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Ruckizucki in die Dummschwätzerhölle

Die komische Erzählung »Der kleine Herr Tod« feiert den antiautoritären Geist und den Wert des menschlichen Lebens

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 4 Min.

Dem kleinen Herrn Tod geht es nicht gut. Er ist ausgebrannt von der kräftezehrenden und monotonen Arbeit in der Unterwelt. Tagein, tagaus ist er in dem Unternehmen, für das er arbeiten muss, dem Konzern »Hades, Thanatos, Hypnos & Co.«, für die Hühner zuständig. Er muss, als Sensenmann, als welcher er tätig ist, die Hühner »machen«, sie sozusagen abholen, wenn Sie verstehen, was ich meine. »Und dafür habe ich nun Sterbologie studiert!«, so bricht es schon am Anfang dieser Erzählung aus dem gefrusteten kleinen Herrn Tod heraus, der in einer tiefen Sinnkrise steckt. Immerhin hat er einst für seine Diplomarbeit (Titel: »Geh doch ins Licht! - Wie man Trottel effektiv abholt«) die Bestnote bekommen (»6,66«). Doch nicht genug damit, dass andere längst mit wichtigeren Aufgaben als den seinen betraut wurden, irgendwann kam auch noch die Globalisierung dazu, was zur Folge hatte, dass der kleine Herr Tod »zusätzlich zu Europa auch noch Afrika und Asien zu machen hatte«. Das war zweifelsohne irgendwann ein gewaltiges »Abholpensum«. Wenn man allein an die Milliarden von Masthühnchen dachte, die täglich ins Jenseits befördert werden müssen! Und: »Für die Abholung eines einzelnen Huhns stand dem kleinen Herrn Tod ja nur der Bruchteil einer Minimillisekunde zur Verfügung, wenn überhaupt.« Wie gesagt: eine harte, monotone Tätigkeit.

Also macht der kleine Antiheld dieser Erzählung - auf Anraten seines Chefs, des alten Herrn Hades - zum ersten Mal in seinem Leben Urlaub. Wobei »Urlaub« ein Konzept ist, das dem kleinen Herrn Tod, dem stets in einem Blaumann steckenden Akkordarbeiter, bis dato nicht bekannt gewesen ist. Zuerst verschlägt es ihn dabei nach Rio und auf ein Konzert seiner Lieblings-Metal-Band Sepultura, wo er unter anderem die Bekanntschaft eines süßen, kleinen Hundes (»Zottel«) macht. Man muss wissen: Der kleine Herr Tod ist ein großer Death-Metal-Fan. Später landet er in Frankfurt am Main, »der hässlichsten Stadt von Deutschland«, wo er sich mit einem kleinen Jungen (»Bengel«) anfreundet und man gemeinsam beschließt, eine Death-Metal-Band zu gründen: »Und dann gehen wir allen Leuten auf den Keks, die uns nerven.«

Zusammen erlebt das Trio in der Folge noch mehrere eigenartige Abenteuer, muss etwa einen üblen Boulevardjournalisten loswerden oder sich mit einem niederträchtigen Hühnerfarmbetreiber anlegen.

Nebenbei lernt man viel als Leser, nicht nur über diverse Death-Metal-Bands: So etwa, dass der Berliner Verleger Klaus Bittermann »Frontmann der Death-Metal-Band Die Klaus Bittermanns ist«. Oder dass Deutsch »eine der vier Amtssprachen in der Unterwelt ist, neben Teuflisch, Himmlisch und Latein«. Oder etwas darüber, wer nach dem Ende des Lebens wo genau hinkommt: »Bei manchen Berufen ist es natürlich von vornherein klar. Talkshowmoderatoren, die meisten Politiker und oder auch Schreiber von Beziehungskolumnen zum Beispiel kommen ruckizucki in die Dummschwätzerhölle.«

Der Autor dieses überaus vergnüglich zu lesenden und mit wunderbaren Illustrationen versehenen Kleinods, der Schriftsteller Christian Y. Schmidt, der seit vielen Jahren in Peking lebt, ist gegenwärtig überaus präsent, nicht nur auf Facebook, wo er bereits seit längerem mit viel Zuspruch eine Art Corona-Live-Ticker betreibt bzw. die interessierte Öffentlichkeit über die neuesten Entwicklungen, die Seuche betreffend, auf dem Laufenden hält, sondern auch als Autor für diverse Publikationen, etwa »Konkret«, die »Taz«, das »neue deutschland« oder die »Berliner Zeitung«. Seine soeben erschienene, ebenso komische wie rührende Geschichte vom kleinen Herrn Tod ist mindestens zweierlei: eine Art literarische Hommage an den antiautoritären Geist des Krawallmachens und Keine-Ruhe-Gebens sowie eine kalauergesättigte Kindergeschichte für Erwachsene, in der der Wert jedes einzelnen menschlichen Lebens gefeiert wird. Kurz: Das Buch ist »gut grymm, nekro und urne«, wie der kleine Herr Tod selbst wohl sagen würde. Es kann also nicht schaden, auch auf Instagrab und Skullbook ein bisschen Werbung dafür zu machen.

Christian Y. Schmidt: Der kleine Herr Tod. Mit Illustrationen von Ulrike Haseloff. Rowohlt Berlin, 144 S., geb., 16 €.

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