, wie sie ihr blondes Haar kämmte, dass sie die Schuhe nie band, sondern die Senkel immer so locker hielt, dass sie einfach hineinschlüpfen konnte, beziehungsweise bei Sportschuhen, die enger gebunden sein mussten, erst versuchte, die Füsse in den Schuh hinein zu quetschen, damit sie die Senkel nicht öffnen musste, um dann meist schnaubend festzustellen, dass das eigentlich nicht ging, worauf sie fluchend den auf einen Stecknadelknopf zusammengeschrumpften Knoten löste und dann die Schuhe aus Trotz so eng band, dass Bruno sich fragte, ob noch Blut durch die Adern fliessen konnte, was offensichtlich der Fall war, denn sie schlug ihn bei den meisten Sportarten und ihre Füsse sahen danach genauso geschmeidig und frisch aus wie zuvor. Ausserdem ihre braunen Augen und der dunkle Fleck in der linken Pupille … Er packte all dies in ein beiläufiges Schulterzucken.

Kaspar schaute ihn an: »Weisst du, was sie meint, wenn sie schreibt, ›kein kontakt, modus‹?«

Bruno runzelte die Stirn, doch noch bevor er etwas antworten konnte, meinte Kaspar: »Sorry. War ein Fehler gewesen herzukommen.« Bruno winkte ab und erzeugte ein paar beschwichtigende Geräusche mit geschlossenem Mund. Kaspar war jedoch bereits aufgestanden und verliess mit einem Nicken die Küche. Bruno wartete darauf, dass die Klinke in die Wand gerammt wurde, doch Kaspar hatte die Tür offensichtlich im Griff, denn abgesehen von einem kurzen Quietschen und Kaspars Schritten war nichts zu hören.

Vierviertel, Bruch, dürre Esche, Knistern, Hieb mit Sanddorn, Schlag Tanne, und dann frage ich mich, wo soll ich hin, es zieht mich in alle Richtungen und wenn ich einen Schritt gemacht habe, spannt sich ein Band um meinen Bauch und ich gehe weiter und das Band spannt sich immer mehr, bis ich den Halt verliere und zurückschnelle und stürze, und ich rapple mich wieder auf und gehe woanders hin, doch es ist immer das gleiche, manchmal gehe ich gleichzeitig in mehrere Richtungen und dann Wumm! Eiche, Halbbruch, Knistern, Reisig.

Gerda wohnte bereits seit zwei Tagen bei Bruno. In der Nacht nach dieser einen Sache - ihr Freund Kaspar hatte in einem Anfall von Eifersucht einen Typen verprügelt - war sie zu Brunos Wohnung gefahren und hatte sich in ihrem früheren Zimmer verbarrikadiert. Sie trug alte Kleider, die sie hier zurückgelassen hatte. Und bald hatten sie auch dieselben Meinungsverschiedenheiten wie früher. Gerda etwa nervten die Holzloops, an denen Bruno arbeitete. Dabei handelte es sich um kurze Tracks aus Geräuschen, die er aufnahm, während er mit seinem Mountainbike in den umliegenden Wäldern unterwegs war.

Bruno wiederum nervte sich darüber, dass Gerda in der Wohnung herumpolterte und abfällige Bemerkungen über seine Arbeit machte.

Er ging in die Küche, setzte sich aufs Fensterbrett und begann, auf dem Handy seine Mails durchzusehen. Nach einer Weile kam Gerda herein und sagte: »Tut mir leid, dass ich Waldfrickelscheisse gesagt hab.«

Bruno sagte: »Schon OK.« Er steckte das Handy in die Tasche und schaute sie an: »Früher hätte mich das die Wände hochgetrieben, aber wir sind nicht mehr zusammen.«

»Danke, und Bruno, ich weiss wirklich nicht, warum ich manchmal so durch die Gegend schwinge wie eine Abrissbirne.«

»Du weisst, was Miriam sagen würde.«

Der Satz hätte sie noch vor Minuten dazu getrieben, ihm das Gesicht zu zerkratzen. Jetzt schaute sie auf den Boden: »Wozu soll ich zu einem Therapeuten? Ich war ja nach so einem Medikamentending mal in der Klinik, aber das war scheisse, hat überhaupt nichts gebracht. Ausserdem …«, sie grinste debil, worauf Bruno lachte und sagte: »Martini.« Niemand konnte die Figur aus »Einer flog über’s Kuckucknest« so gut nachmachen wie Gerda.

