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  • Kultur
  • Kunst in Coronazeiten

Rückfall in romantische Armut

Bund kündigt Regeln zu Ausfallhonoraren für freie Künstler an, dafür braucht es Projektideen

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 5 Min.
Wenn die Musiker*innen nicht spielen dürfen: Ensemble Mosaik

Foto: Anja Weber
Wenn die Musiker*innen nicht spielen dürfen: Ensemble Mosaik Foto: Anja Weber

Ein Konzert nur mit Logenplätzen: Klingt nobel, ist aber eine aus der Krise geborene Idee. Ein Quartett des Freiburger Barockorchesters wird in einem Innenhof spielen, während Anwohner*innen von ihren Balkonen aus zuhören können. »Wir suchen nach Möglichkeiten: Was können wir online anbieten - und was ist live im Rahmen der Regeln möglich«, berichtet Martin Bail, zuständig für die Dramaturgie sowie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des freien Orchesters. Es fehle den Musiker*innen, vor Publikum zu spielen. Was ihnen noch fehlt - und woran auch ein Balkonkonzert nichts ändern kann - ist Geld.

Freie Orchester und Ensembles trifft die Coronakrise hart. Sie leben vor allem von Auftritten - die nun abgesagt wurden. Aus förderrechtlichen Gründen dürfen sie keine oder kaum Rücklagen bilden, ihre Budgets basieren zu 75 Prozent oder mehr auf eigenen Einnahmen, heißt es in einem offenen Brief des Vereins FREO - Freie Ensembles und Orchester in Deutschland - an Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Die Botschaft kam an. Ende April kündigte Grütters bis zu 5,4 Millionen Euro Soforthilfe für freie Orchester und Ensembles an - ebenso wie eine Honorar-Ausfallregelung für Engagements, die wegen der Coronakrise abgesagt wurden. Kultureinrichtungen und Projekte, die vom Bund gefördert werden, können Ausfallhonorare von bis zu 60 Prozent der vereinbarten Gage zahlen.

Für die Soforthilfe wurden Gelder aus dem Förderprogramm »Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland« umgewidmet. »Das finden wir begrüßenswert«, sagt Lena Krause, Geschäftsführerin von FREO. Nun werde der Verein beobachten, wie das Programm umgesetzt wird - und an welchen Stellen freie Ensembles und Orchester durchs Raster fallen. »Unser Anspruch ist es, dass die Vielfalt der Szene abgebildet wird«, betont Krause. Beim Thema Ausfallhonorare komme es darauf an, wie die Verfahrensregeln ausgestaltet werden, sagt die Geschäftsführerin. FREO fordert außerdem einheitliche, an das staatliche Kurzarbeitergeld angelehnte Regelungen für Projekte, die über Landesmittel finanziert werden. In einigen Bundesländern gebe es bereits entsprechende Verfahrensweisen, in anderen noch nicht.

Ensembles und Orchester machen unterschiedliche Erfahrungen mit Ausfallhonoraren. »Oft ist das nicht vertraglich geregelt. Es gibt Veranstalter, die kulant waren und eine Art Anzahlung für verschobene Konzerte geleistet haben«, berichtet Lisa Nolte, Managerin des Ensembles Mosaik, einer Berliner Formation für zeitgenössische Musik. Auch die Leipziger Combo CAM, eine junge Konzertformation für Alte Musik, ist auf Kulanz angewiesen. »Bisher haben wir von einem Veranstalter 40 Prozent der ausgemachten Gage bekommen. Von allen anderen kam bislang nichts«, berichtet Babett Niclas, Harfenistin des achtköpfigen Ensembles Combo CAM.

Auch das Freiburger Barockorchester hofft auf den guten Willen der Veranstalter - und den des Publikums. »Die wenigsten geben ihre Tickets zurück. Viele haben gespendet«, erzählt Martin Bail. Gesellschafter*innen des Freiburger Orchesters sind die 29 Musiker*innen. Proben und Auftritte werden nach Tagessätzen bezahlt. Das bedeutet: kein Konzert, kein Geld. »Das ist für die Musiker*innen katastrophal«, sagt Bail. Über institutionalisierte Fördertöpfe von Stadt und Land könne die Verwaltung des Orchesters am Laufen gehalten werden. Aber die entfallenen Musiker*innen-Honorare zu ersetzen, sei nur bedingt möglich, sagt der Dramaturg und Pressesprecher.

