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Im Strafraum

Christoph Ruf entlarvt die absurden Pläne des Fußballs und versteht die mehrheitliche Ablehnung eines zu frühen Neustarts

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Coronakrise: Im Strafraum

Ich hatte mir ja eigentlich geschworen, mich an dieser Stelle nicht mehr über Geisterspiele auszulassen. Andererseits ist ein »Sonntagsschuss«, dessen Autor den Schuss nicht hören will, natürlich auch eine schwierige Sache. An diesem Sonntag fällt es mir jedenfalls nicht schwer, mich dem verwegenen Plan der Branche zu widmen, am kommenden Wochenende wieder mit dem Fußball anzufangen. Gerade eben sind zwei Dresdner Spieler positiv auf Corona getestet worden, die ganze Dynamo-Mannschaft steht nun erst mal zwei Wochen unter häuslicher Quarantäne. Kein Waldlauf, kein Einkauf. Und natürlich schon gar kein Training, das der Verein für zwei Wochen ausgesetzt hat.

Die kommenden beiden Spiele sind schon abgesagt. Natürlich. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) sieht das offenbar nur als bedauerlichen Einzelfall und hält am Plan fest, am kommenden Wochenende anzufangen. Dabei müsste ja eigentlich schon das Dresdener Beispiel reichen, um zu zeigen, wie absurd der Plan ist, demnächst wieder Fußball zu spielen.

Vor Beginn des ersten gemeinschaftlichen Trainings waren noch alle Dresdner Spieler negativ, nach nur zwei Einheiten des von der Politik durchgewinkten Mannschaftstrainings sind zwei infiziert. Was ja auch durchaus passieren kann, wenn man, anstatt eineinhalb Meter Abstand zu halten, wie es dem Rest der Welt auferlegt ist, zu zwanzigst im 16-Meter-Raum herumturnt, um Standards und Freistöße zu trainieren. Da bekommt das Wort Strafraum eine ganz neue Bedeutung. Sollte einer der Spieler sich im Zuge der Trainingseinheiten zu Corona-Zeiten übrigens dauerhafte Gesundheitsschäden zuziehen, ist völlig fraglich, wer dann haftet. Zumindest konnte mir das keiner der Vereinsvertreter sagen, mit denen ich zuletzt telefoniert habe. Auch die DFL hält sich da bedeckt. Aber das nur am Rande.

Neben der Gesundheit - ausweislich aller Sonntagsreden das Wichtigste überhaupt - ist allerdings auch die drohende Wettbewerbsverzerrung auf vielerlei Ebenen ein großes Problem beim Neustart. Wie will Dynamo denn mit einem Kader im Abstiegskampf Boden gutmachen, der sich zu Hause mit Liegestützen in Form halten musste, während der Gegner beim ersten Dresdener Spiel vier Wochen Mannschaftstraining und zwei Spiele hinter sich haben würde? Ist es dann nicht auch für die anderen 17 Mannschaften eine tolle Sache, gegen unfitte Dresdener zu spielen? Doch dieses Privileg dürften dann nur neun Klubs in Anspruch nehmen. Nicht aber Regensburg oder Aue, die kurz vor dem Lockdown noch gegen Dynamo verloren hatten.

Christoph Ruf, Fußballfan und -experte, schreibt immer montags über Ballsport und Business.
Christoph Ruf, Fußballfan und -experte, schreibt immer montags über Ballsport und Business.

Vielleicht habe ich ja auch eine zu blühende Fantasie. Aber was mag eigentlich im Kopf eines Vereinsvertreters vorgehen, der die Saison unbedingt zu Ende spielen will, aber von seinem Mannschaftsarzt gemeldet kriegt, dass sich ein Spieler infiziert hat? Der könnte dann doch auch offiziell wegen einer Bänderdehnung pausieren, bevor das Gesundheitsamt die ganze Mannschaft in eine zweiwöchige Quarantäne schickt. Merken würde das offensichtlich ja keiner.

Hätte der Hertha-Spieler Salomon Kalou in seiner Freude über die Record-Taste seines Telefons nicht auch gefilmt, wie ein kurzbehoster Physiotherapeut den vorgeschriebenen Abstrich vornahm, hätte man ja geglaubt, dass überall der vorgeschriebene Arzt die Untersuchungen durchführt und den Abstrich selbstverständlich tief im Rachenraum entnimmt. Dass die DFL-Vorschriften von irgendjemandem kontrolliert werden, scheint jedenfalls ein frommer Wunsch zu sein. Nehmen wir also mal an, es gibt unter den 36 Klubs solche, die seriös testen und ein paar andere - wie fair wäre es dann, die einen gegen die anderen in einem Spiel antreten zu lassen, in dem es um Auf- oder Abstieg geht?

Nach einer repräsentativen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen sind derzeit 54 Prozent der Bevölkerung gegen den frühen Re-Start, 32 sind dafür. Ich glaube, die Zahlen wären genau umgekehrt, wenn der Fußball noch zwei, drei Wochen gewartet hätte. Dann wüsste man nämlich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit, ob Corona halbwegs im Griff ist oder ob die zweite Welle anrollt. Im ersten Falle hätten dann auch Kneipen, Restaurant und Fitnessstudios wieder auf. Und kein Mensch müsste mehr die vollauf berechtigte Frage stellen, warum sich der Fußball etwas herausnimmt, das anderen vorenthalten bleibt. Und das angeblich im Sinne eines Wettbewerbs, der de facto längst kein sportlicher mehr ist.

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