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Die Wiese denen, die drauf wohnen

Aktivist*innen von DieselA beziehen Brache in Lichtenberg und richten Bauwagenplatz ein

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Sonntagmorgen im Lichtenberger Ortsteil Karlshorst ist eigentlich alles wie sonst: Die Menschen mähen den Rasen in ihren Vorgärten, waschen ihre Autos oder gehen mit ihren Hunden Gassi. Doch etwas ist anders. Auf der Brache unweit des Betriebsbahnhofs Rummelsburg, die von den Anwohner*innen als Hundewiese genutzt wird, steht plötzlich ein Bauzaun, und bunte Tücher sperren alle neugierigen Blicke aus. «Hallo, Wir sind die neuen Nachbar*innen» steht auf einer Infotafel, die am Zaun angebracht wurde. Und weiter: «Hier entsteht ein neuer Wagenplatz».

Die Reaktion der Nachbar*innen sei bislang überwiegend freundlich-interessiert, erzählt eine der neuen Bewohner*innen, die sich Anna Kante nennt. Der Name ist eine Anspielung auf das Leben, das sie vor ihrem Einzug in diese idyllische Ecke Berlins hatte: Lange standen sie und ihre Mitstreiter*innen mit ihren Bussen und Lkw «an der Kante», also am Bordstein, und lebten halb im Fahrzeug und halb auf der Straße. «An der Kante zu stehen, ist ein richtig hartes Leben», erzählt die junge Frau. Es gebe keine Rückzugsräume, jeden Tag komme das Ordnungsamt, um sie zu vertreiben, und jetzt in der Coronakrise sei es besonders schlimm: «Es gibt für uns gerade ohne Zuhause keinen Zugang zu sanitären Anlagen, wir können nicht ins Café oder ins Schwimmbad auf die Toilette gehen.»

Um sich vor dem Coronavirus zu schützen, haben sich Anna und ihre Mitstreiter*innen vom queerfeministischen Wagenkollektiv DieselA dazu entschlossen, einen Teil der Brache als Wagenplatz zu nutzen. In aller Frühe sind sie am Sonntag aufgestanden, haben ihre Fahrzeuge auf das Gelände gefahren und die Bauzäune aufgestellt. Bisher stehen sechs Fahrzeuge auf dem Gelände, die Bauwagen sollen noch folgen. Am Eingang haben sie als Erstes eine kleine Waschstation mit Desinfektionsmittel und Seife aufgebaut, auch eine Komposttoilette gibt es schon. Gegen Mittag sitzen einige der zwölf Wagenplatz-Bewohner*innen auf der Wiese und planen die Gemeinschaftsküche. «Nur ein gemeinsamer Platz gibt uns die Möglichkeit, die Sicherheitsmaßnahmen verantwortungsvoll umsetzen zu können», heißt es auf dem Flyer, mit dem sie sich bei ihren neuen Nachbar*innen vorstellen.

«Wir freuen uns schon darauf, unsere Nachbar*innen kennenzulernen», sagt Anna. «Das Grundstück hat viel Potenzial und ist groß genug, dass wir es teilen können», ist sie überzeugt. Das Gelände sei bereits eine Weile ungenutzt - das soll sich nun ändern. Die neuen Bewohner*innen träumen schon davon, was sie hier in Zukunft alles machen könnten: ein Gemeinschaftsgarten, ein Kiezkino, eine Fahrradwerkstatt, Infoabende und viele weitere kulturelle und politische Projekte schweben ihnen vor. «Wir wollen uns nicht abschotten, wir wollen ein offener Raum sein», sagt eine weitere Bewohnerin, die sich Mascha nennt. Vor allem aber sind sie gekommen, um zu bleiben. «Wir fühlen uns hier wohl, und es ist hier viel sicherer für uns», sagt Anna. Endlich hätten auch sie das Privileg, ein Zuhause zu haben, in dem sie bleiben können.

Ob das von Dauer sein wird, muss sich zeigen. Zweimal hat die Wagengruppe bereits Brachen besetzt, beide Male hat es nicht funktioniert. Zuerst im Mai vergangenen Jahres an der nahe gelegenen Rummelsburger Bucht, wo ihnen die Bebauungspläne des Bezirks einen Strich durch die Rechnung machten, und zuletzt im September in Marzahn auf einem Gelände der Deutschen Bahn, die das Areal nach wenigen Wochen räumen ließ. Dieses mal soll es besser laufen. «Wir sind gesprächsbereit», betont Anna. Auch eine Zwischennutzung könnten sie sich vorstellen, allerdings nur über einen längeren Zeitraum. Zumindest die Polizei ist bisher entspannt. «Sonntagmorgen war ein Streifenwagen mit zwei Polizisten da, die fragten, ob wir hier wohnen. Als wir meinten, dass wir jetzt hier eingezogen sind, sagten sie, sie würden das prüfen und morgen wiederkommen», erzählt Anna. Bis Montagnachmittag blieb es jedoch ruhig.

Anders als im Wagen zu leben, können sich die Aktivist*innen nicht vorstellen, dafür nehmen sie auch erneute Repression in Kauf. «Das Leben wagen, im Wagen leben» ist unser Motto«, sagt Anna augenzwinkernd. Ein Wagenplatz bedeutet für sie Freiheit, Gemeinschaft und Solidarität in einem. Im Freien leben zu können, ökologisch und ressourcensparend, ist für sie wichtig. »Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, in einer Wohnung zu leben«, sagt Mascha, die erst seit etwa einem Dreivierteljahr in ihrem Wagen wohnt. Anna ist schon seit zehn Jahren dabei. »Es ist toll, unsere Erfahrungen zu teilen und uns gegenseitig zu unterstützen«, so Mascha.

Wegnehmen wollen die Aktivist*innen mit ihrer Art zu leben niemandem etwas, sagen sie. »Würden hier bezahlbare Wohnungen gebaut, hätten wir nichts dagegen«, erklärt Anna. So lange der Platz jedoch frei sei, wollen sie ihn auch nutzen. »Gesundheit geht über das Recht auf Eigentum«, steht auf dem Flyer. Es wird sich zeigen, ob die Eigentümer*innen das auch so sehen.

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