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Interview

Stalking ist ein Angriff auf die Psyche

Leena Simon empfiehlt, Beleidigungen im Netz sofort zu melden

Von Inga Dreyer

Leena Simon berät Betroffene zum Thema Cyberstalking beim Anti-Stalking-Projekt des Berliner FRIEDA-Frauenzentrums. Mit der Netzpolitologin sprach Inga Dreyer.

Mit welchen Problemen kommen Frauen in Ihre Beratung?

Die Bandbreite der Themen ist riesig. Der Klassiker ist, dass sich nach der Trennung vom Partner die elektronischen Geräte komisch verhalten - oder er plötzlich intime Dinge weiß. Das verunsichert enorm. Die Wege, Kontrolle über diese Geräte auszuüben, sind vielfältig. Es ist Teil des Problems, dass wir immer individuell gucken müssen: Was passiert da gerade? Deshalb mache ich auch momentan nur selten eine telefonische Sprechstunde. Über Ferndiagnose kann man meist nicht viel ausrichten.

Bei welchen Anzeichen sollte man aufmerksam werden?

Ein Anzeichen kann sein, dass der Bedroher mehr weiß, als er wissen dürfte. Oder wenn der Akku plötzlich schnell leer wird. Dann geht er entweder kaputt - oder im Hintergrund läuft eine Software, die Daten überträgt. Auch eine hohe Datenübertragungsrate kann ein Hinweis auf eine sogenannte Spy-App sein. Eines der größten Probleme ist, dass die meisten möglichen Anzeichen auch banale Ursachen haben können. Wenn die Hinweise jedoch gehäuft und in Kombination auftreten, sollte man hellhörig werden. Wenn ich etwas auf dem Gerät finde, ist es eindeutig. Aber in den meisten Fällen bleibt leider eine Unsicherheit.

Was kann man tun, wenn man sich technisch nicht gut auskennt?

Es wäre von vornherein wichtig, dass sich Frauen die neuen Geräte bei Inbetriebnahme aneignen. Wenn der Freund das WLAN aufsetzt, kann man sich das zeigen lassen und gucken: Wie ist das konfiguriert? Es geht darum, Kontrolle über die digitalen Geräte zu erlangen, die einen umgeben. Das heißt nicht, dass man in allem eine Expertin werden muss. Viele meiner Klientinnen haben das alte Gerät vom Partner übernommen - und in manchen Fällen wissen sie nicht mal, dass es einen Google- oder einen Apple-Account gibt, über den dieses Gerät läuft. Das heißt: Sie kennen das Passwort nicht und können es nicht ändern. Darüber aber kann man weitreichenden Zugriff auf das Gerät haben. Auch das WLAN wurde häufig vom Ex-Partner eingerichtet. Wer Zugang zum Router hat, verfügt über viele Informationen - beispielsweise, welche Webseiten angesurft werden. Wichtig ist auch, Passwörter nicht mit anderen zu teilen - auch nicht mit dem Partner.

Und wenn es für Vorsichtsmaßnahmen zu spät ist?

Wenn wir die präventive Ebene verlassen, wird es schwieriger und schmerzhafter. Wurde das Gerät beispielsweise durch eine Spy-Software angegriffen, dann hilft es nichts, wenn ich meine Passwörter ändere. Dann muss ich das Gerät auf Werkseinstellungen zurücksetzen - oder mir sogar ein neues zuzulegen. Wenn aber der Account angegriffen wurde, dann kann ich mir noch so viele neue Geräte einrichten - ich schleppe das Problem immer mit. Dann muss ich einen neuen Account einrichten oder das Passwort ändern. Wir müssen in jedem Einzelfall genau hinschauen und Sicherheit gegen Komfort abwägen. Denn bequem sind die Lösungen selten. In ganz schwierigen Fällen empfehle ich das Betriebssystem Tails, das von einem USB-Stick aus gestartet wird. Damit hat auch Edward Snowden gearbeitet.

Warum wollen Bedroher überhaupt an die Daten kommen?

Wir beraten zwar nur betroffene Frauen und keine Bedroher - aber Cyberstalking ist in den meisten Fällen eine Beziehungstat, bei der es in erster Linie um Macht und Kontrolle über die Ex-Partnerin geht. Wer Kommunikation kontrolliert, übt damit Macht aus. Digitale Kommunikation lässt sich gut aus der Entfernung kontrollieren. Die alte Idee, dass der Mann einen Anspruch auf die Frau hat, sitzt noch viel zu tief in den Köpfen. Einige Männer können nicht akzeptieren, wenn sich die Frau aus ihrem Kontrollbereich hinausbewegt. Wir sehen häufig, dass die Bedroher so tun, als würden sie alles wissen, indem sie ihr Inselwissen hier und da platzieren. So haben die Betroffenen den Eindruck: Der weiß alles über mich. Häufig aber raten sie nur gut. Es gibt auch diejenigen, die das heimlich machen und nicht erwischt werden wollen. In diesem Fall geht es darum, weiterhin mitzubekommen, was die Person tut.

Was macht Stalking mit den Betroffenen?

Stalking ist vor allem ein Angriff auf die Psyche. Das soll zeigen: Ich habe die Kontrolle über dein Leben. Das macht die Betroffenen klein, verunsichert sie - teilweise bis aufs Mark. Das kann bedeuten, dass sie Freundschaften und ihren Arbeitsplatz verlieren oder umziehen müssen. Besonders schwierig ist es, wenn gemeinsame Kinder im Spiel sind. Der Umgang mit der Bedrohungssituation kann sehr unterschiedlich sein. Es gibt Klientinnen, die gut durch diese Situation kommen und sich Kontrolle zurückholen, indem sie zum Beispiel in Informatikkurse an der Uni gehen. Anderen wird einfach der Boden unter den Füßen weggerissen, was völlig verständlich ist. Deswegen arbeiten wir viel mit Empowerment und überlegen, wie man den Frauen ihre Würde und ihre Kontrolle zurückgeben kann. Das Gefühl von Kontrollverlust kann leider auch dazu führen, dass sie nicht mehr zwischen realen Bedrohungen und diffusen Ängsten unterscheiden können. Nicht nur deswegen raten wir allen Klientinnen, auch eine psychosoziale Beratung aufzusuchen.

Wie geht man vor, wenn man beharrlich über digitale Kanäle belästigt wird?

Das ist sehr situationsabhängig. Wenn jemand Social Media beruflich nutzt, zum Beispiel als Influencerin, kann sie nicht mal eben ihren Account abschaffen, da hängen vielleicht Hunderttausende Follower dran. Da empfehle ich tatsächlich, in den »Celebrity-Mode« zu schalten, das an sich abperlen zu lassen und zu sagen: Ich muss Wege finden, damit umzugehen. Dann gibt es natürlich die Möglichkeit, die Leute zu blocken und zu »muten« [Anm.: stumm schalten] . So, wie man sich im analogen Leben nicht unbedingt schwierigen Situationen aussetzt, muss man sich auch auf Social Media nicht alles antun. Man sollte aber Beleidigungen, Anfeindungen, Verleumdungen oder Diffamierungen unbedingt melden. In dem Moment, wo es strafrechtlich relevant wird, ist auch anzeigen wichtig. Je mehr Anzeigen reinkommen, desto klarer wird: Hier muss sich etwas ändern.

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