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Wer war der Täter von Waldkraiburg?

Ein Türke, der Türken hasst, ein Islamist, der Marihuana konsumiert, ein Mann mit Rohrbomben im Gepäck, der keinen Fahrschein löst - im Fall Waldkraiburg gibt es viele offene Fragen

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Mann, der vier Anschläge auf Geschäfte türkeistämmiger Inhaber im oberbayrischen Waldkraiburg gestanden hat, gibt Rätsel auf. Er ist in Deutschland geboren, hat die deutsche und türkische Staatsbürgerschaft, seine Eltern kommen aus der Türkei. Dennoch hat er die Taten mit seinem »Hass auf Türken« begründet, den er nicht näher erklärte. Der 25-Jährige soll Kurde gewesen sein, hat der Polizei gegenüber aber gesagt, dass seine Anschläge nicht in Zusammenhang mit dem Kurdenkonflikt stünden. Stattdessen sei er »Kämpfer und Anhänger« des Islamischen Staats. Gleichzeitig soll er an illegalen Autorennen teilgenommen und wegen dem Besitz und dem Fahren unter Einfluss von Betäubungsmitteln den Führerschein verloren haben.

Zwischen dem 16. April und dem 6. Mai waren die Scheiben dreier Geschäfte in dem 24.000-Einwohner-Ort eingeschmissen worden. Außerdem wurde ein Gemüseladen in Brand gesetzt. Sechs Menschen wurden verletzt, es entstand ein Sachschaden von über einer Million Euro. Eine der Familien soll unbestätigten Informationen zufolge selbst kurdisch gewesen sein.

Am Freitagabend war der 25-jährige Muharrem D. beim ticketlosen Fahren im Zug angetroffen und daraufhin der Bundespolizei übergeben worden. Im Laufe der Vernehmung fanden die Beamten in seinem Gepäck zündfähige Rohrbomben und mehrere Gramm Marihuana. Schließlich gestand er die Anschlagsserie in Waldkraiburg und gab an, weitere Taten geplant zu haben. Es wurde Haftbefehl wegen versuchten Mordes in 27 Fällen erlassen.

Seitdem sind mehr Informationen über den Mann bekannt geworden, der lange in der Nähe von Waldkraiburg gelebt hat und erst kürzlich in die Stadt gezogen sein soll. Nachbarn gaben gegenüber Lokalmedien an, er habe seit wenigen Monaten in einer Wohngemeinschaft mit ständig wechselnden Mitbewohnern gelebt. Er selbst sei stets freundlich und zurückhaltend gewesen, habe aber nicht viel Kontakt zu Nachbarn gehabt, da er auch meist unterwegs gewesen sei.

Muharrem D. soll eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann absolviert und zuletzt für eine Zeitarbeitsfirma gearbeitet haben. Die Angaben zu seiner derzeitigen Beschäftigung widersprechen sich in den Medien. Dem »Spiegel« zufolge war er aktuell arbeitslos. Die OVB-Heimatzeitungen hingegen berichteten, er sei aktuell über die Zeitarbeitsfirma in einem Chemiebetrieb eingesetzt gewesen. Ob er dort die Substanzen entwendete, die zum Teil bei ihm zu Hause gefunden wurden und die zum Bau der Rohrbomben verwendet wurden, ist nicht bekannt.

Die Polizei hatte bereits am Sonntag auf einer Pressekonferenz mitgeteilt, dass sich D. Zeugenaussagen zufolge in den vergangenen Jahren zunehmend radikalisiert habe. Nun hieß es in den Medien, er habe sich in seinem Umfeld allgemein ausländerfeindlich und speziell immer wieder türkenfeindlich geäußert. Weil er sich immer mehr dem fundamentalistischen Islam zuwendete, soll es zum Streit mit seiner Familie gekommen sein.

Der Londoner Politikwissenschaftler Peter Neumann sagte der Deutschen Presse-Agentur: »Anschläge auf türkischstämmige Menschen ohne kurdischen Hintergrund sind in Europa eine wirkliches Novum.« Es sehe so aus, als ob es sich um einen Einzeltäter handele, der sich als »einsamer Wolf« über das Internet radikalisierte. Es gehe nun darum, seine Spuren dort und in sozialen Medien zu verfolgen. »Was sind die Netze, in denen er sich bewegt hat? Ich wäre nicht überrascht, wenn er über das Internet mit anderen IS-Anhängern kommuniziert hätte und darüber in Kontakt gewesen wäre.« Wesentlich sei auch die Frage, ob er von dort aus auch geleitet wurde wie einige andere Täter, etwa beim Anschlag auf den Weihnachtmarkt in Berlin.

In der türkischen Zeitung »Hürriyet« äußerte der Münchner Generalkonsul Mehmet Günay Skepsis über das Geständnis des Täters und forderte eine tiefergehende Untersuchung.

Bisher gibt es allerdings keine Hinweise darauf, dass der D. auch Kontakt zu Mitgliedern des IS hatte. Die Ermittler gehen davon aus, den Richtigen erwischt zu haben und dass dieser keine Komplizen hatte. Dennoch wird weiter ermittelt. Derzeit wertet die Sonderkommission »Prager« der Polizei Handydaten und andere elektronische Datenträger des mutmaßlichen Täters aus. Die Beamten erhoffen sich davon Hinweise auf weitere Hintergründe sowie mögliche Mitwisser oder mögliche Mittäter. Unklar ist unter anderem, woher D. das Wissen, aber auch die Substanzen haben sollte, um Sprengsätze zu bauen.

In einer Videobotschaft wandte sich der Bürgermeister von Waldkraiburg an die Öffentlichkeit. Darin sagte er: »Ich bin froh, dass es in unserer Stadt keinen Rassismus gibt und die Taten einen anderen Hintergrund haben.« Wie das allerdings mit dem Hass auf Türken des Täters zusammenpassen soll, ist eine der offenen Fragen.

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