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  • Ressourcen im All

Neue Weltnahme

Der Kampf um Ressourcen und Eigentumsrechte im All ist in vollem Gange

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Saturn mit seinen Ringen, aufgenommen von der Kamera der Raumsonde Cassini.
Der Saturn mit seinen Ringen, aufgenommen von der Kamera der Raumsonde Cassini.

Mit der Entdeckung der Erde sind wir fertig. Seit Ende des 15. Jahrhunderts wurden alle weißen Flecken nach und nach eingefärbt. Der tiefste Meeresboden und der Kern des Planeten bergen noch Geheimnisse. Aber da sind wir dran. Seefahrt, Expansionskriege, Landnahmen, Vernichtung angestammter Bevölkerungen, Pioniergeist, Besiedelung, Kolonisation – erst wurde erobert, dann für Recht und Ordnung gesorgt, wovon auch jene ein wenig oder manchmal mehr profitieren konnten, die vor den Eroberern da gewesen sind. Es sei denn, es gab sie nicht mehr, weil die Eroberer mit Seuchen und Waffen im Gepäck die stärkeren Argumente hatten.

Lange hatten wir, wie die Politökonomin und Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel schreibt, »sehr viel Planet für wenig Mensch«. Das sei heute anders: »Für immer mehr Menschen immer weniger Planet.« Die gesamte Geschichte der Menschheit erzählt davon, dass sich unsere Spezies, wenn die Ressourcen knapp wurden, die Lebensbedingungen unwirtlich, die technischen Möglichkeiten größer, auf den Weg gemacht hat.

Die »Weltnahme«, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk nennt, stieß und stößt seit jeher in andere Sphären vor. Auch der Weltraum ist eine solche Sphäre. Im März 1973 startete die US-Raumsonde Pioneer 10 Richtung Jupiter, weitere folgten. Staaten und ihre Weltraumorganisationen sowie private Unternehmen arbeiten an technischen Lösungen für zum Beispiel die Gewinnung von Rohstoffen im Weltall. Kommerzielle und zwischenstaatliche Partnerschaften werden gegründet, Funkfrequenzen sind eine auch im All begrenzte Ressource, denn es braucht Umlaufbahnen für Satelliten, Weltraumschrott ist schon heute ein Thema, das Zeug muss überwacht oder zur Erde geholt werden, Überwachungssysteme aller Art sammeln unendlich viele Daten, die unendlich nützlich, zugleich aber auch gewinnbringend sein können.

Gegenwärtig sind die Risiken einer Weltraumkolonisierung überschaubar beziehungsweise in weiten Teilen hypothetischer Natur. Nun könnte man sagen, das sei die Landnahme in Amerika bis Oktober 1492 auch gewesen. Aber das wäre leichtfertig. Die Expansion in den tiefen Kosmos mag heute vor technischen Grenzen stehen, die notwendigen Investitionen zum Aufbau einer Weltraumindustrie des notwenigen Ausmaßes sich nicht mehr im Profitkalkül des Kapitals realisieren lassen. Aber da gibt es ja noch den Mond und die rohstoffreichen erdnahen Asteroiden. Und es gibt die Erkenntnis, dass es keine gute Vorgehensweise ist, über Risiken und Regelwerke erst zu reden, wenn das Hypothetische Realität geworden ist. Zumal die neuen Pioniere der Weltraumnutzung zu einem nicht unerheblichen Teil Unternehmen sind. Die internationale Politik hinkt hinterher. In den vergangenen Jahrzehnten gab es viel zu wenig Debatte über die zukünftige Nutzung des Weltraums.

2004 hielt George W. Bush eine Rede vor der Nasa und sprach von einer radikalen Wende in der Raumfahrtpolitik. Er kündigte an, dass ab dem Jahr 2020 von einem dauerhaft besetzten Stützpunkt auf dem Mond aus Flüge zum Mars und darüber hinaus möglich sein sollten. Das hat nicht geklappt, aber einiges darüber gesagt, wie sich ein Land wie die USA die Sache mit der Eroberung des Weltraums vorstellt. Im Kapitalismus ist ein technischer Wissensvorsprung erst dann interessant, wenn andere von dem Wissen ausgeschlossen sind. Es sei denn, die internationale Staatengemeinschaft sichert sich durch Abkommen, Übereinkünfte, Verträge eine andere Art des Zugriffs und der Regelung.

Im Januar 1967 wurde von den Vereinten Nationen der sogenannte Weltraumvertrag verabschiedet, den inzwischen 107 Länder unterzeichnet haben. Damals war Kalter Krieg und mit dem Vertrag sollten die Okkupation einzelner Himmelskörper durch die USA oder die Sowjetunion und die Nutzung des Weltraums für militärische Zwecke verhindert werden. Die Erforschung und Nutzung des Alls, so der Kern des Vertrags, sei Sache der gesamten Menschheit. Nur friedliche Nutzung sei angestrebt und nationales Eigentum gebe es im Weltall nicht. Für den damaligen Stand der Technik und der internationalen Beziehungen zweier feindlicher Gesellschaftssysteme war dieser Vertrag eine mutige und weit vorausschauende Angelegenheit, zog er doch die Möglichkeit von etwas in Betracht, das unmöglich schien. So sollte Politik handeln. Dann passierte lange kaum etwas.

2012 verabschiedete die Generalversammlung der UN die Resolution 67/113 »Internationale Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung des Weltraums«. Ernsthaft besorgt über die Möglichkeit eines Wettrüstens im Weltraum, sowie in der Erkenntnis, »dass die Frage des Weltraummülls für alle Nationen von Belang ist«, wurden die Mitgliedsstaaten aufgefordert und gebeten, Geld in den Treuhandfonds für das UN-Programm für Raumfahrtanwendungen einzuzahlen und Voraussetzungen für die Förderung der internationalen Zusammenarbeit zu schaffen.

2019 verabschiedete der UN-Ausschuss für die friedliche Nutzung des Weltraums »Richtlinien für die langfristige Nachhaltigkeit von Weltraumtätigkeiten«. Die Weltraumumgebung der Erde sei, steht da, eine begrenzte Ressource, die von immer mehr Staaten, internationalen und zwischenstaatlichen Organisationen und nichtstaatlichen Akteuren genutzt werde.
Damit ist sanft umschrieben, dass der Kampf um Ressourcen und Eigentumsrechte in vollem Gange ist und weit und breit keine international anerkannte und zum Leitbild des Handelns erklärte Weltraumethik existiert, geschweige denn ausformuliertes, ratifiziertes, internationales Recht. Seit 1998 gibt es eine Weltkommission für Ethik im Weltraum, als beratendes Gremium der Unesco. Die Kommission legte bereits 2000 einen Bericht vor, auf dessen Basis 2004 das Arbeitsdokument »The Ethics of Outer Space« entstand. Freiwilligkeit steht vor Verpflichtung. Das funktioniert auch in anderen Bereichen eher schlecht.

1968 war die internationale Politik tatsächlich mal weit voraus. Heute ließe sich das nur sagen, ignorierte man, dass einzelne Staaten und private Unternehmen schon mindestens zwei Stadionrunden mehr geschafft haben.

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