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Die Friseurin Layla Ibrahim arbeitet in der Wohnung ihrer geflüchteten Schwester.
Raqqa

Hoffnung aus Staub

Eine Reportage aus Raqqa

Von Philip Malzahn

Dort, wo einst ihr Wohnzimmer war, steht Um Yahya, die Dichterin. Ihr Blick ist auf die Stadt gerichtet, doch muss er kein Fenster mehr durchqueren. Die Wand fehlt, zersprengt von einer Fliegerbombe. Balancierend auf einem großen Betonbrocken schaut sie auf die kahlen Fassaden Raqqas und schweigt. Auf einmal klatscht sie in ihre Hände, so dass die schweren Ringe aus Katzengold ein Klirren durch die Ruinen ihres Eigenheims senden. »So, die Tour ist vorbei. Wie ihr sehen könnt, ist die Wohnung in astreinem Zustand, nur zieht es ein bisschen. Aber das ist auch nur im Winter ein Problem, im Sommer freut man sich über jedes Lüftchen. Wenn ihr die Kaution hinterlegt und auch sonst keine Bedenken habt, würde ich sagen, lasst uns in mein Büro fahren und den Mietvertrag aufsetzen, haha.« Um Yahya hat in Wirklichkeit kein Büro. Das einzige, was ihr noch geblieben ist, ist ihr Sohn, ein paar Ordner voller Gedichte und das kratzige, schelmische Lachen. Es ist so laut, dass man fast den Schluchzer überhört, den sie am Ende mit magerem Erfolg unterdrückt.

Als im Sommer 2017 die Bombe eines Kampfjets ihr Wohnhaus trifft, ist sie gar nicht mehr in Raqqa, sondern bei Verwandten im Umland. Wie so viele ist sie geflüchtet, als absehbar war, dass die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte mithilfe einer internationalen Allianz versuchen würden, die Stadt vom Islamischen Staat (IS) zu befreien. »Man hat jeden Tag auf den Anruf gewartet, den so viele Bekannte bereits erhalten hatten«, sagt sie. »Das Telefon klingelt, und man bekommt gesagt: Diesmal hat es euch getroffen. Es ist nichts mehr übrig.« Oft hat der IS die Wohnungen geflüchteter Zivilisten als Kampfposten benutzt, und viele wurden zerbombt. Schätzungen zufolge ist bis heute 60 Prozent der Infrastruktur Raqqas zerstört. So genau lässt sich das aber kaum messen. Fakt ist: Es gibt keine Straße ohne Spuren jener Brutalität, die noch vor kurzem die Stadt beherrschte. Fließend Wasser gibt es inzwischen wieder, doch die Stromversorgung ist weiter mangelhaft: Die meisten Menschen benutzen Autobatterien.

Die 49-Jährige Um Yahya ist in ganz Raqqa für ihre Art bekannt: schlagfertig, selbstbewusst und frech. Eine Art, die sie trotz Schicksalsschlägen in Dauerschleife antreibt. In Raqqa ist sie geboren und aufgewachsen. Ihre Kindheit und Jugend beschreibt sie als normal. Sie ist zur Schule gegangen, hat früh geheiratet - einen 30 Jahre älteren Mann. Gestorben ist er vor fünf Jahren, mit 75 und eines natürlichen Todes. Ihr ganzes Leben lang hat sie geschrieben. »Über mich, meine Umgebung, über Krieg und Leid, aber auch über anderen Blödsinn«, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Mit dem Dichten Erfolg zu haben, davon hat sie schon immer geträumt. In großen Teilen der arabischsprachigen Welt ist das zumindest weniger unwahrscheinlich als woanders.

