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Ein eleganter Bergwerker

Er war nicht Sprecher, er war Spieler: Zum Tod von Otto Mellies

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Immer diese Zweiteilung der Welt, sie ist schnöde und gierig. Alternativlos, scheinbar. Angesichts dessen suchst du einen Ton, der dich überm Leben hält, suchst ein Echo, das all deine berechtigte Klage in eine Feier verwandelt. Dies ist das Trotzdem, das dich die Kunst lehrt - ein Dennoch, zu dem die Fülle des Wohllauts gehört. Bei der um jedes Wort gerungen, jede Silbe in große Form gebracht, der Rhythmus und der Gesang der Textmelodie wunderbar bewahrt werden.

Otto Mellies zum Beispiel. Er war ein eleganter Bergwerker. Er schlug sich gleichsam selber tiefe Stollen, in denen seine Stimme schwang und dann warm und wogend tönte. Ja, man konnte seine leicht und weich schnarrende, sonore, rollende Sprache - immer unterfüttert mit Hochmögenheit - ohn’ Unterlass genießen. Das war als Erlebnis nie wenig. Aber auch nie genug. Denn Otto Mellies war nicht Sprecher, er war Spieler. Der in souveräner Würde sprachmusizierte.

Mellies, 1931 in Stolp geboren, dem heutigen polnischen Słupsk, kam, nach diverser Provinz, 1956 ans Deutsche Theater Berlin. Wenn man daher bloß seinen Namen sagt, erzählt das Gedächtnis sofort den ganzen Roman: Langhoff, Besson, Heinz, Wolfram, Mann. Die Bühne füllt sich, ein arges Drängeln setzt ein: Kleinau, Drinda, Bienert, Franke, Düren, Macheiner, Grosse, Böwe, Körner, Piontek, Bechmann, Esche, Keller, Ludwig, Dommisch.

Wie sich Zeiten ineinanderschoben, das zeigte Mellies’ Nathan, in jener Inszenierung Friedo Solters, in der er seit 1987 auf der Bühne stand, 325 Mal. Zunächst, 1966, gab Wolfgang Heinz die Titelrolle. Im Bewahren, Pflegen und im Schützen einer Klassikerleistung: mit den Jahren welch ein Wechsel an Spielern; welche Beständigkeit aber im Konzept und zugleich welche Häutungen von Rolle zu Rolle.

Ein zweites Beispiel viel später: In Thomas Langhoffs »Der Besuch der alten Dame« von Friedrich Dürrenmatt, 1999, gab Mellies den feigen, lavierenden Bürgermeister - bald aber, nachdem Hauptdarsteller Kurt Böwe gestorben war, wurde er selber Protagonist, wurde Mordopfer Alfred, spielte neben Inge Kellers provokativ ordinärer, dorftrampeliger Millionärin Claire.

Mellies war ein Impulsgeber für Melancholie. Sie ist die edelste und mildeste Weise, in der sich Ignoranz gegen das unbarmherzig fortlaufende Dasein äußert, und so bleibt einem das Theater der Vergangenheit stets das eigentlich gloriose. Das ist so, weil Theater mit dem lebenden, also vergänglichen Menschen zu tun hat. Das stimmt traurig und weich. Daher lieben wir - aus Solidarität mit der Wehmut über die eigene Vergänglichkeit - die Schauspieler von gestern stets ein wenig mehr als die von heute. So grausam sind nur Liebhaber. Und indem wir ignorieren, dass bestimmte Zeiten vorbei sind, meinen wir ignorieren zu dürfen, dass wir selber auch Verwitternde sind. Vergänglichkeit ist das Schönste am Theater. Das Schlimmste auch. Es macht ungerecht gegen Gegenwart.

Was war das, jene Hoch-Zeit auch der Mellies-Kunst am Deutschen Theater? Ein bestürmendes Schauspielerfest. Anrührende Vertrautheit zwischen Bühne und Saal. Zuschauer waren nicht nur Zuschauer, sie bildeten wahrlich: ein Publikum. Oder eine Reisegruppe: die Eintrittskarte fürs Hohe Haus als Reisepass in Gegenwelten. Edle Gegend aus bestem Rüstzeug, dies DT.

Voller Spannung zwischen Hochkultur der Repräsentation und intelligenter Unterwanderung offizieller Denkmuster, zwischen sozialistischem Weltbild und träumerischer Weltoffenheit.

