Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Das Diesseits und das Jenseits

Wie hält es die Linke mit der Religion? Dies wollten Wissenschaftler der Rosa-Luxemburg-Stiftung wissen

  • Von Michael Brie
  • Lesedauer: 4 Min.

Dieses Buch wird gebraucht. Es wird gebraucht gegen das bequeme Vorurteil vieler Linker, dass Religion bloßer Aberglaube ist, Menschen an einem progressiven Engagement hindert und jener Staat der beste ist (soweit ein Staat dies überhaupt sein kann), der dafür sorgt, dass die Religion ganz in die privaten Räume und abgeschlossene Kultstätten verbannt wird. Neutralität des Staates in Dingen von Religion und Weltanschauung wird von zu vielen in der Linken nur als Abgrenzung verstanden. Es gibt eine Orientierung am Laizismus Frankreichs, wo die Betonung auf strikter Trennung und nicht auf geregelter Kooperation von Staat und religiösen wie weltanschaulichen Gemeinschaften liegt.

In einer Situation wie der jetzigen, wo eine Gesellschaft im Ausnahmezustand ständig Werteentscheidungen treffen muss und staatliche Akteure fast unbegrenzte Macht haben, diese Entscheidungen mit äußerster Geschwindigkeit zu fällen, wird deutlich, wie wichtig Werte sind, von denen viele religiöse oder auch allgemeiner: weltanschauliche Hintergründe haben. Nicht-religiöse Wertegemeinschaften wie der Humanistische Verband Deutschlands wurden geschaffen, um auch Atheisten eine weltanschauliche Heimat zu bieten.

Die vier Herausgeber dieses Buches, Cornelia Hildebrandt, Jürgen Klute, Helge Meves und Franz Segbers, sind alle Mitglieder des Gesprächskreises »Weltanschaulicher Dialog« der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In ihrem einleitenden Beitrag wird darauf aufmerksam gemacht, dass die großen Konflikte des 20. Jahrhunderts ihre Ursache nicht in religiösen Ideologien hatten. Auch sei die Annahme einer stets abnehmenden Bedeutung von Religionen empirisch widerlegt.

Hauptthese der drei Autoren und der Autorin ist: »Wenn Religionspolitik das Menschenrecht auf Religionsfreiheit ernst nimmt, dann muss sie für die Freiheit zur Religion, die Freiheit von der Religion, aber auch die Freiheit, Religion öffentlich zu praktizieren, Räume schaffen und sichern, um dieses Freiheitsrecht zu gewährleisten.« Dies bedeute zudem: »Dem Verfassungsstaat obliegt es …, die Wahrnehmung der Menschenrechte und das der Religionsfreiheit nicht nur passiv bloß zu gewährleisten, sondern aktiv zu ermöglichen.« Dies wird im Beitrag von Hans Markus Heimann weiter ausgeführt.

Das Buch gibt in vielen Beiträge wichtige Gründe für die vertretene These, beginnend bei dem Vorwort von Petra Pau, die als Christin in der DDR Pionierleiterin und SED-Mitglied wurde, über Wolfgang Fritz Haugs Beitrag zu Karl Marx und Ernst Bloch sowie das Verhältnis von Diesseits und utopischem »Jenseits« oder von Frieder Otto Wolfs Einwendungen gegen eine falsche Religionskritik. Es gibt Beiträge zur Geschichte des Verhältnisses der Linken zur Religion in der deutschen Arbeiterbewegung (Ulrich Peter) oder zum Verhältnis von SED, Staat und Kirche von Cornelia Hildebrandt und Ilsegret Fink. Ganz wichtig ist der Abdruck des Positionspapiers der PDS vom Februar 1990 »Für ein Miteinander in Toleranz und humanistischer Verantwortung«. Diese Texte und das Thesenpapier sollten zur Pflichtlektüre aller werden, die sich über das Verhältnis von Staat, Kirchen und Religion äußern.

Wichtig sind auch die Beiträge von Franz Segbers und Faizan Ijaz sowie Saadat Ahmed, die das Potenzial von Christentum und Islam für eine plurale, befreiende humanistische Gestaltung der Gesellschaften aufzeigen, oder von Ármin Langer zum »Feindbild des religiösen Juden«. In dem abschließenden Teil des Buches wird auf wichtige Konfliktfelder im Verhältnis der Linken zu Religion und Religionsgemeinschaften eingegangen: Es geht um Finanzen und um Arbeitsrecht, um Wohlfahrtsverbände und Kopftuch, Militärseelsorge und Theologie an Universitäten sowie die Anerkennung des Islams als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Es ist gelungen, wichtige Autorinnen und Autoren wie Christine Buchholz und Cornelia Möhring oder Jürgen Klute zu gewinnen, um wenigsten drei zu nennen. Jeder der Beiträge ist lohnenswert.

Das Buch positioniert sich im Streit und dies ist gut so. Ich halte die in der Einleitung vertretene Grundposition für politisch und sachlich richtig. Wenn dem Buch etwas fehlt, dann ist es die Tatsache, dass es am Ende sich der Härte der Widersprüche zu oft entzieht: Ist Religion, die doch mit dem Glauben an ein höheres Wesen und an Texte der Offenbarung verbunden ist (oder etwa wirklich nicht, aber was ist dann Religion?), wirklich so bruchlos befreiend zu wenden? Schon die Kanonisierung von Marx hatte starke antiemanzipatorische Züge. Natürlich kann umgekehrt auch gefragt werden, wie die Kraft zu befreiendem Handeln ohne solchen Halt möglich sein kann. Ausgespart wird auch, was von religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften verlangt werden muss, wenn positive Kooperation zwischen einem demokratisch verfassten Staatswesen und ihnen möglich ist? Gibt es da nicht viele Fragen an die katholische Kirche, die Frauen mit religiöser Begründung und der Macht des Papstes aus wichtigsten Ämtern ausschließt. Und: Ich teile die Position, dass es kein Kopftuchverbot im öffentlichen Raum und auch bei staatlichen Ämtern geben sollte. Aber muss nicht auch über die Einschränkung religiöser Vorschriften gesprochen werden?

Das Buch ist ein Durchbruch - zu einer offenen und endlich intensiv zu führende Diskussion. Der Hausgeberin und den Herausgebern sowie dem Verlag und der Rosa-Luxemburg-Stiftung kann dazu gratuliert werden.

Cornelia Hildebrandt/Jürgen Klute/ Helge Meves/Franz Segbers (Hg.): Die Linke und die Religion. Geschichte, Konflikte und Konturen. VSA, 240 S., br., 16,80 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln