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Die Maske, die ich trage, aber nicht mag

Man darf nichts gegen Schutzmasken haben? Warum eigentlich nicht? Was zählt, das ist, ob einer eine in Bahn und Laden trägt. Und nicht, ob er sie nicht leiden kann.

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Maskenpflicht: Die Maske, die ich trage, aber nicht mag

Nachdem Montag vor einer Woche die Maskenpflicht länderübergreifend eingeführt war, tauschten die Menschen in den digitalen Communities ihre Erfahrungen aus. Viele präsentierten ihr Musterstück, luden Vermummungsselfies hoch, berieten sich über Tragekomfort oder munterten ihre Bubble auf, denn Maske sei jetzt die gute Tat der Stunde. Einige beschwerten sich auch, sie berichteten, wie sie unter der Maske litten, Atemnot und Angstgefühle überkämen sie. Die Maske sei für sie eine Bürde. Reaktion im Allgemeinen auf solche Einwürfe: Bitte jetzt mal kein Mimimi-Gejammer. Dies sei ein fatales Zeichen in Zeiten wie unseren, wo Maskierung Leben rette.

Nun gehöre ich zu denen, die unter der Maske Probleme bekommen. So ein richtig pralles Lungenvolumen habe ich nämlich nicht, das macht die Situation hinter dem Stoff nicht leichter für mich. Da werde ich beim Einkauf schon mal wackelig. Beschwert habe ich mich in den Netzwerken allerdings nicht. Jammern bringt dort nichts. Täte es das, würde ich mich aufs Jammern spezialisieren.

Keine falsche Vorstellung von mir: Ich trage das Ding trotzdem. Bei jeder Bahnfahrt. Bei jedem Einkauf. Genau so, wie man es von mir verlangt. Freude bereitet mir das allerdings nicht. Und als Aktivist, der jetzt mit Maske Statements setzen muss, fühle ich mich keinesfalls. Nein, ich bin auch jetzt so frei zu sagen, dass ich froh bin, wenn die Maskerade mal wieder vorbei ist. Jetzt ist sie eine staatsbürgerliche Pflicht. Man muss Pflichten aber nicht toll finden. Es reicht, wenn man sie einhält.

Dazu beschworen oder ermuntert, ja zu einem Helden, will ich nicht umgedeutet werden. Helden haben keine Atemnot. Dieser »Aktivismus für das Richtige«, der ja besonders die sozialen Netzwerke, aber durchaus auch den modernen Medienbetrieb zuweilen befällt, ist eine recht einseitige Kiste. Er neigt zur Überbetonung und macht kritische Haltung suspekt, rückt sie gar in die Nähe der Sabotage, erklärt sie zur Masche gefährlicher Provokationsagenten, die man lieber gleich ausbremst und deren Zersetzungskraft man so entschärft.

Wenn es nun jemand als Gejammer abtut, weil ein Mitmensch von der Belastung durch die Maske spricht, ist das ein ärgerlicher Vorgang. Mal abgesehen davon, dass man die Probleme der Anderen ins Lächerliche zieht, schimmert dahinter nämlich die Bereitschaft heraus, jeden Zustand vorab in ein positives Licht zu rücken. Doch alles hat mindestens zwei Seiten. Man muss auch die andere, jetzt nicht so beliebte Seite thematisieren dürfen, ohne gleich zum Defätisten gekürt zu werden. Entscheidend ist doch noch immer, ob man etwas Scheiße findet und es trotzdem weiterhin tut, weil das Gemeinwesen sich darauf verständigt hat.

Die Maskenpflicht verpflichtet niemanden, aus Gründen der Räson, lieber zu schweigen. Sie verpflichtet auch keinen dazu, ein Aktivist der Zustimmung zu werden. Es ist nicht die Aufgabe des Bürgers, für eine affirmative gesellschaftliche Stimmung zu werben. Das ist klar zu viel verlangt, die Gedanken bleiben frei.

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Ich finde es im Gegenteil sogar gut, dass nicht alle dieser Statementmaskierung verfallen und auch immer wieder mal die Hoffnung äußern, dass das bald wieder vorbei ist. Denn sie betonen damit, dass wir es momentan mit einer Ausnahmesituation zu tun haben, der auch sie verpflichtet sind. Die »neue Normalität«, die jetzt gerne beschworen wird, auch im Hinblick auf die Schutzmasken, ist hingegen eine perfide Methode, die im Augenblick nicht übliche Szenerie zu verklären.

Daher möchte ich auch kein chic genähtes Exemplar im Gesicht tragen, das wie ein Accessoire wirkt, sondern bleibe bei meiner schlichten Zellstoffmaske. Zugegeben: Ein bisschen Statement steckt da auch drin. Damit will ich sagen, dass ich mich nicht einrichte in der Maskengesellschaft, sie ist eine Übergangsgesellschaft, keine »neue Normalität« für mich.

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Masken sind ein Behelf. Es steckt nichts Unantastbares dahinter. Ziel ist es, den Ausnahmezustand irgendwann wieder abzulösen und zur Normalität zurückzukehren. In der gibt es keine Masken. Wir sollten das nie vergessen. Indem ich mich hier beklage, helfe ich dabei. Tragen werde ich sie trotzdem. An den Taten sollt ihr sie messen. Nicht an den Worten.

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