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Lüste und Urängste

Irm Hermann, Fassbinders Fachdame für alles Unnahbare, ist gestorben

  • Von Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Liebe ist kälter als der Tod« - in Rainer Werner Fassbinders erstem Langfilm spielt Hanna Schygulla die coole Prostituierte Joanna. Drei Jahre später im Filmdrama »Händler der vier Jahreszeiten« (1972) gibt es eine Frauenfigur, für die das Wort »eisig« gebraucht werden muss. Im Film geht es um den geschundenen Obsthändler Hans Epp (Hans Hirschmüller), der sich aus der Tristesse seines gescheiterten Alltags in Suff und Sadomasochismus flüchtet. Alles ist trostlos in der Wirtschaftswunderwelt nach dem Krieg, doch am trostlosesten ist Epps Ehe. Seine Gattin zeigt kein Verständnis für die Sehnsüchte ihres Mannes, sie hat selbst mit dem Unglück ihres Hausstandes zu kämpfen und begegnet dem Jammerlappen mit Verachtung und Abweisung.

Beide sind Opfer der Verhältnisse, er liebt sie nicht und schlägt zu. Sie steht am Herd, kocht das Nötigste, hat sich aus Selbstschutz der allgegenwärtigen Grauheit angepasst und sich jegliches Gefühl abtrainiert. Um so viel Tragödie auf derart bedrückende Art zu vermitteln, bedarf es einer großartigen Schauspielerin: Irm Hermann war Fassbinders Fachdame für alles Unnahbare, für ihre Rolle in »Händler der Vierjahreszeiten« erhielt sie den Bundesfilmpreis.

Hermanns steife Art des Sprechens, ihre stets angestrengte Stirn und die schmalen, aber durchdringenden Augen in Kombination mit ihrer Körpergröße von 1,75 Meter und den langen, spindeldürren Beinen setzten stets den physiognomischen Kontrast zum erst untersetzten, dann immer fetter und verkokster werdenden, teigigen Fassbinder. Zwanzig Filme drehte sie mit ihm, wirkte außerdem in »Berlin Alexanderplatz« und »Lili Marleen« mit. Zu ihrer Kollegin Schygulla pflegte sie ein gutes Verhältnis, beide wurden im Umfeld des Münchner »Action-Theaters« zu den weiblichen Ikonen der westdeutschen Avantgarde auf Bühne und Bildschirm gleichermaßen.

Nach knapp zehn Jahren der Zusammenarbeit mit dem genialischen bis wahnsinnigen Filmemacher zog Hermann 1975 nach Westberlin. Da war die gelernte Sekretärin bereits eine gefragte Professionelle, die sich mit den Exzessen ihres Entdeckers nicht mehr in Vollzeit konfrontieren musste. Werner Herzog fragte sie 1979 für seine »Woyzeck«-Verfilmung an, Christoph Schlingensief 1990 für »Das deutsche Kettensägenmassaker«, Loriot 1991 für »Pappa ante portas«, Herbert Achternbusch 1995 für »Hades«, und noch 2018 bekleidete sie in der ARD-Serie »Labaule & Erben« eine Hauptrolle. Auch als Theaterschauspielerin war Hermann weiterhin beliebt, agierte in den frühen 90er Jahren an der Berliner Volksbühne und war Mitglied des Berliner Ensembles.

Auf der Leinwand haftete der großen Rotblonden das Image der bedrohlichen, strengen, strafenden Frau an. Ihr Auftreten forderte die Fantasien der Männer heraus, weckte Lüste und Urängste - wie es Hans Epp einst erging, so musste es auch ihnen ergehen. Privat war Irm Hermann entgegen ihres Nimbus seit 1976 mit dem Drehbuchautor Dietmar Roberg verheiratet; das Paar hatte zwei Kinder. Irm Hermann starb am 26. Mai im Alter von 77 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in Berlin.

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