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Gendersensible Sprache

Wo bleibt der Freiraum?

Den Doppelpunkt benutzen oder doch lieber den Asterisk? Ersterer gilt als barrierefrei, doch die Wirkung dieser gendergerechten Schreibweise ist ungewiss.

Von Marie Hecht

Seit fünf Monaten gilt in der Stadt Lübeck eine neue Richtlinie für eine gegenderte Ausdrucksweise. Der »Leitfaden für gendersensible Sprache« widmet sich verschiedenen Schreibvarianten und enthält unter anderem die Vorgabe: »Bei der Hansestadt Lübeck wird in Schriftstücken grundsätzlich der Gender-Doppelpunkt verwendet.«

Nicht nur in Lübeck, auch auf Blogs, in Foren, bei Privatnachrichten in sozialen Netzwerken und Messengerdiensten und in Printpublikationen taucht der Gender-Doppelpunkt immer häufiger auf. In der deutschen Schriftsprache weist der Doppelpunkt als Satzzeichen auf eine folgende Aufzählung hin, er leitet wörtliche Rede, Erklärungen oder Zusammenfassungen des vorher Gesagten ein und dient als Geteiltzeichen. Damit ist der Doppelpunkt zugleich trennend wie auch betonend. Macht ihn das zu einem sinnvollen Zeichen für gendergerechte Sprache?

Der Sinn einer gegenderten Ausdrucksweise besteht darin, eine Veränderung der binären Sprachwirklichkeit zu schaffen. Das heißt: zulassen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, und dies auch in der Sprache ausdrücken. Die Schreibweise soll also im Idealfall diverse Geschlechtsidentitäten repräsentieren. Für diesen Zweck bietet sich allerdings nicht jedes x-beliebige Zeichen auf der Tastatur an. Im Gegenteil - die bisher bekannten Varianten gendergerechter Sprache haben präzise: So stellte 2003 der Philosoph Steffen Kitty Herrmann die Idee des Gender_Gap im Aufsatz »Performing the Gap - Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung« vor. Der Unterstrich repräsentiert dem Aufsatz zufolge einen Ort diverser Geschlechtlichkeit, einen »Ort, den es zu erforschen gilt«.

Der hochgestellte Asterisk wiederum, auch Sternchen genannt, stammt ursprünglich aus der Programmiersprache, in der er einen Platzhalter für alle möglichen Werte verkörpert. Dementsprechend ist das sogenannte Gendersternchen ein Platzhalter für verschiedenste Geschlechtsidentitäten und eröffnet so einen Raum vielfältiger (Selbst-)Definition.

Ein ideologischer Überbau für den sogenannten Gender-Doppelpunkt fehle allerdings, sagt Muriel Aichberger. Der Medienwissenschaftler berät seit über zehn Jahren öffentliche Einrichtungen, Firmen, Vereine, LGBTIQ*-Gruppen und Einzelpersonen zu den Themen Gleichberechtigung, Diversität und Inklusion. Die große Akzeptanz, die der Gender-Doppelpunkt bei den Teilnehmenden in seinen Workshops erfahre, irritiere ihn und stimme ihn skeptisch. »Ich denke, dass einer der wichtigsten Punkte der gendergerechten Sprache die Destruktion ist«, so Aichberger. Damit meint er den Moment der Irritation im Lesefluss, der die Wahrnehmung verändern und die Vorstellung einer binären Geschlechterwelt aufheben und durch die Idee diverser Geschlechtsidentitäten ersetzen soll. Aus Kugelstoßer wird Kugelstoßer*in. Oder eben: Kugelstoßer:in.

»Der Doppelpunkt scheint mir ungeeignet, um das Gendern jenseits zweier Geschlechter zu ermöglichen«, meint Aichberger. Die Funktion des Doppelpunktes, eine Aufzählung anzukündigen, würde gut mit der Idee der Diversität einhergehen - wenn sich dem Gender-Doppelpunkt dann auch eine Aufzählung anschließen würde. Allerdings folgt ihm nur eine einzige Form und zwar die Endung »in« oder »innen«, also die feminine Subjektform. Dadurch entfaltet sich eine völlig andere Bedeutung des Satzzeichens: Denn die Betonung fällt auf das, was folgt - die weibliche Subjektform. Mit Variationen wie dem Gendersternchen ist die Diskussion über gendergerechte Sprache allerdings schon über den Punkt hinaus, an dem es reichte, die feminine Form zu betonen oder lediglich hinzuzufügen.

Mittlerweile werden der geschriebene Gender_Gap oder das Gendersternchen sogar mit einer Pause während des Sprechens markiert. Vor einigen Jahren hatten Vorleseprogramme und Brailleschrift-Displays noch Probleme mit diesen Symbolen. Der Doppelpunkt gilt daher als barrierefreier. Seine inklusive Wirkung sei hingegen nicht belegt, sagt Aichberger.

Der Effekt der bisher gängigeren Sprachvarianten gilt als gut erforscht. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass sich durch eine gendergerechte Ausdrucksweise die Wahrnehmung verändern kann und sich dadurch geschlechtstypische Normen untergraben lassen. Im Gegensatz zum Gender-Doppelpunkt, der wenig irritiert. Er ist in der deutschen Schriftsprache keine Seltenheit und fügt sich gut ins Schriftbild ein. Doch, »alles, was sich flüssig einlesen lässt, ist keine soziale Veränderung. Das ›Darüberstolpern‹ ist durchaus gewollt«, erklärt Lann Hornscheidt.

Hornscheidt arbeitet seit über 15 Jahren im Feld der Sprach- und Genderwissenschaften und hält Workshops und Vorträge zu den Themen Genderismus und Sexismus. Im Zuge der Entwicklung eines »Leitfadens für Feministisches Sprachhandeln« war Hornscheidt aufgrund des Vorschlags, Sprachalternativen zu erdenken, die nicht der binären Konstruktion von »Frau« und »Mann« verhaftet bleiben, starken Anfeindungen ausgesetzt. Gleichzeitig trug Hornscheidt erheblich dazu bei, dass die Debatte um das Gendern viel weiter ist als noch vor einigen Jahren.

Heute geht es darum, neue Formen zu finden, um auf sprachlichem Wege Geschlechternormen aufzubrechen. Der Doppelpunkt erfüllt diese Funktion nicht wirklich, denn man kann ihn schnell überlesen. In der Schriftsprache generell selten genutzte Zeichen, wie der Unterstrich und das Sternchen, weisen mehr auf die gewollte Dekonstruktion einer zweigeschlechtlich gedachten Sprache hin - allein dadurch, dass sie irritieren. Sie schaffen Freiraum. Freiraum, der stellvertretend für diverse Identitäten steht.

Denn jede Sprachhandlung ist eine Handlung, und jede Debatte über diese Handlungen ist ein möglicher Fortschritt. Der Gender-Doppelpunkt weist als Variante gendergerechter Ausdrucksweise aber Lücken auf und kann den inklusiven Charakter des Gendersternchens bisher nicht ersetzen.

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