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Täter gefasst: 25-Jähriger gesteht Anschlagsserie in Waldkraiburg

Die vier Anschläge auf Geschäftige türkeistämmiger Inhaber in Oberbayern scheinen aufgeklärt

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Anschlagsserie im oberbayrischen Waldkraiburg scheint aufgeklärt. Ein 25-Jähriger hat alle Taten gestanden. Er wurde am Freitagabend zufällig im Zug beim Fahren ohne Fahrschein erwischt, wie die Polizei Oberbayern auf einer Pressekonferenz am Sonntagvormittag bekannt gab. Im Zuge weiterer Untersuchungen durch die Bundespolizei am Bahnhof Mühldorf am Inn wurde sein Gepäck durchsucht, in dem mehrere zündfähige Rohrbomben gefunden wurden. Beim folgenden Verhör gestand er die Taten in Waldkraiburg. Dabei nannte er Details, die nur der Täter kennen konnte.

Der dringend Tatverdächtige gab als Grund für seine Taten seinen »Hass auf Türken« an sowie seine radikalislamistische Haltung. Er sei »Anhänger und Kämpfer« des IS. Zeugen zufolge soll er sich in den vergangenen Jahren zunehmend radikalisiert haben, was zum Streit mit seiner Familie führte. Der mutmaßliche Täter wurde selbst in der Nähe von Waldkraiburg geboren und hat die deutsche Staatsbürgerschaft, seine Eltern stammen aus der Türkei. Die Frage, ob die »Kurden-Türkei-Problematik« eine Rolle spiele, verneinte er.

Vier Anschläge auf Geschäfte türkeistämmiger Besitzer in Waldkraiburg innerhalb von zehn Tagen hat der 25-Jährige gestanden. In der Nacht vom 16. auf den 17. April waren die Scheiben eines Friseurladens eingeschlagen worden, einen Tag später die eines Lokals. Diese Woche kam es zu einem weiteren Anschlag: Das Schaufenster eines Imbisses wurde mit einem Stein eingeworfen. In allen drei Fällen wurde zudem eine »übelriechende Flüssigkeit« verspritzt. In der Nacht zum 27. April wurde zudem ein Brandanschlag auf einen Obst- und Gemüseladen verübt. Der Laden brannte komplett aus, sechs Menschen wurden verletzt. Es entstand ein Schaden in Millionenhöhe.

»Es wurde an uns mehrfach die Frage gestellt: Wer ist der nächste von uns?«, sagte Polizeipräsident Robert Kopp auf der Pressekonferenz. Die Polizeipräsenz in der Stadt sei nach den ersten Anschlägen deutlich erhöht worden. Die Anschlagsserie von Waldkraiburg sei »im Polizeipräsidium das Top-Thema in den vergangenen Wochen« gewesen, sagte Kopp. Dass der Täter nun gefasst werden konnte, sei auch Glück gewesen.

Beim Verhör des Verdächten am Freitagabend habe er weitere Orte genannt, an denen er Sprengstoff aufbewahrt habe. In einem PKW wurden weitere Rohrbomben gefunden. In der Wohnung des Täters in Waldkraiburg wurde neben chemischen Substanzen auch eine Waffe gefunden. Der Täter gab selbst an, weitere Anschläge geplant zu haben. Mit den Taten habe er »seinen persönlichen Hass auf Türken befriedigen wollen«.

In der Schule soll der heute 25-Jährige nicht auffällig gewesen sein. Nach seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann soll er sich radikalisiert haben. Das habe auch zum Streit mit seiner Familie geführt, hieß es auf der Pressekonferenz.

In dem Fall ermittelt eine nach dem Brandanschlag Ende April gegründete Sonderkommission namens »Prager«. Federführend ist die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus bei der Generalstaatsanwaltschaft München. Auf Antrag der Ermittler wurde inzwischen Haftbefehl wegen versuchten Mordes in 27 Fällen, schwerer Brandstiftung, gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung in drei Fällen erlassen.

»Insbesondere zur Motivlage des Manns und zu den genauen Tatabläufen sind noch weitreichende Ermittlungen und Recherchen erforderlich«, erklärten die Ermittler am Sonntag. Zudem seien »weit über 150 gesicherte kriminaltechnische Spuren zu analysieren sowie äußerst umfangreichen Daten, unter anderem aus Videoaufzeichnungen, und Zeugenaussagen akribisch auszuwerten«. Weitere Angaben lagen zunächst nicht vor. Weiter soll ermittelt werden, ob es Mittäter, Unterstützer oder Mitwisser gab.

Waldkraiburg hat etwa 24.000 Einwohner, die aus 80 Nationen stammen. Der Ort entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlingsstadt, nach 1946 siedelten sich unter anderem Vertriebene aus Ost- und Südosteuropa an.

Frühere Übergriffe auf türkeistämmige Personen oder deren Geschäfte sind in Waldkraiburg nicht bekannt. Allerdings zeigten sich in den vergangenen Jahren flüchtlingsfeindliche Tendenzen. Wie auch andernorts wehrten sich 2015 Anwohner gegen den Bau einer Flüchtlingsunterkunft, der Stadtrat verhinderte daraufhin deren Einrichtung. Ein Geschäftsmann gründete dennoch ein kleineres Heim. Die Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (a.i.d.a.) dokumentierte im selben Jahr einen Angriff auf einen Geflüchteten mit einer Eisenstange. Auch im Landkreis Mühlberg, zu dem Waldkraiburg gehört, und der weiteren Umgebung wurden in den Folgejahren mehrere Übergriffe auf Geflüchtete dokumentiert.

Auffällig ist außerdem das Wahlergebnis der AfD bei den Kommunalwahlen am 15. März dieses Jahres, bei denen sie erstmalig antrat. Während in Waldkraiburg der Bürgermeister von der Unabhängigen Wählergemeinschaft wiedergewählt wurde, erhielt die AfD 10,27 Prozent der Stimmen. Damit lag die Partei deutlich über dem Gesamtergebnis im Landkreis Mühldorf, wo sie 7,9 Prozent erzielte. In vielen Nachbarorten erhielt die AfD gar keine Stimmen.

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