Gedichte und ihre Verfasser genießen einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Ob in der Schule, an der Uni oder im Café, viele, die man trifft, kennen und lernen Gedichte auswendig. Es gibt große Talentwettbewerbe im DSDS-Format. Dann schaut ein Millionenpublikum gebannt dabei zu, wie Poeten mit ihren Gedichten versuchen, die Jury zu überzeugen, um schließlich den Titel des »Millionendichters« zu ergattern. In Millionenhöhe ist auch das Preisgeld, dass die besten Fünf mit nach Hause nehmen. Doch von einem glorreichen Leben als Dichter oder Dichterin ist in Raqqa nichts zu spüren. Die Stadt, die einst von ihrer günstigen Lage am Fluss Euphrat profitierte - sogar der abbasidische Kalif Harun ar-Raschid ließ hier seine Sommerresidenz bauen und verlieh der Stadt auch in der islamischen Geschichtsschreibung eine Bedeutung - leidet heute unter genau jenen geografischen Gegebenheiten. Kurz vor den westlichen Toren der Stadt liegt die Tabqa-Talsperre, ein Staudamm, der Strom für die gesamte Region produziert. Entlang des Flussufers wächst Obst, Gemüse und Korn. Für Syrien ist es hier unüblich grün; die strategische Lage ist günstig. Nicht zuletzt deshalb ist die Stadt auch Jahre nach der Befreiung vom IS im Zentrum eines geopolitischen Spannungsfeldes. Nur etwa 1,5 Stunden Autofahrt nördlich stehen die von der Türkei unterstützten islamistischen Rebellen. Eine Stunde Richtung Westen stehen Assads Truppen. Raqqa selbst ist unter Kontrolle der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens - ein basisdemokratisches Projekt, angestoßen im mehrheitlich kurdischen Norden des Landes, das in Raqqa an seine Grenzen stößt.

Vorsichtig steigt Um Yahya aus ihrer zerstörten Wohnung hinab. Im zerschossenen Treppenhaus spielen Kinder Fangen. Ein Junge im allgegenwärtigen Barcelona-Trikot verliert das Gleichgewicht und greift in eines der vielen Einschusslöcher. Der IS hat viele der zerstörten Häuser vermint, um auch nach seinem Abzug die Bevölkerung zu terrorisieren. Auf den Straßen Raqqas sieht man auffällig viele Menschen mit fehlenden Gliedmaßen. »Es ist einfach eine traurige Stadt«, sagt Um Yahya. Ein kleiner Trost: Ihr Sohn hat angekündigt, in den nächsten Tagen wieder nach Raqqa zu kommen. Seit Jahren singt er ihre Lieder, die beiden nehmen den Gesang auf und schicken ihn an Verwandte und Bekannte.

Um Yahya bedeutet »Die Mutter Yahyas«. Eigentlich heißt sie anders, doch hier ist es üblich, dass man Eltern nach ihren Kindern benennt. Ihren Sohn hat sie seit Monaten nicht mehr gesehen. Er musste aus Raqqa verschwinden, weshalb genau, will sie nicht sagen. Obwohl der Islamische Staat seit Oktober 2017 vertrieben ist, ist die Stadt noch lange nicht sicher. Schläferzellen, das Entstehen krimineller Banden und ein wachsendes Misstrauen der mehrheitlich arabischen Bevölkerung gegenüber ihrer überwiegend kurdischen Stadtverwaltung werden durch den schleppenden Wiederaufbau begünstigt. Trotzdem will Um Yahya die Stadt nicht verlassen. Auch, weil ihr ohnehin dafür das Geld fehlt. Doch das ist für sie kein Widerspruch. Sie fasst es so zusammen: »Meine Haut ist bedeckt vom Staub des Krieges, und meine Haltung ist aus falschem Stolz, wie die eines verwöhnten Schönlings. So bin ich, und so ist auch Raqqa.«

Stinksauer mit Schere

In einem kleinen Durchgangszimmer wirft die weiße Neonröhre ein kaltes Licht auf Layla Ibrahims Gesicht. Konzentriert führt sie die Haarschneidemaschine den Nacken ihrer 13-jährigen Tochter entlang. Doch ihre ruhige Hand täuscht. Layla ist stinksauer. Sie fühlt sich im Stich gelassen von der Selbstverwaltung, die nun Raqqa regiert. Sie schimpft, nennt sie korrupt und betrügerisch. Wie sie fühlen sich viele ethnische Araber unter kurdischer Verwaltung als Bürger zweiter Klasse. Sie habe große Hoffnung in die Zeit nach der Befreiung gesetzt. Denn wie auch Um Yahya hat sie in den vergangenen Jahren alles verloren. Ihr Sohn wurde durch einen Luftangriff getötet. Er war auf dem Heimweg. Ihr Mann wurde vom IS umgebracht; seine Leiche hat sie nie gesehen. Bis zum heutigen Tag werden fast täglich neue Massengräber in und um Raqqa entdeckt. In den vergangenen Jahren wurden dort über 6000 Leichen aus dem Boden gezogen, wie viele es noch werden, weiß keiner.

