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Zum Spielen gezwungen

Um seine 3. Liga zu retten, treibt der Deutsche Fußball-Bund einige Vereine bewusst in die Insolvenz

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie groß die Probleme des Fußballs in der Coronokrise wirklich sind, wie kompliziert der Umgang damit ist und wie unterschiedlich die Meinungen dazu sind, zeigt die 3. Liga. Nach einer Videokonferenz des Deutschen Fußball-Bundes mit den 20 Vereinen veröffentlichte der DFB am Montagabend eine Pressemitteilung. »Wir haben nun ein tatsächliches Meinungsbild vorliegen«, wird Peter Frymuth darin zitiert. Zehn Klubs hatten zuvor für eine Fortsetzung der Saison votiert, acht sprachen sich dagegen aus, zwei enthielten sich. Frymuth, als DFB-Vizepräsident zuständig für die 3. Liga, stellte klar: »Das Ergebnis der Abfrage ist von allen zu respektieren und akzeptieren.« Schließlich gäbe es eine »mehrheitliche Meinung«.

Für dieses Abstimmungsergebnis hatte der DFB in den vergangenen Wochen viel getan. Viel mehr als eine unterstützende oder rechtfertigende Funktion hat es aber nicht. Denn der für diese Spielklasse verantwortliche Verband hatte von Beginn an klargestellt, dass die Entscheidungsmacht bei ihm liegt. Das Ziel war eindeutig: Weiterspielen - um »erhebliche Haftungs- und Schadenersatzrisiken gegenüber Drittparteien« zu vermeiden.

Konkrete Zahlen möglicher finanzieller Schäden nennt der DFB nicht. Ganz anders war die Deutsche Fußball Liga (DFL) und einige ihrer 36 Klubs vorgegangen. Das selbstentworfene Untergangsszenario: 770 Millionen Euro Verlust und mindestens 13 insolvente Vereine in der 1. und 2. Bundesliga im Falle eines Saisonabbruchs. Auch die Meinungen der Erst- und Zweitligisten über den Umgang mit der Coronakrise lagen in den vergangenen Wochen teilweise weit auseinander. Die DFL aber konnte als übergeordnete Interessenvertretung im Kampf um die Spielberechtigung - respektive um das Fernsehgeld - letztlich ein einheitliches Bild des Profifußballs vermitteln.

Kritik an der Organisationsstruktur der 3. Liga durch den DFB gab es in den vergangenen Jahren immer wieder von Vereinen. Dieser Konflikt offenbart sich jetzt wieder deutlich. Acht Drittligisten hatten Mitte April in einem Positionspapier den Saisonabbruch gefordert. Der Hallesche FC, der 1. FC Magdeburg, Carl Zeiss Jena, der FSV Zwickau, der Chemnitzer FC, Waldhof Mannheim, Preußen Münster, die SG Großaspach taten dies mit nachvollziehbaren Argumenten. »Sollten wir gezwungen sein, die noch ausstehenden Spiele als Geisterspiele austragen zu müssen, hätten wir bei vollen Kosten keinerlei Einnahmen aus dem Spielbetrieb«, hieß es. Magdeburgs Manager Mario Kallnik verdeutlichte es am Beispiel seines Klubs: »Das Minus bei einer Fortsetzung der Saison mit Geisterspielen könnte sich auf 2,6 Millionen Euro belaufen. Bei einem Saisonabbruch hingegen sei der Verlust definitiv geringer.«

Auf die dargestellte Möglichkeit von drohenden Insolvenzen mehrerer Vereine durch eine Weiterführung der Saison unter den Bedingungen der Corona-Pandemie hat der DFB reagiert. Er hat die Insolvenzregeln angepasst: Eine Ausnahmeregelung sieht dafür keine Konsequenzen vor - also kein Zwangsabstieg, keine Geldstrafen oder kein Punktabzug in der kommenden Saison. Der Verband treibt die Vereine bewusst in die Insolvenz. Die acht Drittligisten warnten in ihrem Positionspapier nicht nur vor jahrelangen Folgen für die Klubs, sondern auch vor dem »langfristigen wirtschaftlichen Imageschaden der 3. Liga und des deutschen Fußballs.«

Peter Frymuth begründete das Vorgehen des Verbandes am Montagabend wie folgt: »Das Gesamtwohl der Liga ist über Einzelinteressen zu stellen.« Ziel sei es, die 3. Liga als Profiliga zu erhalten und ihre Zukunft zu sichern, so der DFB-Vizepräsident. Das wahrscheinlichste Szenario sieht vor, ab Mitte Mai wieder Fußball zu spielen und die Saison bis Ende Juni abzuschließen. Dafür sind bei noch elf ausstehenden Spieltagen mindestens fünf Spieltage unter der Woche notwendig.

Der Aufwand wird also groß sein, die Möglichkeiten der Drittligisten aber sind klein - im Vergleich zu den Bundesligisten. Das fängt bei den Stadien und Trainingsmöglichkeiten an. Ein Beispiel aus Halle. »Problematisch sind nach unserer Beurteilung die Ausnahme vom Kontaktverbot bei Spielern auf dem Platz, die abweichende Regelung zur Einzelquarantäne und die in unserem Stadion schwierig umsetzbaren räumlichen Anforderungen und Abtrennungen«, sagte Halles parteiloser Oberbürgermeister Bernd Wiegand. Weil er eine Sonderstellung des Fußballs hinsichtlich geplanter Lockerungsmaßnahmen nicht gestatten werde, verbot er am Montagabend die Austragung von Geisterspielen.

Massive Kritik an einer Sonderrolle des Fußballs mussten sich zuletzt die Bundesligisten gefallen lassen. Vielleicht zeigte sich die DFL auch deshalb spendabel. Vielleicht aber auch, um mit dem Wunsch zu spielen, nicht allein dazustehen. Jedenfalls ist die Spende von 7,5 Millionen Euro an die Bundesliga der Frauen und die 3. Liga keinesfalls »bedingungslos«, wie es noch am vergangenen Donnerstag verkündet wurde. Das Geld fließt nur, wenn gespielt wird. Und wie der DFB nun mitgeteilt hat, ist es erst einmal nur für die notwendigen und umfangreichen Coronavirus-Tests vorgesehen. Denn auch die 3. Liga soll nach dem von der DFL erstellten Hygienekonzept ihren Spiel- und Trainingsbetrieb gestalten. Noch aber ist das letzte Wort nicht gesprochen.

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