Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Unvereinbare vereint gegen den Unerträglichen

In Brasilien drohen Regierungsvertreter den demokratischen Institutionen. Fußballfans führen nun eine Bewegung gegen Bolsonaro an

  • Von Niklas Franzen, São Paulo
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Ende eines langen Tages brannten auf der Avenida Paulista die Barrikaden lichterloh, Scherben von Bankenfilialen lagen auf dem Asphalt verteilt, in den Seitenstraßen wuschen sich Menschen das Tränengas aus den Augen. In São Paulo ist am Sonntag eine Demonstration gegen Präsident Jair Bolsonaro eskaliert.

Am Vormittag hatten sich die ersten Demonstrant*innen vor dem weltbekannten Kunstmuseum MASP eingefunden. Fußballfans hatten über die sozialen Medien zu dem Protest aufgerufen. Bereits vor zwei Wochen demonstrierten Fans der Kultklubs Corinthians gegen einen rechten Aufmarsch von Bolsonaro-Unterstützer*innen. Diese gehen seit Wochen gegen die von der Landesregierung verhängten Isolationsmaßnahmen auf die Straße. So auch an diesem Sonntag. Doch diesmal waren sie weit in der Unterzahl.

Das lag daran, dass sich Fans der vier großen Fußballvereine aus São Paulo – die eigentlich miteinander verfeindet sind - zusammengeschlossen hatten. Auch einige organisierte Linke ließen sich blicken, doch das Bild prägten sportliche Jungs vor der armen Vorstadt. Es wurden Sprechchöre für die Demokratie und gegen Präsident Bolsonaro gerufen, Feuerwerk krachte in der Luft. »Heute zählt die Vereinsfarbe nicht«, sagt der komplett in Grün gekleidete Palmeiras-Fan Samiquel dem »nd«. »Wir stellen uns heute gemeinsam den Rechten entgegen.«

Tonangebend waren wieder die Ultras vom Weltpokalsieger Corinthians aus dem Osten von São Paulo. Während der Militärdiktatur kämpfte der Verein gegen die rechten Generäle – in der Kurve und dem Platz. Bekanntestes Gesicht dieser Bewegung war der marxistische Topstürmer Sócrates. Zu dieser Zeit entstand auch die mächtige Ultragruppe »Gaviões da Fiel« (Treue Falken). Chico Malfitani gründete die Gruppe damals mit und ist auch an diesem Sonntag bei dem Protest dabei. »Wir haben die Militärdiktatur am eigenen Leib erlebt und wollen nicht dorthin zurück«, sagt Malfitani, der einen Corinthians-Trainingsanzug und Maske mit dem Vereinslogo trägt, dem »nd«. »Es ist surreal, was gerade in Brasilien passiert. Mit Bolsonaro droht ernsthaft eine Rückkehr zur Diktatur.«

In den letzten Wochen hatte sich die Situation in Brasilien zugespitzt. Das Bolsonaro-Lager drohte offen den demokratischen Institutionen. Nach Razzien bei Verbündeten der Präsidenten verkündete dieser, in Zukunft keine »absurden Befehle« mehr zu befolgen, und sagte, dass sich so ein Tag nicht wiederholen werde. Präsidentenspross Eduardo forderte eine »energische Maßnahme« und sprach von einem »Moment des Bruchs«. Augusto Heleno, Minister für institutionelle Sicherheit, warnte vor »unvorhersehbaren Konsequenzen« sollte das Handy des Präsidenten beschlagnahmt werden. Dieser ließ sich am Sonntag erneut auf einem rechten Protest in der Hauptstadt Brasília blicken, wo auch antidemokratische Banner gezeigt wurden.

Auch in São Paulo forderten an diesem Sonntag etliche rechte Demonstrant*innen eine Schließung des Obersten Gerichtshofes und des Parlaments. In Sicht- und Hörweite der Fußballfans hatten sich die Anhänger*innen des Präsidenten, in den Nationalfarben gehüllt, versammelt. Mehrere Rechte präsentierten Fahnen von Neonazi-Gruppen, unter anderem des rechtsextremen, ukrainischen Prawyj Sektor.

Warum die Situation eskalierte, ist unklar. Die antifaschistischen Fußballfans hätten versucht, die Polizeiabsperrung zu durchbrechen und an die Rechten heranzukommen, heißt es. Linke widersprechen und erklärten, dass der Protest friedlich war bis Rechte provozierten. Eine wilde Straßenschlacht entwickelte sich in der Folge: Die Polizei schoss mit Tränengas und Schockgranaten, die Fußballfans erwiderten mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern. Die Polizei ging jedoch nur gegen die Fußballfans vor. Eine aggressive Bolsonaro-Unterstützer*innen näherte sich mit einem Baseball-Schläger dem Protest, wurde jedoch freundlich von Polizist*innen abgeführt. Es ist kein Geheimnis, dass der Großteil der brasilianischen Polizisten*innen rechtsradikal ist und an der Seite Bolsonaros steht. An den Sprechchören der überwiegend jungen, nicht-weißen Ultras merkte man an auch, dass es an diesem Tag nicht nur um die Verhinderung des rechten Aufmarsches ging. Der Frust über die tägliche Polizeigewalt, Ausgrenzung und hoffnungslose Situation im Land ist groß. Der Beginn einer Bewegung?

Am Rand des Protests wurden provozierende Bolsonaro-Fans von den Ultras zusammengeschlagen. Viele fürchten, dass die Bilder der Gewalt dem Protest schaden könnten und die Regierung das nutzen wird, um die Repression und Militarisierung anzukurbeln. Bolsonaro teilte noch am Sonntag einen Tweet von US-Präsident Donald Trump, in dem er ankündigt, »ANTIFA« als kriminelle Vereinigung einzustufen. Eine klare Kampfansage an den Protest in São Paulo.

Jedoch ist der Zusammenschluss der eigentlich verfeindeten Fans historisch in Brasilien. Mehr noch: Er ist ein wichtiges Lebenszeichen des Widerstandes gegen die Regierung. Und die Fußballfans haben geschafft, was der Linken nicht gelungen ist: eine lautstarke Protestbewegung gegen Bolsonaro aufzubauen. Die organisierte Linke ist orientierungslos und schwach - nicht erst seit der Corona-Pandemie. Das sieht auch Ultra-Veteran so: »Wir können nicht länger hinnehmen, was in Brasilien passiert. Wenn die Linke nichts macht, übernehmen wir Fußballfans das halt.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln