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Vergessene Helden

Kaum jemand kümmert sich um die Seeleute, deren Arbeit auch in der Coronakrise unverzichtbar ist

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 7 Min.

Jörn Hille winkt dem Watchman, dem wachhabenden Matrosen, an der Gangway zu. Dann stellt er sich vor und erhält mit einem Winken und einem freundlichen Grinsen das Okay, an Bord des Massengutfrachters im Hamburger Hafen zu kommen. Die signalgelbe Weste mit dem Aufdruck »Deutsche Seemannsmission« weist den 42-Jährigen aus. Hille streift seine Maske und die Handschuhe über, schultert den Rucksack und stapft dann vorsichtig die wacklige Gangway hoch.

Täglich ist Jörn Hille, ein stämmiger Mann mit ovaler Brille und graumeliertem Kinnbart, zwischen den Terminals und Kais im Hamburger Hafen unterwegs. In Hamburg-Waltershof, nur einen Steinwurf vom Eurogate-Terminal entfernt, steht sein Schreibtisch im Seemannsclub Duckdalben. Rund ein Dutzend Schiffe pro Tag fährt das Team des Duckdalbens derzeit an. »Wir sind zwar in Kurzarbeit, denn der Seemannsclub ist seit dem 23. März geschlossen. Aber wir lassen die Seeleute an Bord nicht im Stich.«

Anders als in den Häfen von London oder Rotterdam, wo der Service der Seemannsclubs auf Null reduziert wurde, haben Hille und seine Kollegen einen Notbetrieb auf die Beine gestellt. Das ist wichtig, denn die Seemannsclubs in den großen Häfen sind die Tankstellen fern der Heimat: Hier werden Telefonkarten, Schokolade, Chips und andere Gebrauchsgüter für die Zeit auf See gebunkert. All das und etwas mehr hat Hille auch heute dabei. Das Wichtigste, die Telefonkarten, und ein paar Infoflyer trägt er im Rucksack, der Rest wartet im VW-Bus mit dem Duckdalben-Logo unten an der Kaikante.

Hille hat das Deck erreicht. Dort nimmt ihn der Watchman, mittlerweile mit Maske über Mund und Nase, in Empfang. Per Funk hat er die Crew und die Offiziere über den unerwarteten Besuch des Seemannsdiakons informiert. Einer der ersten, der an Deck kommt, ist Bootsmann Nicanor Cadeliña. Er nutzt die Chance, begrüßt Hille auf Englisch und fragt ihn leise, ob er denn auch Lesebrillen besorgen kann, als der ihm die Liste mit dem Angebot des Duckdalbens in die Hand drückt. »Ja, die können wir vorbeibringen. Welche Stärke und auf welchen Namen«, fragt der Diakon und sucht Zettel und Stift, um die Bestellung sofort zu notieren.

Ein wenig Anteilnahme

Schnell wird es lebendig an Deck. Die ersten Crewmitglieder in ihren orangefarbenen Overalls mit dem Aufdruck der Reederei werfen einen Blick auf die Bestelllisten, machen dann Platz für die Offiziere in sportlicher Freizeitkleidung. Die Besatzung besteht aus 19 Männern: 14 Filipinos und fünf Offiziere aus der Ukraine, Russland und der Türkei, erklärt Bootsmann Cadeliña. Der kleingewachsene, kräftige Mann mit den ersten grauen Strähnen im pechschwarzem Haarschopf mustert gemeinsam mit den Offizieren die Telefonkarten, die Hille aus dem Rucksack gezogen hat, während sich die Crew im Hintergrund hält. Die Hierarchie in der Schifffahrt ist streng und erst, als die Offiziere sich mit Telefonkarten versorgt und einen kleinen Plausch mit Jörn Hille gehalten haben, ist die Crew an der Reihe.

90 Prozent des Warenverkehrs zwischen den Kontinenten werden per Schiff abgewickelt. Ohne Seeleute, die die großen Pötte über die Weltmeere dirigieren, läuft wenig bis gar nichts. Rund fünf Monate sind Bootsmann Cadeliña und Matrose Iven Delgado an Bord des Frachters. Kohle, aber auch Eisenerz haben sie nach Europa gebracht und hoffen, Ende Mai, wenn die Verträge auslaufen, wieder zurück zu ihren Familien auf die Philippinen zu kommen.

Doch das ist derzeit kaum realistisch, so Seemannsdiakon Hille. »Die Philippinen haben die Grenzen komplett zugemacht. In Manila sitzen 500 Seeleute fest, der Crewwechsel ist derzeit das zentrale Problem«, erklärt er. Normalerweise werden die Besatzungen nach bestimmtem Turnus ausgetauscht, doch derzeit geht das nicht. Das wissen auch die Seeleute an Bord und genau deshalb ist derzeit die Kommunikation noch wichtiger als gewöhnlich.

