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Black-Lives-Matter-Protest in Minneapolis
Journalismus

Minneapolis liegt nicht im Osten

Fabian Goldmann wagt ein Gedankenexperiment

Von Fabian Goldmann

Das Ausmaß der Polizeigewalt sei besorgniserregend. Die Politik Trumps gefährlich. Und klar, Rassismus ist ein großes Problem. Selten gab es in deutschen Medien so viel Kritik an den Zuständen in den USA wie nach der Tötung des schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten. Und doch zeigt die Berichterstattung, wie nachsichtig viele Journalistinnen hierzulande mit Unrecht umgehen - wenn es in den USA geschieht.

Das wird einerseits deutlich, wenn in manchen Medien bereits Bilder von Plünderungen und die Bekräftigung, dass doch nicht alle Polizisten so seien, Berichte über Demonstrationen und Polizeigewalt verdrängt haben. Das wird aber noch deutlicher, wenn man die Ereignisse gedanklich in andere Teile der Welt verlegt: Wie würden Medien reagieren, hätte der venezolanische Präsident seine Armee aufgefordert, auf das eigene Volk zu schießen? Wären auf den Straßen Hongkongs in den letzten Tagen ein Dutzend Menschen gestorben? Hätte die iranische Regierung Ausgangssperren für über 50 Städte verhängt? Wären in der Türkei in einer Woche über 100 Journalisten beschossen, verprügelt oder verhaftet worden?

Was wäre, wenn wir über Minneapolis wie über eine Stadt im Nahen Osten berichten würden? Aus Mexiko-Stadt zugeschaltet würde der Nordamerika-Korrespondent der Tagesschau »live vor Ort« vermutlich immer noch nicht die Echtheit des Videos bestätigen können, hätte aber längst schon vor einem »Flächenbrand für die ganze Region« gewarnt. Bei Maischberger würde ein Transatlantik-Experte die Zuschauerinnen über den jahrhundertealten Konflikt zwischen den verfeindeten Volksgruppen der Kaukasier und Afroamerikaner aufklären, der die USA unweigerlich zur Gewalt verdamme.

In einer viel beachteten Kolumne, die auf Twitter auch von vielen Linken geteilt wird, könnte ein »Welt«-Kolumnist die Bundesregierung dazu aufrufen, Blacklivesmatter als »einzige legitime Vertretung des amerikanischen Volkes anzuerkennen«. Und in der »Zeit« hätten sich zwei Redakteurinnen vielleicht längst ein viel diskutiertes Pro und Contra zur Bewaffnung der demokratischen Opposition in den USA geliefert.

Das alles ist glücklicherweise nicht geschehen. In der Welt des amerikanischen Minneapolis erklärt der »Spiegel«-Kolumnist hingegen am Tag nach der Tötung George Floyds, dass die Protestbewegung gegen Rassismus und Polizeigewalt aufgrund von Plünderungen ihre »moralische Berechtigung« verloren habe. Wobei: Solche Kommentare gab es auch, als in anderen Teilen der Welt Menschen gegen Unrecht auf die Straße gingen. Nicht von westlichen, sondern von ägyptischen, türkischen oder syrischen Reporterinnen. »Regimetreu« wurden die hierzulande oft genannt. Vielleicht sollte man dieses Attribut auch für westliche Journalisten einführen.

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