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Die Ersparnisse schwinden

In Italien sind die strengen Coronaregeln gefallen. Doch das Leben der Menschen ist weit entfernt von Normalität

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 7 Min.

Italien hat seine scharfen Corona-Restriktionen inzwischen weitgehend gelockert. Eigentlich könnte das Leben jetzt fast so weitergehen, wie es bis Anfang März gewesen war, als diese Maßnahmen erst in einigen Gegenden und dann landesweit ergriffen wurden. Doch das ist nicht der Fall. Das öffentliche und auch das private Leben wird derzeit von drei großen negativen Gefühlen belastet: Angst, Unsicherheit und Misstrauen. Aber auch Hoffnung ist dabei.

Die Angst hat ein doppeltes Gesicht: Es ist vor allem bei älteren Menschen weiterhin die Angst vor der Krankheit. Aber in erster Linie ist es die Angst vor der Zukunft, die hauptsächlich bei den Jüngeren ausgeprägt ist. Und sie ist nicht unberechtigt. Die wirtschaftliche Lage war schon vor Corona alles andere als rosig. Jetzt ist sie katastrophal.

Viele der sogenannten Soforthilfen sind gar nicht oder nur sehr stockend bei den Menschen angekommen. Selbst die Auszahlung des Kurzarbeiterlohns, der in der öffentlichen Darstellung sehr großzügig finanziert erscheint, funktioniert bei Weitem nicht überall. Gar nicht oder nur tröpfchenweise floss das Geld bisher an Selbstständige, Handwerker, Laden-, Café- oder Restaurantbesitzer. Vollkommen leer gingen meist die Solo- oder Scheinselbstständigen aus, von denen es in Italien besonders viele gibt. Sogar die Lebensmittelgutscheine und Essenspakete, die auf kommunaler Ebene hätten organisiert werden müssen, erreichten nicht alle Bedürftigen. Das Ergebnis ist, dass viele Menschen langsam ihre Ersparnisse aufgebraucht haben und jetzt nicht wissen, wie sie überleben sollen. Wohltätigkeitsvereine wie die Caritas verzeichnen einen enormen Anstieg von Personen (von bis zu 40 Prozent ist die Rede), die sich an ihre Einrichtungen wenden.

Stefano Enzo, Verantwortlicher der Caritas Venedig, erklärt, was sein Verein für die Bedürftigen tut: »Es ist wirklich nur das Allernötigste: Wir stellen wöchentlich einen Einkaufskorb zusammen und versuchen außerdem, eine kleine finanzielle Beihilfe zu leisten, damit diese Familien ihre Strom-, Gas- und Wasserrechnungen zahlen können. Und damit zumindest die hygienischen Grundbedürfnisse gedeckt werden können, die gerade jetzt ja so wichtig sind.«

Landesweite Zahlen über die »Corona-Armut« gibt es noch nicht. Aber Andrea Caprini, der im norditalienischen Mantua für das Soziale zuständig ist, ist extrem besorgt. »In diesen Wochen haben wir über 800 neue Anträge auf Unterstützung erhalten. Davon haben wir nach einer ersten Prüfung 474 akzeptiert. Aber finanzieren können wir derzeit nur 224 - mehr Geld ist nicht in den Kassen.«

Es handele sich um sehr unterschiedliche Personen oder Familien, erklärt Caprini. »Da sind vor allem die Menschen, Italiener und Ausländer, die sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielten und die jetzt fast drei Monate lang überhaupt nichts verdient haben. Dazu kommen Haushaltshilfen und Pflegerinnen, die schwarz gearbeitet hatten und auf die Straße gesetzt wurden. Viele der Antragsteller arbeiteten als Aushilfskräfte in Restaurants oder Hotels, aber jetzt registrieren wir auch Anfragen von Handwerkern, die ohne Arbeit sind und keine Ersparnisse haben.«

Erste Untersuchungen zeigen, dass etwa 30 Prozent der Läden, Restaurants und Cafés nach Corona nicht mehr öffnen werden. Die neuen Hygiene- und Abstandsregeln lassen sich bei ihnen nicht umsetzen. Oder sie führen dazu, dass die Einnahmen so weit einbrechen, dass die Arbeit sich nicht mehr lohnt.

Die Unsicherheit betrifft praktisch alle Lebenslagen. Wie sehen die Verordnungen jetzt nach den Lockerungen aus? Was darf man und was nicht? Silvana Battisti aus Rom zum Beispiel will Mitte Juni mit ihrem behinderten Mann für ein paar Tage ans Meer fahren. Das Hotel in der Toskana haben sie gebucht, einen Sonnenschirm am Strand auch. Aber wie kommen sie dahin? Silvana selbst fährt nicht gerne über längere Strecken mit dem Auto. Eine Freundin hat sich angeboten, die beiden die 170 Kilometer zum Urlaubsort zu kutschieren. Aber geht das überhaupt? Irgendwo hat Silvana gelesen, dass in einem Wagen nur zwei Menschen fahren dürfen, einer vorne und einer auf der Rückbank, wenn sie nicht in einem Haushalt leben. Wen kann man fragen, ob das wirklich stimmt? Und sind die Verordnungen denn in den beiden Regionen gleich? Wie soll ihr Mann in ihrem kleinen Auto hinten sitzen, wo er sein krankes Bein nicht ausstrecken kann?

Die Unsicherheit betrifft natürlich auch die Arbeit. Viele Menschen wurden ins sogenannte Homeoffice geschickt und keiner sagt ihnen, wie lange das noch dauern wird. Alessandro Bianchi ist bei einer Bank beschäftigt und seit Anfang März »arbeitet« er zu Hause. »Tatsächlich ist das aber überhaupt nicht organisiert und ich muss mir meine Tätigkeiten förmlich suchen. Geldsorgen habe ich zwar nicht, aber das Ganze ist äußerst frustrierend!«

Wie wird es zum Beispiel mit den Lehrern weitergehen, die immer noch nicht wissen, ob der Regelbetrieb im September wieder aufgenommen wird? Und wie soll man die Kinder betreuen, wenn die Eltern wieder ins Büro müssen, aber Schulen und Kindergärten keine Notbetreuung anbieten? Kann man die Großeltern wieder einspannen oder ist das immer noch zu gefährlich?

Die Unsicherheit betrifft auch die Gesundheitslage selbst, da inzwischen auch in Italien ein »Virologenkampf« ausgebrochen ist. Die Einen behaupten, das Virus sei »klinisch tot« und habe viel von seiner Aggressivität eingebüßt. Die anderen sind der Meinung, dass die Krankheit noch genauso virulent wie zuvor ist und die geringeren Ansteckungs- und Todesraten auf die strengen Maßnahmen der vergangenen Monate zurückzuführen sind, die man also auch kaum lockern sollte. Die beiden Ansichten haben regelrechte Fangruppen, fast so, als ginge es um die Anhängerschaft zu konkurrierenden Fußballmannschaften. Genauso unsachlich wie bei Fußballfragen wird diskutiert: Von den vermeintlichen Experten genauso wie von Menschen, die von der Materie nicht die leiseste Ahnung haben. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden immer mehr zur Ansichtssache und stehen zur Disposition.

Das betrifft auch die Politik. Da ist zum Beispiel Giulio Gallera, Gesundheitsberater der Lombardei, also der italienischen Region, die die meisten Kranken und Toten zu verzeichnen hat. Er behauptete mehrmals vor laufenden Kameras, dass der Reproduktionsfaktor 0,5 bedeutet, dass eine gesunde Person jetzt gleichzeitig zwei kranke Menschen treffen muss, um angesteckt zu werden. Tatsächlich besagt die Zahl, dass zwei nachgewiesene Infizierte im Schnitt eine Person anstecken.

Jetzt bricht sich auch die nie vergessene Konkurrenz zwischen dem hochindustrialisierten Norden, wo das Virus besonders stark grassierte, und dem ärmeren Süden Bahn, wo die Krankheit viel weniger Opfer forderte. Mehrere Ministerpräsidenten von süditalienischen Regionen würden den Norditalienern am liebsten die Einreise verweigern, und das, obwohl man sich »eigentlich« seit dem 3. Juni wieder frei im Land bewegen kann.

Auch die politischen Auseinandersetzungen haben in den vergangenen Wochen wieder Fahrt aufgenommen, nachdem sie eine Weile lang unter dem allgemein proklamierten Zusammenhalt verborgen blieben. Matteo Salvini hat mit seiner rechten Lega in der schlimmsten Coronazeit laut Umfragen über sieben Prozent Zustimmung eingebüßt und meldet sich jetzt wieder lauthals zu Wort. Und auch innerhalb der Regierung, die sich aus Fünf-Sterne-Bewegung, Sozialdemokraten, einer linken Gruppierung und der Partei des ehemaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi zusammensetzt, werden die Meinungsverschiedenheiten wieder lauter und heftiger. Die Einigkeit - man könnte es aber auch Schockstarre nennen - ist Vergangenheit.

Vielleicht ist es daher kein Wunder, dass sich in der Bevölkerung jetzt auch das Misstrauen gegenüber der »herrschenden Meinung« Bahn bricht. »Corona ist eine Erfindung«, »Das Virus ist harmlos«, »die Mächtigen brauchten das für ihre wirtschaftlichen Interessen.« Diese Ideen hört man immer häufiger und die realen Ängste der Menschen werden oft von mehr oder weniger identifizierbaren rechten Gruppen gebündelt und auch missbraucht. In Rom hat die faschistische Gruppe »Casa Pound« eine Demonstration geleitet, in Norditalien waren es eher die »Orange-Westen«, die sich an die französischen Gelb-Westen anlehnen.

Zwischen all dem versuchen die Italiener, wieder in ein einigermaßen normales Leben zurückzufinden. Viele Jugendliche schlagen erst mal über die Stränge und feiern Endlospartys; Ältere bleiben lieber weiterhin Zuhause; Familien sind mit Homeoffice und Homeschooling überfordert. Irgendwie will sich die ersehnte Normalität nicht wirklich einstellen.

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