Vor und sogar noch zu Beginn des Syrienkrieges war Layla Ibrahim Betreiberin eines kleinen Schönheitssalons. Dann übernahm im Jahr 2013 der sich etablierende IS die vollständige Kontrolle über die Stadt. Unter der brutalen Auslegung islamischer Gesetze wurden Kosmetikprodukte jeglicher Form verboten. Die Strafen dafür: Peitschen oder Stockhiebe, gelegentlich auch Tod. Keine zwei Kilometer von Laylas Wohnort entfernt befindet sich der berüchtigte Al-Naeem-Kreisverkehr, auf dem man die enthaupteten Köpfe zur Schau stellte, als Warnung an die anderen. Geschminkt hat sich die 39-Jährige zu dieser Zeit trotzdem. Heute hofft sie darauf, ihren Laden wieder zu eröffnen und ihren Lebensunterhalt damit zu verdienen. Das Geld hat sie bitter nötig: Ihre beiden Töchter gehen noch zur Schule, ihr Sohn hat eine Autoimmunkrankheit und braucht dringend eine Behandlung. Doch selbst die spartanische Gesundheitsversorgung Raqqas kostet. Auch ihre Wohnung wurde im Zuge der Kämpfe völlig zerstört. Heute lebt sie im Eigenheim ihrer Schwester, die mitsamt Familie aus Syrien in die Türkei geflohen ist.

Doch ohne einen Kredit oder sonstige Unterstützung wird es sehr schwer für Layla werden, sich den Traum eines eigenen Ladens ein zweites Mal zu erfüllen. Deshalb frisiert und schminkt sie ihre Familie, Freunde und jene ehemaligen Kundinnen, die nicht geflohen oder gestorben sind, fürs erste unter der grellen Neonröhre im Durchgangszimmer ihrer geflüchteten Schwester.

Mädchen, die rappen

Wenn Sidra und Sadil die Tür schließen, sind sie mit ihren Worten alleine. Dann können die beiden richtig loslegen. Mit wilden Gesten und fetzigen Texten, so, wie es sich gehört, gehen die beiden ihrer Leidenschaft nach: dem Rappen. Doch wie kommt die Musikrichtung, die ihren Ursprung in den Armenvierteln New Yorks in den 1970ern hat, in diese verwüstete Stadt in Syrien? Viel mehr noch, wie kommt sie in das Wohnzimmer der Schwestern?

Die Straße vor ihrem Wohnhaus ist staubig. Die ehemalige Jungenschule gegenüber liegt in Trümmern. Gemeinsam mit ihrer Mutter teilen sie sich die drei Zimmer. Ihren Vater haben sie während des Krieges verloren. Es war auch während des Krieges, dass sie das erste Mal von Rapmusik erfahren haben. Auf der Plattform Youtube auf dem Handy ihrer Mutter wurde ihnen ein arabischer Song vorgeschlagen. Schnell sind sie begeistert und beginnen, ihre eigenen Lieder zu schreiben. Es geht um Ungerechtigkeit gegen Kinder, um den gewaltsamen Tod des Vaters, um den Krieg und den Umgang mit alldem. Dass die heute zehn und 13 Jahre alten Schwestern damit ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, war ihnen damals schon bewusst, und zwar mehr, als man Kindern in dem Alter zutrauen würde. »Jedes Kind in Raqqa weiß, was es heißt, zu sterben«, sagt die ältere Sadil mit ernster Miene. Auch ein Lehrer der beiden bekommt von der Sache Wind, doch er hält dicht.

