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Survival oft the fattest

Corona werde den Fußball gesunden, heißt es. Doch Christoph Ruf befürchtet, das Gegenteil könnte der Fall sein

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Simon Rolfes hat als Fußballer zu den Reflektierteren seiner Zunft gehört. In seinem heutigen Amt als Sportdirektor von Bayer Leverkusen hat er sich nun verwundert darüber gezeigt, dass seine Branche ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Nun könnte man sich darüber wundern, dass er sich darüber wundert, doch Rolfes hat auch einen konstruktiven Vorschlag gemacht, wie Abhilfe zu schaffen sei. Künftig soll nur noch ein bestimmter Prozentsatz des Etats für Personalkosten aufgewandt werden dürfen. Spielergehälter, Ablösesummen und Beraterprovisionen, die derzeit den Löwenanteil der Etats ausmachen, ließen sich so automatisch deckeln.

Eine gute Idee, zumal sie im nationalen Alleingang durchzusetzen und recht gut zu kontrollieren wäre. Jedenfalls ist sie vielversprechender als die derzeit oft gehörte Prognose, dass sich die astronomisch hohen Ablösesummen in Post-Corona-Zeiten quasi automatisch abschleifen würden. Bisher seien schließlich Ligen, die um die Topspieler buhlten, erpressbar gewesen, weil in England oder Spanien noch besser bezahlt werde und wechselwillige Spieler so das eine Land gegen das andere ausspielen konnten. Genau das sei aber nun nicht mehr möglich, da das Virus ganz Europa gleichermaßen heruntergefahren habe, heißt es.

Wirklich nicht? Das Schlimme am globalisierten Fußball und seiner Schaubühne, der Champions League, ist doch, dass sich Wirtschaftsbosse, je nach Kulturkreis auch »Oligarchen« genannt, oder gar ganze Staaten einen Verein kaufen und mästen können. Ein lohnendes Geschäft in einem Wettbewerb, in dem es 2019 über 2,8 Milliarden Euro zu verdienen gab. Abu Dhabi (Manchester City) oder Katar (Paris) dürfte es reichlich egal sein, mit welchen Seuchen sich der Rest der Welt herumärgern muss. Bei einem Liganeustart dürfte es für sie dank der ökonomisch dezimierten Konkurrenz sogar leichter sein, mit noch etwas mehr Wareneinsatz die Trophäen zu gewinnen, nach denen sie gieren.

Bliebe noch die inländische Perspektive. Es ist ja schon einigermaßen lustig, mit welcher Inbrunst die CEOs des deutschen Fußballs sich plötzlich des Vokabulars von Veganer-Messen und Baugruppen-Meetings befleißigen, kaum dass auch der Letzte mitbekommen hat, dass der Fußball ein massives Imageproblem hat. Wie sie »nachhaltiger wirtschaften«, gar »downsizen« wollen, wie sie mit treuherzigem Blick verkünden, dass »weniger mehr sein« müsse.

Doch während sich die Granden des Fußballs zerknirscht, reuig und reformbereit geben, läuft im Hintergrund eine ganz andere Debatte, die - natürlich - wieder in die entgegengesetzte Richtung geht. Denn während ausweislich aller Umfragen die große Mehrheit der Fans an der 50+1-Regel, also dem Schutz vor zu großem Einfluss reicher Investoren, festhalten will, sehen viele Vereinsvertreter durch Corona die Chance gekommen, noch einmal eine Debatte aufzurollen, die sie 2018 qua Mehrheitsbeschluss der DFL-Gesellschafter verloren haben.

Am Wochenende fand auch Bayern-Präsident Herbert Hainer die Zeit gekommen, die Regel zur Disposition zu stellen, die bislang dafür sorgt, dass bei den meisten Klubs Fans und Mitglieder noch nicht komplett zum unmündigen Konsumenten degradiert wurden. Er reiht sich damit in den Chor derer ein, die behaupten, dass eine Pleite bei vielen Vereinen nur durch neue Eigentümer mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Agenda (als »Investoren« verniedlicht) verhindert werden könne. Doch wenn 50+1 fällt, werden Manchester City und PSG zum Modell für die größeren Vereine, der Rest geht den Bach herunter.

Gut möglich also, dass die Frage, ob, wann und in welchem Rahmen bald Geisterspiele ausgetragen werden, gar nicht die entscheidende ist. Wichtiger dürfte sein, wie sich der Fußball danach positioniert. Ob er mit ein paar kosmetischen Änderungen im Lizenzierungsverfahren und jeder Menge Rhetorik aus dem Nachhaltigkeitsbaukasten durchkommt. Oder ob er verhindert werden kann, dass er nicht auch die letzte Schamgrenze einreißt.

Letzteres geht wohl nur, wenn die wirklich vernünftigen Klubvertreter der Branche auf die Unterstützung derjenigen zählen können, die sich in den vergangenen Wochen - mal wieder - als diejenigen gezeigt haben, die weiter denken als bis zum nächsten Wochenende: Auf die organisierten Fanszenen. Für die ist die Saison längst beendet. Sollte sie über Geisterspiele künstlich verlängert werden, hätten sie also Zeit genug, sich um Wichtigeres zu kümmern.

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