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Der kleinsten Klinik droht das Aus

Im Krankenhaus Lehnin soll die Innere Medizin samt Rettungsstelle wegfallen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Erika Lange und Roland Michel sind Patienten der Klinik für geriatrische Rehabilitation in Kloster Lehnin gewesen. Für einen Imagefilm der Klinik wurden sie dort mit der Kamera begleitet. Die 80-jährige Lange leidet an Diabetes und Durchblutungsstörungen. Ihr musste der linke Unterschenkel amputiert werden. In der Rehaklinik lernte sie, mit einer Prothese zu laufen, wie man im Video sehen kann. Der 71-jährige Michel erlitt einen Schlaganfall. Gezeigt wird er bei der Ergotherapie am Hochbeet, im Wasserbecken und mit Bildern, denen er Worte zuordnen soll. Dies alles ist dazu gedacht, nach dem Schlaganfall die Handgriffe und die Sprechfähigkeit wiederzuerlangen.

In einer weiteren Szene liegt Roland Michel flach auf dem Rücken. Chefarzt Michael Sachse hantiert mit einem Ultraschallgerät am Hals des Patienten. Aus dem Off erzählt ein Sprecher, welch »großer Pluspunkt« der Rehaklinik sei, dass sich im selben Hause eine Klinik für Innere Medizin befinde. Dann kommt Chefarzt Sachse zu Wort und lobt: »Die Patienten können hier bei Komplikationen untersucht und betreut werden. Und die Untersuchungen, die uns noch fehlen im Verlauf der Reha, können wir hier auch nachholen - alles unter einem Dach.«

Dieser Vorteil könnte aber künftig wegfallen. Denn der Betreiber von Rehaklinik und Krankenhaus - das evangelische Diakonissenhaus Berlin-Teltow-Lehnin - plant die Schließung der Inneren Medizin mit 55 Betten samt Rettungsstelle. Vom Krankenhaus würde nur die Palliativmedizin mit 10 bis 15 Betten übrig bleiben. Hier werden die Schmerzen unheilbar kranker Menschen gelindert.

Das Krankenhaus ist das kleinste im Land Brandenburg. Es rechnet sich schon lange nicht mehr und erwirtschaftet bereits seit fast zehn Jahren ein Defizit. Mit lediglich 10 000 Einwohnern sei der Einzugsbereich nicht groß genug, heißt es. Zwar bezuschusst das Land Brandenburg seit 2020 kleine Krankenhäuser mit 400 000 Euro jährlich. Doch Lehnin kann davon nicht profitieren, weil es ohne chirurgische Abteilung nicht für voll genommen wird. Allerdings ist die Rehaklinik für Senioren einzigartig Brandenburg. Ihre Patienten kommen sogar aus benachbarten Bundesländern. Hier sieht das Diakonissenhaus Potenzial. Die Rehaklinik soll von 70 auf rund 100 Betten aufgestockt werden.

Das Potsdamer Gesundheitsministerium sieht die geplante Umstrukturierung offensichtlich nicht als Problem. Es könnte sogar Fördermittel dafür geben. Die Notfallversorgung wäre gewährleistet, da von Lehnin aus das städtische Klinikum Brandenburg/Havel in 29 Minuten zu erreichen wäre, die Krankenhäuser in Ludwigsfelde, Treuenbrietzen und Potsdam in 30 Minuten, 33 Minuten beziehungsweise 37 Minuten. Und mit der ausgebauten Rehaklinik gäbe es »eine Zukunft für den Gesundheitsstandort Lehnin«. Das alles antwortete Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) auf eine kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Ronny Kretschmer (Linke).

Doch der Kreistag Potsdam-Mittelmark unterstreicht in einer am 14. Mai beschlossenen Resolution, dass Kloster Lehnin »nicht irgendein Gesundheitsstandort, sondern ein Krankenhausstandort der Grundversorgung bleiben soll«. In der Resolution wird anerkannt, dass das Diakonissenhaus das Krankenhaus trotz finanzieller Verluste so lange weiter betrieben hat. Die Kreistagsabgeordneten befürchten jedoch, dass sich die Einsatzzeiten des Rettungsdienstes verlängern. Sie glauben, dass die Coronakrise beweise, dass die medizinische Versorgung sich nicht nur auf die großen Krankenhäuser stützen sollte.

Ähnlich äußern sich auch 2267 Bürger, die eine Petition »Klinik für Innere Medizin in Lehnin erhalten!« unterzeichnet haben. Einige begründeten das mit Erklärungen wie zum Beispiel: »Ich wurde in diesem Krankenhaus geboren, dort wurde mir und meiner Familie mehrfach geholfen.« Am Dienstag übergab der Landtagsabgeordnete Udo Wernitz (SPD) die Unterschriften in Potsdam an den Petitionsausschuss. Er hat selbst unterschrieben, ebenso wie die Ärzte Katja Klemm und Hans-Joachim Jessen sowie der Kreistagsabgeordnete Andreas Bernig (Linke). »Bleibt zu hoffen, dass die Petition Wirkung zeigt«, sagt Bernig. Das Personal sei verunsichert, so dass eine Abwanderung auf sichere Arbeitsplätze zu befürchten sei. Extra wird auf den Koalitionsvertrag verwiesen, den SPD, CDU und Grüne abgeschlossen haben. Darin heißt es: »Die Koalition wird alle Krankenhausstandorte im Land erhalten. Eine solide Grundversorgung muss es überall geben.«

Die Mitarbeiter seien am 12. Dezember über die beabsichtigte Umstrukturierung informiert worden, die nun mit dem Gesundheitsministerium und mit den Krankenkassen erörtert werde, heißt es in einer Pressemitteilung von damals. Es sei allen Kollegen eine Arbeitsplatzgarantie gegeben worden.

Ob sie aber in Lehnin bleiben dürfen oder in einer anderen Einrichtungen des Diakonissenhauses eingesetzt werden, war jetzt nicht in Erfahrung zu bringen. Der Öffentlichkeitsbeauftragte Alexander Schulz reagiert auf Nachfragen lediglich mit dem einen Hinweis: »Es gibt derzeit keinen neuen Stand und auch keine Stellungnahme unsererseits.« Immerhin soll früher in Besprechungen gesagt worden sein, dass man die Leute in Lehnin brauche.

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