Das Freiburger Barockorchester hat Monika Grütters in ihrer Mitteilung als Beispiel für Antragsberechtigte des neuen Programms erwähnt. Antragsteller könnten bis zu 200 000 Euro erhalten. Aber: Es muss eine Idee her. Denn der Schwerpunkt des Programms liegt auf »der Förderung von Präsentations- und Vermittlungsformaten, die in Reaktion auf die besonderen Bedingungen der Pandemie entwickelt werden«.

Das Programm ist also eine Chance, sich mit der aktuellen Situation auseinanderzusetzen und in der Krise neue Ideen zu entwickeln. Die Soforthilfe gleiche aber nicht die Honorarausfälle aus, betont Ernst Surberg, Pianist des Ensembles Mosaik. Denn anders als beispielsweise Kurzarbeitergeld ist das neue Soforthilfe-Programm an konkrete Projektvorschläge gebunden. Es sei zu hoffen, dass dadurch Kreativität freigesetzt werde, sagt Babett Niclas. Wie das Freiburger Barockorchester und das Ensemble Mosaik möchte sich auch Combo CAM bewerben - eventuell mit einem Projekt zusammen mit einem Filmemacher.

Das Problem sei, dass viele Musiker*innen unter den aktuellen Bedingungen gar nicht in der Lage seien, sich innovative Konzepte auszudenken, sagt Babett Niclas. »Viele sind total fertig. Die Realität ist, dass Menschen um ihre Existenz bangen.« Einige unterrichteten ihre Musikschüler*innen online - aber abgesehen davon bleiben kaum Einnahmequellen.

Zwar gibt es das Bundesprogramm »Corona-Soforthilfe für Kleinstunternehmen und Soloselbstständige«. Das jedoch ist für laufende Betriebskosten gedacht, die Musiker*innen nicht oder nur in geringem Umfang haben. Zusätzlich gibt es auf Landesebene unterschiedliche Programme. In Berlin sind die Mittel - mit weniger strengen Antragskriterien - schon seit einiger Zeit ausgeschöpft. Nur einige Musiker*innen hätten davon profitiert, berichtet Ernst Surberg vom Ensemble Mosaik. Was bleibt, ist Arbeitslosengeld II.

»Ich finde es nicht schlimm, Grundsicherung zu beantragen«, sagt Surberg. Was ihn störe, sei, dass die Not engagierter Künstler*innen in der Krise zur Privatsache erklärt werde. Schließlich sei freie Kunst etwas, was gesellschaftlich gewollt sei. Aktuell aber sehe das anders aus: »Die Rolle des Künstlers wird zurückgedreht.« Er beobachte einen Rückfall in eine fast romantische Sichtweise auf den in Armut lebenden Künstler. Einige Musiker*innen haben sich bewusst für künstlerische Freiheit und Selbstständigkeit entschieden. Für andere hingegen gebe es schlichtweg keine andere Möglichkeit, denn die Anzahl fester Stellen sei begrenzt, erklärt Babett Niclas.

Monika Grütters unterstrich in ihrer Soforthilfe-Ankündigung die Bedeutung freier Ensembles und Orchester in Deutschland. »Für die Vielfalt unserer Musiklandschaft spielen sie eine zentrale Rolle«, betont auch Lena Krause von FREO. »Sie sind diejenigen, die künstlerische Innovationen vorantreiben, mit Organisationsstrukturen experimentieren und neue Konzertformate ausprobieren.« Außerdem seien sie als Kulturbotschafter*innen stark im internationalen Raum vertreten. »Durch den Wegfall ihrer Arbeit wird ein riesiges Loch in unsere Kulturlandschaft gerissen.«

Um sich für die Soforthilfe zu bewerben, arbeiten Musiker*innen nun an Konzepten für krisenfeste Formate. Der kreative Prozess laufe weiter, auch wenn das auf Distanz schwieriger sei, erzählt Ernst Surberg. Trotz aller momentan aufkeimenden Ideen zu Streaming- oder Video-Formaten: Der Kontakt mit dem Publikum bei Live-Konzerten sei etwas Besonderes, betont der Pianist. »Da gibt es eine Spannung, die sich vorher über Tage oder Wochen aufbaut. Die Energie ist dann viel höher, als wenn man zu Hause herumsitzt.«

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