In Wolfgang Langhoffs Peter-Hacks-Inszenierung »Die Sorgen und die Macht« spielte Mellies den Arbeiter Fidora - in jener Aufführung 1963, die zu jenem Vorwurf mangelnder Parteilichkeit führte, der Langhoff so tief verletzte und ihn den Posten des Intendanten kosten würde. Bei Langhoff spielte er auch den Pylades in »Iphigenie auf Tauris«. Das Griechische, das Klassische - von Mellies in einen formsicheren und doch natürlichen Ausdruck gebracht, ein Aufspielen ohne den pathosbelasteten Erfahrungsdruck einer wirklich beschädigten Kriegsgeneration. Vielleicht war diese Aufführung, nach dem Hacks-Niederwurf, für Langhoff weniger ein sozialistischer Vorwärtsgang als vielmehr: offensiver Rückzug aufs Wahre, Gute, Schöne, das im Abstand zur Realität triumphierte.

Das war sie, die Zeit: Jeder hatte seine Rolle auf der Bühne, es ging aber um die Doppelrolle - ja, die Bretter, die die DDR bedeuteten, waren gemacht aus Doppelbödigkeit; Theater als offener, fragender Ausdruck der geschlossenen Gesellschaft. Mellies im Spiel: Er schritt ganz natürlich ganz gemessen aus. Und er war einer, mit dessen Rollen man sich oft identifizierte. Man denke nur an den gigantischen TV-Mehrteiler-Erfolg »Dr. Schlüter« (1965). Als er danach mal negativ besetzt wurde, annoncierte ein Zuschauer empört in der Zeitung: »Verkaufe bildschönen Silberanhänger mit Foto und eingraviertem Autogramm von Otto Mellies.«

Die erwähnte tönende Sprache ist früh Legende geworden. Jeder Theaterabend die reinste Ballnacht für Vokale. »Setz dich nicht auf deine Stimme«, warnte Wolfgang Heinz. Nein, das würde Mellies nie tun, und wenn, dann saß er nicht, er thronte. Als er fürs Kino den »Gejagten« Jean Marais sowie Marcello Mastroianni synchronisierte, zürnte Wolfgang Langhoff, ungerecht streng: »Ihr pinkelt dort im Studio ins Mikrofon, von mir aus, aber ich bitte um ein klares Ortsgedächtnis: Hier ist das Deutsche Theater!« Mellies lachte - später avancierte er zur Standardstimme von Paul Newman.

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»Ottsche« blieb bei aller gesetzten, stimmedlen Ausstrahlung stets auch ein Akteur des heiteren, augenzwinkernd betriebenen Handwerks. Anekdoten standen Schlange in seinem Kopf. Und früh hatte er jene Fügung kennengelernt, die oft als bloßer Zufall auftritt und Rettung zum rechten Zeitpunkt bringt - so etwas schult in lebensstärkender Gelassenheit. Todtraurig nämlich war er als 25-Jähriger nachts durch Erfurt gelaufen, nach einer »Wallenstein«-Aufführung, er fühlte sich so leer, die entsetzliche, kunstlose Routine der Provinz böse erahnend wie einen Erstickungstod; ein junger Anfänger, leider schon mit Schluss-Gedanken. Just am anderen Morgen aber lag ein Langhoff-Telegramm aus Berlin im Briefkasten: »Vorsprechen erbeten«.

Er konnte ein exzellenter Komischer sein. Sein Bürgermeister in besagter »Alten Dame« : der lächelnde, schmeichelnde Schliff des Berufspolitikers, die windig-wendige Maske des kommunalen Pragmatikers; ein schlaues Idiotenstück aus beamtener Selbstüberschätzung und gnadenlosem Kalkül. Oder sein Auftritt in einem »Polizeiruf 110« mit Kurt Böwe und Uwe Steimle: Ein Altersheim entsorgt seine Insassen, um Renten zu kassieren, und Mellies ist so wundervoll altersarrogant, dies aber in einer höchst kapriziösen Bedeutungsgestik, der freilich - was die Komik enorm steigerte - alle Anlässe fehlten.

Seine fast letzte, im Kleinen so große Rolle: der Vater des todesnah Krebskranken in »Halt auf freier Strecke« von Andreas Dresen. Mellies spielte die schlimmste Erfahrung von Eltern: wenn das Kind vor ihnen stirbt - und er spielte es mit markerschütternder Stille und Hilflosigkeit, so bebend unsentimental. Zu erinnern ist auch an den bösen Altersheiminsassen im Dieter-Hallervorden-Film »Sein letztes Rennen«: Mellies als ordnungsrigides Feldwebel-Fossil aus Stahlgewitter-Zeiten; noch einmal diese großartig komische Mischung aus schleimiger Dienernatur und protzigem Vergatterungsgemüt.

Nun ist Otto Mellies, einer der beliebtesten ostdeutschen Schauspieler, am vergangenen Sonntag im Alter von 89 Jahren gestorben.

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