Bloß keine Massenpanik!

Corona schürt das alte bildungsbürgerliche Unbehagen an der Menschenmenge. Doch wir sollten nicht das positive politische Potenzial großer Versammlungen vergessen.

  • Von Georg Leisten
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Masse liebt Dichte.« Wer schon mal Ohr an Ohr auf eng besetzten Stadionrängen stand oder auf der Tanzfläche des proppenvollen Nachtclubs den biergeschwängerten Atem der Mitfeiernden in der Nase hatte, weiß, wovon Elias Canetti spricht. Sein berühmt gewordener Essay »Masse und Macht« beschreibt, neben Sigmund Freuds Studien zur Massenpsychologie, wohl am besten, weshalb viele angesichts von Menschenmengen ein gewisses Unbehagen verspüren. Vor allem viele aus der akademischen Welt. Ursprünglich wollte der Literaturnobelpreisträger Canetti untersuchen, wie leicht sich menschliche Kollektive manipulieren und zu verbrecherischen Taten anfeuern lassen. Er hatte den Aufstieg des Nationalsozialismus in Österreich erlebt; das braune Chorgebrüll vom Wiener Heldenplatz hallte ihm zeitlebens durch den Kopf. Deswegen schlummerte für ihn in jeder größeren Versammlung der Instinkt der Meute. Eine latente Aggressionsbereitschaft, die sich, einmal geweckt, gegen andere richtet. In selteneren Fällen aber auch gegen sich selbst - so zu erleben bei einer Massenpanik wie auf der Duisburger Loveparade 2010.

Mit der Coronakrise ist aus dem sozialpsychologischen Problem der Menschenmenge ein medizinisches geworden. Social Distancing lautet das oberste Pandemiegebot. Daraus resultiert auch eine strenge Arithmetik des Beisammenseins. Irgendwann im März, als die aus Wuhan entsprungene Weltkrankheit hierzulande erst Fahrt aufnahm, lag die Messlatte für öffentliche Großereignisse mit 1000 Teilnehmern zunächst noch vergleichsweise hoch. Nach ein paar Bundesliga-Geisterspielen, so glaubte man in jenen merkwürdig fernen Niedrigrisikotagen, wäre der Spuk wieder vorbei. Aber dann wurden stündlich und umgekehrt proportional zur steigenden Infektionszahl Aktivitäten mit immer kleineren Teilnehmermengen verboten - bis am Ende nur noch der Solospaziergang erlaubt war.

Gute Zeiten also für Gruppenflüchter. Dem Individualisten war die Herde schließlich immer schon verhasst. Ebenso wie den Intellektuellen und Ästheten, die als Liebhaber geistiger Nahrung die körperliche Nähe scheuen. Ein überzeugter Bücherwurm musste nicht erst von einem kleinen viralen Killer daran erinnert werden, daheim in der Leseecke zu bleiben. Wenn nun Festzelte und Discos leer stehen, vermissen stillere Gemüter erst einmal nicht viel. Wer genauer hinsieht, dem erscheint der bildungsbürgerliche Abscheu vor der Masse aber auch als Frage der Klasse. Abstand muss man sich ökonomisch erst einmal leisten können: das Ferienhäuschen auf dem Land, das Einzelzimmer im Krankenhaus, den Privatjet zur einsamen Insel.

Für Canetti resultiert der Vorbehalt gegen die Vielzahl auch daraus, dass der Einzelne darin ununterscheidbar wird: »Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. Sie ist absolut und indiskutabel und wird von der Masse nie in Frage gestellt. Sie ist von so fundamentaler Wichtigkeit, dass man den Zustand der Masse geradezu als einen Zustand absoluter Gleichheit definieren könnte.« Kollektive garantieren eine Entlastung vom Individualitätsdruck. Im großen Verband muss man nichts entscheiden. Alle finden alles gut (oder alles schlecht), was irgendjemand vorbuchstabiert. In diesem Gleichheitserlebnis liegt die Attraktionskraft der Menge. Selbst die sonst sehr auf Distinktion bedachte Oberschicht pflegt mit Wiener Opernball oder Bayreuther Wagner-Festspielen Massenrituale, die sie sonst als plebejisches Vergnügen abtun würde.

Doch so sinnvoll die aktuell wieder etwas gelockerten Ausgangsbeschränkungen medizinisch auch sein mögen - gesellschaftlich wäre ein grundsätzliches Unbehagen am Schwarm falsch. Er ist nicht per se ein dumpfer, manipulierbarer Haufen, sondern kann auch eine positive politische Kraft entfalten. Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder die dann vom Virus erstickten »Fridays for Future« haben bewiesen, was friedliche Massenbewegungen auszurichten imstande sind. Zudem bietet sich im Digitalzeitalter die Gelegenheit, die Macht der vielen aus der räumlichen Distanz zu artikulieren.

Dass die von der Pandemie erzwungenen Versammlungsverbote autokratischen Machthabern besonders in die Hände spielen, ist kein Zufall. Immer schon fing, wer mit der Axt gegen die Freiheit vorgehen wollte, bei der Gruppenbildung an. »Wo ihrer drei beisammen stehn, / Da soll man auseinandergehn«, reimte der obrigkeitssatirische Heinrich Heine im 19. Jahrhundert. Heute dienen Seuchenbekämpfung und Gesundheitsvorsorge einem Viktor Orbán in Ungarn oder der PiS-Partei in Polen als willkommener kommunikativer Vorwand, den Rechtsstaat noch gründlicher zu unterminieren als bisher. Oppositionelle Massen auf Straßen und Plätzen bereiten den neuen Potentaten derzeit weniger Kopfzerbrechen denn je. Und falls doch - einer Demonstration mit zwei Metern Abstand zwischen den Teilnehmern würde die faktische wie symbolische Geschlossenheit, die »Dichte«, fehlen.

Wohl deshalb ist virtueller Widerstand in den sozialen Netzwerken, dem man sich aus der sicheren Trutzburg der eigenen Wohnung anschließen kann, (in Europa) bislang nahezu die einzige Unmutsäußerung im Shutdown geblieben. Aber auch das Online-Kollektiv lässt sich, wie China beweist, unter staatliche Kontrolle bringen. Übertreiben wir es also nicht mit dem Rückzug in die stille Lektüre oder das einsame Binge Watching! Und vergessen wir nicht: Auch die Nationalsozialisten haben ihr Herrschaftssystem 1933 zunächst über Notverordnungen gefestigt, um den Ausnahmezustand dann stillschweigend zum Dauerzustand werden zu lassen. Vielleicht hätten rechtzeitige Massenproteste dem noch Einhalt gebieten können.

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