Telefonkarten sind der Renner, denn Internet an Bord ist nicht immer vorhanden und wenn, dann nur begrenzt verfügbar, weil alles über teure Satelliten läuft. An die Prepaidkarten kommen Offiziere und einfache Seeleute derzeit nur selten, denn der Landgang in nahezu allen Häfen ist verboten. Kasernierung an Bord lautet die bittere Realität für die rund 1,7 Millionen Seeleute, die weltweit im Einsatz sind und dafür sorgen, dass Güter - vom Auto über das T-Shirt bis zum medizinischen Equipment - weltweit verfügbar sind.

»Seeleute sind systemrelevant, sorgen dafür, das Produktionsprozesse nicht ins Stocken kommen, Nahrungsmittel nicht knapp werden und Benzin oder auch Strom produziert werden können. Doch bei den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus hat kaum jemand an sie gedacht«, kritisiert Hille. »Nicht überall in den Häfen ist die medizinische Versorgung der Crews gewährleistet«. Corona-Schutzmaßnahmen werden so zum Bumerang.

In Hamburg funktioniert der seeärztliche Dienst auch in Corona-Zeiten, aber Schwierigkeiten gibt es auch da. Beispielsweise betreut Hille einen Seemann aus den Philippinen, der nach einem komplexen operativen Eingriff in einer Hamburger Klinik nun festsitzt. Um die Anschlussbehandlung, Physiotherapie und Unterbringung hat sich der Seemannsdiakon gekümmert und Druck gemacht. »Die Rechtslage ist klar, denn er kann definitiv nicht nach Hause. Aber hier und da muss man darauf hinweisen. Es geht halt ums Geld«, sagt Hille im Anschluss an den Besuch auf dem Kohledampfer und zieht die Augenbrauen vielsagend hoch.

So ist jeder Bordbesuch Hilles nicht nur eine überaus gewünschte Ablenkung vom Einerlei an Deck, sondern bietet auch die Chance, auf Missstände hinzuweisen. Die Seemannsmissionen sind so etwas wie die Seismografen für Probleme an Bord und gut mit den Gewerkschaften, dem hafenärztlichen Dienst und der Schifffahrtspolizei vernetzt.

Die Diakone bekommen von den Seeleuten oft Hinweise auf Missstände, wenn sie an Bord gehen. In der Coronakrise funktioniert das aber nur noch bedingt, denn die vertraulichen, seelsorgerischen Gespräche, für die sonst in der Messe immer mal Zeit ist, sind nun verboten. Im Zeichen der Pandemie sorgen Handschuhe und Maske, mit denen Hille unterwegs ist, für zusätzliche Distanz.

Deshalb hat die Seemannsmission eine Chatplattform, die »DSM.Care«, ins Netz gestellt, wo sich Seeleute zum vertraulichen Gespräch einloggen können. »Der Online-Chat ist eine neue Option, um über Sorgen zu sprechen.« Die sind mitten in der Pandemie natürlich größer. Ganz nebenbei erfahren wir zum Beispiel, wenn Masken an Bord knapp sind. Iven Delgado, der uns wenig später die Gangway runter zum Bus begleitet, um sich mit Chips und Schokolade zu versorgen, ist nicht der Einzige aus der Crew, der sich Sorgen macht, ob er wie geplant von Bord gehen kann.

Eigentlich kein Infektionsrisiko

Dies ist ein zentrales Problem der Seeleute, denen an Bord nach Monaten auf See oft die Decke auf den Kopf fällt. »Ein anderes Gesicht, ein kurzer Plausch sorgt für Abwechslung, aber auch für das Gefühl, dass da Leute sind, die an sie denken. Auch unseren Lieferservice wissen sie zu schätzen«, erklärt Hille nachdem er sich von Iven Delgado verabschiedet hat und sich auf den Rückweg zum Duckdalben macht. Fünf Minuten später steht ein dampfender Kaffee vor uns. Herumliegende Flyer erinnern noch an eine Aktion am 1. Mai, als Nebelhörner aus Solidarität mit den Seeleuten gegen 12 Uhr mittags erschallten. Ein kleines Dankeschön an die vergessenen Helden der Coronakrise.

Doch für Hille und seinen Kollegen Jan Oltmanns ist das zu wenig. »Die strengen Corona-Schutzmaßnahmen für Seeleute treffen die Falschen. Wenn ein Schiff aus Asien in Europa eintrifft, ist die Crew rund vier Wochen im Einsatz. Das ist doppelt so lang wie die empfohlene Inkubationszeit«, sagt Oltmanns, leitender Diakon am Duckdalben.

Deshalb plädiert er genauso wie Reeder und Gewerkschaften dafür, den Lockdown für Seeleute zu lockern. Nicht nur um den Crewwechsel wieder zu ermöglichen, sondern auch um den Seeleuten zumindest den Landgang zu ermöglichen. Zu gern würden Hille und Oltmanns den »Duckdalben« wieder aufmachen - mit reduzierter Besucherzahl und Abstandsregeln natürlich. »Das können wir mit dem Umstellen von Möbeln auch gewährleisten«, ergänzt Kollege Hille. Für die Seeleute wäre das ein immenser Fortschritt.

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