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Die Rückkehr der Erbsünde

Mit dem Abstandsgebot kommt der alte katholische Gewissensbiss zurück ins Leben, meint Roberto J. De Lapuente

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Nun muss ich ja gestehen, dass mir dieses Abstandsgebot rein physisch betrachtet gar nicht so schwer fällt. Im Gegenteil, eigentlich kommt es mir entgegen. Enge mag ich gar nicht. Als ich mich neulich an dieser Stelle über die Beengtheit in der Stadt meiner Wahl beschwerte, rührte das natürlich auch aus diesem persönlichen Gefühl heraus. Aus der Beklemmung, die mich zuweilen plagt. Aus Lokalen, in dem die Tische nur Zentimeter auseinander stehen, gehe ich rückwärts wieder hinaus. Mich machen Bilder vom sonnigen Paris, wo Franzosen vor den Cafés Schulter an Schulter sitzen immer ganz fassungslos: Wie kann man das mögen?

So ein bisschen Abstand nach allen Seiten: Das fand ich vor dem Infektionsschutz schon recht angenehm. Diese Distanzlosigkeit, die im öffentlichen Großstadtgetriebe zur Normalität geworden ist, kann ich einfach nicht als lebenswert empfinden. Wo Trubel ist, fand man mich schon vorher nicht. Gut, vielleicht bin ich da komisch – ich weiß es nicht.

Wie gesagt, eigentlich mochte ich es von jeher Abstand einzuhalten. Physisch betrachtet. Im Moment spüre ich aber, dass es mir psychisch schwerfällt. Die ganze Situation, Tag für Tag penibel auf seine 1,5 Meter zum Mitmenschen zu achten, raubt mir die Gelassenheit. Das macht was mit mir.

Wenn ich am Arbeitsplatz meinen Kollegen zu nahekomme oder auch nur glaube, dass ich jetzt zu viel Nähe hergestellt habe, läuft bei mir im Kopf gleich ein Programm an. Taxiert mich der Nächste jetzt? Hält er mich für unsensibel? Würde er gerne sagen, ich soll weggehen, traut er sich nur nicht, weil er zu anständig ist, mir vielleicht vor den Kopf stoßen zu wollen?

Es wird ja im öffentlichen Diskurs heute gerne so getan, als sei die Taktung seines Alltages im Abstandsmodus überhaupt kein Problem. Man müsse quasi nur dauernd daran denken, dann klappe das schon. Aber Menschen sind so nicht, ihre Gedanken driften ab, selbst Routinen sind nicht stets im Kopf präsent. Ja, anzunehmen, dass man so durchdacht und berechnend ins Leben hinausgehen könnte, ist eigentlich eine höchst unmenschliche Vorstellung. Roboter mögen so funktionieren – wir nicht, was uns in gesunden Zeiten charmant, weil eben menschlich, vorkommt.

Ob man will oder nicht: Man kommt seinen Mitmenschen näher als denen im Moment lieb sein dürfte. Gleichgültigkeit steckt keine dahinter. Nur die ganz ordinäre menschliche Eigenheit, nicht immer bei der Sache bleiben zu können. Da kann man niemanden Vorwürfe machen. Außer vielleicht sich selbst. In Form von Gewissensbissen, weil man wieder zu nah kam, die anderthalb Meter mal kurz vergessen hatte.

Ein bisschen ist das ja wie die Rückkehr der Erbsünde. Als sozialisierter Katholik werde ich dieser Tage darauf zurückgeworfen. Wir wandeln ja zurzeit alle als Sünder über die Erde. Als physisch präsente Wesen, die den Makel einer Schuld mit sich schleppen. Nein, nicht den Virus, nicht die potenzielle Krankheit. Für die kann ja keiner was. Aber die Schuld fehlender Rücksichtnahme, die Schwäche fehlender Konzentration, die uns zu vergesslichen Wesen macht: Das macht aus meinem physischen Dasein ein geradezu psychisches Dilemma.

Die eigene Körperlichkeit wird also zu einer möglichen Waffe, zu einem Angriff auf den Nächsten: Wer das nicht stets bedenkt, macht sich gesellschaftlich unmöglich. Insofern ist der Rückgriff auf diese christliche Erbsünde gar nicht mal so verkehrt, ja eigentlich beinahe schon folgerichtig. Denn wie bei jener wird der Leib zu einem Objekt erklärt, von dem etwas Sündhaftes ausgeht. Wenngleich die neue Sündhaftigkeit weniger Gottesbezug denn virologischen Background aufweist.

Was also tun? Wie meine Mitmenschen, denen ich unter Umständen zu nahekomme, dann letztlich reagieren sollen, kann ich natürlich nicht beeinflussen. Aber ich kann mein Verhalten lenken. Nicht im Näherkommen des Anderen einen Affront, sondern eine Normalität erkennen: Auch er kann ja nicht immer daran denken. Er ist ein Mensch – wie ich. Verunsichert – wie ich. Nicht panisch reagieren, sondern menschlich. Wir sollten das dieser Tage nie vergessen: Es geht um Menschlichkeit. Wenn wir die nicht bewahren, für was dann der ganze Zinnober?

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