Die Schwestern wurden von ihrer Mutter Amani gedeckt. Vorsichtig schloss sie immer alle Fenstern und Türen und ließ die beiden Mädchen im Wohnzimmer üben. »Die Kinder hatten so viel Spaß, in einem Leben, dass so wenig Gelegenheit dazu bietet.« Doch für die Zukunft sieht die Mutter in Sachen Rap eher schwarz. »Irgendwann werden sie von alleine damit aufhören müssen.« Verbieten will es Amani ihren Töchtern nicht. »Aber die Gesellschaft hier ist noch nicht bereit für Frauen, die rappen«, sagt sie. Die beiden Schwestern sehen das anders. Mittlerweile wissen viele von ihrer Leidenschaft. »Die meisten sind am Anfang schon sehr verwundert«, sagt Sadil. »Sie verstehen einfach nicht, warum. Aber echte Probleme haben wir noch nicht bekommen. Alle haben sich schnell daran gewöhnt.« Sie treten mittlerweile zu Feiern ihrer Freunde, Verwandten und Nachbarn auf.

In Zukunftsfragen sind sich die beiden uneinig. Sadil übt täglich - sie will eines Tages mit ihrer Musik groß rauskommen. Die jüngere Sidra hat bescheidenere Ziele. Sie möchte arabische Literatur studieren und Lehrerin werden. Doch egal, was die Zukunft bringen mag, beiden ist klar: Es wird ein langer Weg. »Wir wissen, dass das, was wir tun, etwas Besonderes ist«, sagt Sadil. »Wir wissen aber auch, dass die Umstände, in denen wir leben, auch besonders sind. Besonders schwer nämlich.«

Zusammenkunft

Im neuen Kulturzentrum der Stadt laufen die Fäden zusammen. Es wurde im September 2018 ins Leben gerufen und im Mai 2019 eröffnet. Sowohl Um Yahya wie auch die beiden Schwestern haben hier einen Ort gefunden, sich mit Gleichgesinnten zu treffen und auszutauschen. Angestoßen von der Stadtverwaltung soll das Zentrum all das ermöglichen, was unter dem IS verboten war. Es gibt eine Folkloregruppe, Theater, Gesangs-, Malerei- und Musikunterricht. Im Konzertsaal hängen unmissverständliche Botschaften an der Wand, so etwa: »Mit unserer Kultur bauen wir eine freie Gesellschaft«.

An einem sonnigen Dezembernachmittag will das Zentrum ein Zeichen nach draußen setzen, aber ein subtiles. In Raqqa müssen gesellschaftliche Wagnisse vorsichtigangegangen werden, sonst wird es schnell gefährlich, sagt Um Yahya, die heute mit dabei sein will. Auch ihr Sohn hat versprochen, das kleine Event als Anlass für seine Rückkehr zu nehmen. Die Männer und Frauen der Folkloregruppe haben sich in die traditionellen Gewänder der Region gekleidet und spazieren gemeinsam vom Zentrum zum Fluss Euphrat. Am Ufer tummeln sich Spaziergänger und Angler. Auch die vielen Autofahrer auf der Brücke können auf die bunte Truppe blicken. In traditioneller arabischer Art wird ein Teppich ausgebreitet und die Schuhe ausgezogen. Dann wird gemeinsam gesungen, begleitet von Handtrommeln. Über eine Stunde schwanken die Musiker von links nach rechts, während die Sonne im Hintergrund ihr letztes Licht auf eine Stadt wirft, die irgendwo zwischen einer grausamen Vergangenheit und einer unsicheren Zukunft steckt. Neugierige Passanten kommen vorbei, fragen, filmen.

Irgendwann ist es auch soweit und Um Yahyas Sohn ist da. Sichtlich aufgebracht und mit Tränen in den Augen läuft er auf die Gruppe zu. Doch bevor seine Mutter ihn in die Arme schließen kann, ist Yahya auf den Knien. Er weint bitterlich, küsst die Erde, immer und immer wieder. Danach richtet er sich auf, atmet tief durch, klopft den Staub ab und küsst seine Mutter. Die beiden liegen sich in den Armen. Yahya beginnt zu singen, leise, um der Folkloregruppe keine Konkurrenz zu machen. Seine Mutter schließt die Augen und hält ihr Gesicht in die Abendsonne.

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