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Kreisen in der Krise

Auch der erste Geisterspieltag zeigt: Das Paralleluniversum Profifußball funktioniert prächtig

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

In Bremen kam am späten Montagabend einiges zusammen. Ernüchterung verspürten wie gewohnt die Fußballer des SV Werder. Nach der deutlichen 1:4-Niederlage gegen Bayer Leverkusen besteht die Hoffnung auf den Klassenerhalt beim Tabellenvorletzten wohl mehr aus dem Glauben an dessen mathematische Möglichkeit als an die eigene Stärke. Riesengroß wird hingegen die Erleichterung gewesen sein - bei allen, die wochenlang und mit allen Mitteln für einen Neustart der Bundesliga gekämpft hatten.

Der bange Blick in die Hansestadt auf die letzte Partie des ersten Geisterspieltags von Verantwortlichen der Deutschen Fußball Liga (DFL) und der Vereine sowie der politischen Befürworter des Neustarts hat seine Gründe. Die Bremer Politik steht den Wünschen der milliardenschweren Unterhaltungsbranche Profifußball schon lange kritisch gegenüber. Ein Beispiel: Dem Bremer Antrag folgend, hatte das Bundesverwaltungsgericht im März 2019 entschieden, dass Bundesländer zusätzliche Polizeikosten bei Hochrisikospielen der DFL in Rechnung stellen können. Eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts steht noch aus. Möglicherweise beeinflusst die viel kritisierte Sonderrolle des Profifußballs in der Coronakrise das Meinungsbild.

Warnende Worte waren auch vor dem Anpfiff der Partie gegen Leverkusen aus Bremen gekommen. Innensenator Ulrich Mäurer hatte gedroht, künftige Geisterspiele zu verbieten, falls sich Fans vor dem Stadion versammeln und dabei den Mindestabstand nicht einhalten sollten. Seine generelle Ablehnung drückte der SPD-Politiker ebenfalls aus: »Ich halte den Start der Bundesliga zu diesem Zeitpunkt für unverantwortlich. Nach einer Empfehlung des Robert Koch-Instituts haben wir alle größeren Ansammlungen in Deutschland untersagt.«

Nun, nach den ersten 17 Spielen in der ersten und zweiten Bundesliga, ist festzustellen: Das Konzept der DFL funktioniert. Mehr oder weniger. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der sich in den vergangenen Wochen zu einer Art bundespolitischem Sprecher des Profifußballs entwickelt hat, lobte jedenfalls das »gelungene Experiment«. Bei Verstößen gegen das Hygienekonzept, von denen zumindest einige öffentlich wurden, hebt der CSU-Politiker immerhin mahnend den Zeigefinger und wiederholt das Mantra, dass der Profifußball »auf Bewährung« spiele und »unter Beobachtung« stehe.

Konsequenzen gab es noch keine. Obwohl schon die Regeln, beispielsweise bei Kontaktbeschränkungen oder Quarantänevorschriften, weitaus großzügiger sind als für den größten Teil der Gesellschaft. Wie realitätsfern der Profifußball ist, wird in der Krise noch deutlicher. »Wir haben gerade Einschränkungen, die nicht so angenehm sind«, beklagt Markus Gisdol das Leben in der Quarantäne. Es ist »kein schönes«, jammert der Trainer des 1. FC Köln. Und »krass« findet er, dass sein Augsburger Kollege Heiko Herrlich beim Spiel gegen Wolfsburg seine Mannschaft nicht betreuen durfte, nur »weil er beim Einkaufen war.« Herrlich hatte damit noch vor dem ersten Anpfiff die Quarantänevorgaben komplett ausgehebelt. Im Stadion, wenn auch nicht auf der Trainerbank, durfte er dennoch sitzen.

Wenn auch wenig überraschend, aber nicht nur Profis, Trainer und Betreuer verstoßen gegen geltende Regeln und zeigen kaum Einsicht. Ignoranz wird von ganz oben vorgelebt. »Nochmal: Dieses Szenario ist höchst unwahrscheinlich«, sagte Peter Peters Ende vergangener Woche über einen möglichen Saisonabbruch. Der Aufsichtsratschef der DFL glaubt nicht daran, dass das Corona-Virus den engen Spielplan sprengen könnte. Muss er auch nicht, wenn Verstöße keine Konsequenzen haben. Dass mit Dynamo Dresden eine ganze Mannschaft von der zuständigen Gesundheitsbehörde den Vorgaben entsprechend in eine zweiwöchige Quarantäne geschickt wurde, ärgerte die DFL mächtig, bleibt aber bestimmt ein Einzelfall.

Den Vorwurf, der Profifußball lebe in einem Paralleluniversum, gibt es schon lange. Er hat es trotz demütiger Worte zu Beginn der Coronakrise nie verlassen - und zieht nach der politischen Spielerlaubnis weiter seine Kreise. »Wenn wir eine Krise im deutschen Fußball in den vergangenen Jahren hatten, war sie beim DFB zu suchen«, griff Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge den Deutschen Fußball-Bund an. Dieser hatte zuvor durch Präsident Fritz Keller die »Großkotzigkeit neureicher Fußballmillionäre« als Grund für den Imageschaden des Sports kritisiert. Selbst die DFL hatte ähnlich argumentiert. Egal. Und die jüngste Krise, dass 13 Profiklubs bei einem Saisonabbruch sofort insolvent wären? Vergessen. Ebenso die viel versprochene Solidarität. Die hat der Profifußball mit Spenden von neun Millionen Euro - 2,4 Prozent des letztjährigen DFL-Umsatzes - an den DFB anscheinend ausreichend gezeigt.

In Bremen weiß man auch viel über fehlende Solidarität. Die DFL reichte die Gebührenbescheide über die angefallenen Polizeikosten in Höhe von bislang 1,17 Millionen Euro direkt an den SV Werder weiter.

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