»Ich weiss nicht, Gerda, aber die Tatsache, dass du den Martini drauf hast wie niemand anders, heisst nicht, dass man sich nicht helfen lassen soll. Und möchtest du wirklich deine abschliessende Meinung zu Psychiatrie aufgrund eines Films bilden, der mehrere Jahrzehnte alt ist und noch dazu Sex mit einer Minderjährigen als Kavaliersdelikt verkauft?«

»Nein, und, zugegeben, in den Kliniken hat sich schon einiges getan, seit sie die Menschen ernst nehmen statt Freud-Quatsch zu labern. Deshalb hab ich ja auch eingewilligt, eine ambulante Therapie zu machen. Aber der Typ natürlich gleich in der ersten Sitzung ›Sie müssen darüber reden, können sie das ein bisschen detailreicher beschreiben‹, ich glaub, der hat sich einen runtergeholt nachher. Ab da hab ich nur noch gesagt, ›lesen sie halt im Netz den ganzen Missbrauchskram durch, gibt eh alles, verdammt nochmal!‹ Er meinte: ›So kommen sie nicht weiter, Frau Jegen‹, und ich so: ›Ich entscheide, wann ich weiterkomme‹. Und irgendwann haben sie dann genug von dir.«

»Klar, du bestimmst, wie schnell du vorankommst, alles andere ist Entmündigung. Na ja, war offenbar ein Idiot. Miriam hat auch gemeint, dass es erst bei der dritten Therapeutin besser geworden ist.«

»Vielleicht ist es eh von selbst besser geworden und dann war zufälligerweise die dritte dran. Und sowieso, wir haben verschiedene Dinge im Schlepptau.«

Bruno nickte und Gerda fuhr fort: »Viele Leute, die ich kenne, haben einen Weg aus irgendeiner Scheisse gefunden, er hat sie möglicherweise vor Schlimmerem bewahrt und einige möchten, dass die ganze Welt das erfährt. Das ist ok. Aber wenn du anderen beginnst vorzuschreiben, welchen Weg sie nehmen sollen, dann beginnst du spiessig zu werden.«

»Klar«, meinte Bruno, »am Schluss bekriegen sich die Opfer.«

»Ein Moment«, protestierte Gerda, »ich bin kein Opfer, nur damit das klar ist!«

»Damit mein ich ja nicht, dass du dich als solches fühlen sollst. Aber wenn Leute, denen irgendwas angetan wurde, sagen, sie seien keine Opfer, heisst das nicht, ...also, ist das nicht eine Art versteckter Täterschutz?«

»Siehst du, Bruno, genau solche Dinge sind mir total egal. Nur weil mir Scheisse passiert ist, bin ich noch lange kein Opfer.«

Sie schwiegen eine Weile, dann sagte Gerda: »Ich kann auch nichts dafür, dass alles immer so kompliziert ist.«

»Was meinst du?«

»Mann, ist doch klar.«

»Die Sache mit Kaspar?«

»Ja, der Idiot.«

»Hm.«

»Was hm? Sag’s einfach.«

Bruno zögerte: »Die Szene im Eck. Das hat mich ein bisschen an früher erinnert. Weisst du noch, als wir am Sleaford Mods-Konzert im Salzhaus waren und ich gedacht habe, du fändest es toll, wenn ich dir Divide and Exit schenke?«

»Dunkel ja.«

»Du hast an der Bar mit diesem Typen geredet. Ich hab dir das Album gegeben und du hast es ohne es anzuschauen in deine Tasche gesteckt. Schliesslich bist du gegangen und ich hab ich es auf dem Boden in einer Bierlache liegen gesehen.«

»Hast du es noch?«

»Ich hab es kaputtgemacht.«

»Siehst du, das ist eben der Unterschied. Wenn dir so was passiert, machst du Dinge kaputt und Kaspar schlägt Gesichter zu Brei. Und er hat ja gesagt warum: Er dachte, dieser Typ hätte mich belästigt, und er wollte ihm zeigen, dass er mich nicht anfassen soll oder so. Mann, ich bin wirklich sowas von durch mit diesem Beschützerscheiss. Denn wenn ich etwas gelernt habe, dann ist es das: es gibt keine Grenze zwischen Beschützenwollen und Besitzenwollen.«

Rieseln von Nadeln, Stampfen auf Eiche, es gibt viele Dinge, die mich einfrieren lassen. Ein Teil von mir geht dann weg von allem, und schaut auf das Geschehen, das so in Zeitlupe dahinfliesst. Es entstehen Filme, die später in meinem Kopf abgespult werden. Oder auch nicht. An vieles habe ich mich jahrelang nicht erinnert. Nicht verdrängt oder sowas, das war nicht in meinem Gedächtnis. Und plötzlich ist es wieder da, nur fetzenhaft, manchmal ist es ein Film in Zeitlupe und ohne Ton. Manchmal höre ich aber auch nur den Ton, oder ich rieche etwas. Das ist ziemlich unheimlich und wenn ich versuche, davon etwas zu beschreiben, kriege ich Angst. Grosse Angst. Als fehlte mir die Erlaubnis, etwas davon wirklich festzuhalten und gleichzeitig bekomme ich Zweifel an diesen Erinnerungen, weil sie so anders sind. Wobei, jemand hat mal gesagt, der Zweifel ist ein Zeichen dafür, dass diese Erinnerungen richtig sind, schon paradox, wenn du an dir zweifelst, liegst du richtig, Buchenzweige, Bruch, morsch.

Tom Combo:
Inneres Lind
Verbrecher Verlag, 242 S., geb., 20,00 €

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