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»Rojava hat acht Jahre Krieg überlebt und jetzt kommt das Virus«

Für die Menschen in Nordostsyrien ist die Corona-Pandemie eine Krise in der Krise

  • Von Anna Dotti
  • Lesedauer: 4 Min.

Sie sind seit anderthalb Jahren als Projektmanagerin für den Aufbau der gesamten medizinischen Infrastruktur in Nordostsyrien verantwortlich. Heute treffe ich Sie in Hamburg. Haben Sie Rojava aufgrund der Corona-Pandemie verlassen?
Eigentlich umgekehrt. Ich bin Anfang März für einen Urlaub zurück nach Hamburg geflogen und dann hier steckengeblieben. Jetzt bin ich praktisch den ganzen Tag ununterbrochen online, um meine Arbeit, die ich normalerweise in Qamishli ausübe, hier weiter zu leisten. Wir arbeiten daran, das gesamte Gesundheitssystem in der Region wieder aufzubauen: Krankenhäuser und Kliniken rehabilitieren oder neu bauen, das medizinische Equipment besorgen, das Personal fortbilden, Fördergeld beantragen und so weiter. Ich versuche gerade, von hier aus alles Mögliche zu koordinieren, um meinen Kolleg*innen vor Ort den Rücken freizuhalten.

Wie erleben Ihre Kolleg*innen des Kurdischen Roten Halbmond die Pandemie?
Es ist eine Krise in der Krise. Meine Chefin meinte halb scherzhaft, halb ernsthaft zu mir: Wir haben 8 Jahre Krieg überlebt und nun wird es ein Virus vielleicht schaffen, uns kleinzumachen. Seit langem haben die Leute dort den Eindruck, ihre Region diene nur als Spielfeld der Großmächte. Zu dieser zynischen Darstellung kommt jetzt auch die Sorge, dass das Virus eingesetzt werden könnte, um Rojava gezielt zu destabilisieren.

Gibt es Beweise dafür?
Es wird als selbstverständlich gesehen, dass die Türkei vorhat, die infizierten syrischen Flüchtlinge als erstes wieder zwangs-zurückzuweisen. Wir können das bloß nicht beweisen, weil wir keinen Zugang zur besetzten Region haben. Außerdem gab es Misstrauen in Bezug auf die Ergebnisse der Corona-Tests: Im April ist ein Mann an Corona verstorben, sein Test-Ergebnis war jedoch negativ. Das Labor in Damaskus gab erst nach einem Monat zu, einen Fehler gemacht zu haben. Es wird von der WHO finanziert und aktuell von der syrischen offiziellen Regierung betrieben. Dies war bisher unsere einzige Test-Möglichkeit, jedoch hat es die Selbstverwaltung seit ein paar Tagen geschafft, ein eigenes Labor in Qamishli zu organisieren. Wir sind aber noch weit davon entfernt zu wissen, wie viele Infizierte es wirklich gibt.

Wie bereiten Sie sich aktuell auf einen möglichen Ausbruch des Coronavirus vor?
Wie hier in Europa wurden Eindämmungsmaßnahmen für die Bevölkerung eingeführt: Ausgangssperren, Schließungen öffentlicher Gebäude, Quarantäne für Menschen mit Symptomen. Im Vergleich zu hier sind aber die Familien dort größer und leben auf engstem Raum zusammen, die Infektionsgefahr ist dadurch relativ hoch. Trotzdem versuchen wir sie durch eine öffentliche Aufklärungskampagne zu minimieren. Was die Infrastruktur angeht, gibt es verschiedene Corona-Triagen und wir haben diesen Monat auch ein erstes Corona-Krankenhaus in Al-Hasakah eröffnet. Es sollen noch zwei dazu kommen: ein weiteres dort und ein anderes in Raqqa. Das größte Problem bleibt jedoch eine schnelle medizinische Versorgung.

Warum?
Es gibt nicht genügend Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel, nicht einmal für das medizinische Personal. Außerdem brauchen wir dringend Intensivbetten und Beatmungsmaschinen, die schon vor Corona-Zeiten zu wenig waren. In unserem Vorratslager sind im Moment auch 40 Prozent weniger Medikamente verfügbar. Am Anfang des Jahres hat Russland sein Veto gegen eine UN-Resolution zur humanitären Hilfe in Syrien eingelegt. Seitdem ist der Grenzübergang auch für die benötigen Medikamente unmöglich geworden – auch für die WHO. Das ist für sich schon tragisch genug und durch Corona nur noch schlimmer geworden.

Bekommt der Kurdische Rote Halbmond überhaupt internationale Unterstützung?
Obwohl wir die größte Hilfsorganisation vor Ort sind, bekommen wir als kurdische lokale Organisation keine direkte Unterstützung, zum Beispiel von den Vereinten Nationen. Es arbeiten aber sehr viele einzelne Länder direkt mit uns, von den USA bis nach Europa. Das einzige europäische Land, das meines Wissens unsere Arbeit nicht unterstützt, sondern behindert, ist Deutschland.

Was meinen Sie damit, dass Deutschland Ihre Arbeit behindert?
Das Auswärtige Amt finanziert unsere Projekte nicht. Deutsche NGOs können Fördergelder beziehen, vorausgesetzt, sie arbeiten nicht mit dem Kurdischen Roten Halbmond zusammen. Deswegen mussten wir die Mitarbeit mit der NGO Cadus abbrechen. So ist nun eine Klinik in Raqqa komplett weggefallen, weil Cadus das Projekt nicht allein zu Ende bringen konnte.

Wieso glauben Sie, dass sich die deutsche Regierung so verhält?
Offenbar laufen wir bei der Regierung als YPG-Support, also als »Terror-Unterstützer«, obwohl wir als Hilfsorganisation jeden versorgen und das überprüfen die Spender ja auch. Meine politische Spekulation ist einfach, dass Deutschland uns nicht finanziert, um keine Probleme mit der türkischen Regierung zu bekommen. Deutschland lässt sich von der Türkei erpressen.

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