Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Die gefährdete Tourismussaison

Griechenland wird von allen EU-Ländern am härtesten von der Coronakrise getroffen. Grund ist die große Abhängigkeit von der Reisewirtschaft

  • Von Elisabeth Heinze, Thessaloniki
  • Lesedauer: 4 Min.

Griechenlands Coronavirus-Bilanz fällt ziemlich gut aus: Mit »nur« 2776 Infizierten und 159 Toten ist die Pandemie in Griechenland im Vergleich zu anderen EU-Ländern bisher glimpflich verlaufen. Dies wird auf die rechtzeitigen Maßnahmen zur Eindämmung zurückgeführt. Schon im Februar wurden nach Bekanntwerden der ersten Infektion Großveranstaltungen wie der Karneval abgesagt, Mitte März folgte die Schließung der Bildungseinrichtungen und Museen, nach dem ersten Todesfall wurde ab dem 23. März eine sechswöchige Ausgangssperre verhängt.

Seither arbeiten Tourismusverbände und die Regierung beständig an ihrem »Comeback«. Laut Entwicklungsminister Georgiadis können Reiseveranstalter »dieses Jahr nur Griechenland verkaufen«. Kein Wunder, ist doch der Tourismus im sonnenverwöhnten und inselreichen Mittelmeerland den größten Wirtschaftssektor mit 24 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In den Jahren seit der Finanzkrise hat sich die Anzahl der in Griechenland ankommenden Besucher nahezu verdoppelt: 2018 kamen über 33 Millionen Touristen ins Land; mit rund 4,4 Millionen stellten die Deutschen die größte Gruppe.

Insofern sind durch den drohenden Komplettausfall der diesjährigen Reisesaison über 700 000 Jobs in Gefahr. Die Arbeitslosenquote könnte von 16 auf 26 Prozent steigen. Trotz der Werberufe wegen der geringen Infektionszahl könnte Corona laut EU-Kommission Griechenland von allen Mitgliedstaaten am härtesten treffen. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert einen BIP-Einbruch um zehn Prozent, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sogar von bis zu 35 Prozent.

Eine wahrscheinliche zweite Corona-Infektionswelle im Herbst, wenn griechische und - so steht zu hoffen - auch ausländische Urlauber ohnehin von den Stränden in die urbanen Zentren zurückkehren, nimmt man da in Kauf. Derweil stellt das Gesundheitsministerium über 4000 zusätzliche Ärzte an und baut die Kapazitäten auf Intensivstationen aus. Die Saison soll und muss, wenn auch verkürzt, stattfinden.

Der Sache dienlich sind nicht nur vermeintlich reiselustige Verbraucher, die auf ein Ende der Grenzschließungen und Reisewarnungen warten. Am Mittwochabend hat die EU-Kommission die in Griechenland sehnlich erwarteten Richtlinien für ein sicheres Reisen herausgegeben, die dem Land entgegenkommen: Es wird eine schrittweise Wiederherstellung der Freizügigkeit in der EU anberaumt. Gleichzeitig schlägt die griechische Regierung vor, dass Besucher einen maximal 72 Stunden alten Corona-Test bei der Einreise vorlegen, um die bis dato geltende zweiwöchige Quarantänepflicht zu umgehen.

Nicht zu vergessen ist, dass nicht nur griechische Unternehmen »eine Aktie« an den sehenswerten Naturschätzen in Hellas haben. Ihre Touren absagen mussten auch ausländische Reiseveranstalter, deren Saisonkräfte derzeit arbeitslos sind. Womöglich profitieren sie je nach Herkunftsland von dortigen Soforthilfen.

Für griechische Verhältnisse ex-trem unkompliziert, wurden einmalig 800 Euro an Selbstständige und Angestellte ausgezahlt. »Viel zu wenig«, findet Nikos Antoniou, »schließlich gehen 500 Euro davon an die Kranken- und Sozialversicherung.« Antoniou betreibt zusammen mit seiner Frau im Dorf Sapounakaiika oberhalb des Badeortes Tyros auf der Halbinsel Peloponnes die ökotouristische Pension »Studios Kyparissi«. Die Saison sollte eigentlich Ostern beginnen und nach früherem Buchungsstand »richtig einschlagen«. Nun können die Inhaber zum 1. Juni ihre Tore öffnen, stehen angesichts der Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen wie alle Gastwirte vor Herausforderungen und zusätzlichen Kosten, während es bei den Einnahmen massive Einbußen gibt. »Es ist noch nicht klar, was wir machen müssen: nach jedem Besuch desinfizieren, einen bestimmten Dampfreiniger kaufen oder die Zimmer ein bis zwei Tage zwischen den Gästen nicht besetzen oder einige Zimmer gar nicht vermieten.« Wenn sie keine familiäre Unterstützung hätten, könnten sie sich nicht halten, meint Antoniou, der von vier großen Hotels in der näheren Umgebung weiß, die nicht aufmachen werden. Zu groß sei wegen ihrer Zimmerkapazitäten die Gefahr der sofortigen Schließung, sobald ein Coronafall auftaucht. Einige Tavernen werden aufgrund der Abstandsbestimmungen wohl nicht öffnen können. Auch Strandbars, die nur mit Plexiglasvorrichtungen zwischen den Liegen öffnen dürfen, müssen investieren.

Trotz der heftigen Erschütterungen scheint die konservative Regierung nicht darüber nachzudenken, wie die starke wirtschaftliche Abhängigkeit vom Tourismus reduziert werden kann. Vergangene Woche noch wies der Staatsrat eine Klage des US-Unternehmens Hard-Rock International, einem der letzten zwei Bieter für das zum Verkauf stehende ehemalige Athener Flughafengelände in bester Meereslage, zurück, womit ein Einzelgebot der Mohegan Gaming Entertainment, ebenfalls mit Sitz in den USA, verbleibt. Am Mittwoch verkündete Entwicklungsminister Adonis Georgiadis von der konservativen Nea Dimokratia (ND) gegenüber dem Privatsender Skai stolz den baldigen Baubeginn - entstehen soll ein Luxusurlaubsresort mit einem gigantischen Casino. Baubeginn soll im Juni sein, wobei auch hier noch nicht alle Würfel gefallen sind.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln