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Corona weckt autoritäre Tendenzen in Japan

Internationale Forscher mit Japan-Bezug fordern, die Diskriminierung von Ausländern zu stoppen

»Reißt euch zusammen!« »Geht nach Hause!« Zehn, vielleicht zwanzig Männer stehen vor einem Pachinkolokal, einer japanischen Spielhalle, und schreien die Wartenden an, die auch in Pandemiezeiten noch an den Automaten zocken wollen. Ein mit Wut zur Schau getragener Gerechtigkeitssinn liegt in der Luft. Und Hass auf diejenigen, die sich nicht an die Regeln zu halten scheinen. »Hau ab aus Japan«, werden einzelne Spieler angeschrien.

»Jishuku keisatsu« nennt man diese Art von Achtung für Recht und Ordnung. Für die Einhaltung der in der Coronakrise verkündeten Maßnahmen setzen sich normale Bürger ein. Und nicht selten schlägt dabei Zivilcourage in eine Hetzjagd um. Denn das Öffnen der Spielotheken wurde nicht verboten.

»Was wir seit dem Ausbruch der Coronakrise immer wieder sehen, besorgt mich sehr«, sagt Daisuke Tano, Soziologe und Professor an der Konan-Universität in Kobe und derzeit Gastprofessor an der Berliner Humboldt Universität. Überrascht ist Tano allerdings nicht. Seine Gesellschaftsdiagnose, die auf Forschung von vor dem Ausbruch der Coronakrise basiert, wirkt jetzt nur besonders aktuell.

Über zehn Jahre hat er jährlich einen Kurs angeboten, in dem er das Faschismusexperiment aus dem Film »Die Welle« nachstellte. Das im April erschienene Buch, dessen Titel sich mit »Faschistisches Klassenzimmer: Warum Gruppen wild werden« übersetzen lässt, dokumentiert dies. Für das Experiment erklärte sich Tano jährlich zum Führer seiner Kursteilnehmer, die Uniformen tragen und ihm gegenüber mit einer Art Nazigruß salutieren mussten. »Wir haben durch mehrere Hebel ein Gemeinschaftsgefühl gestärkt«, berichtet der Forscher. »Und nach und nach habe ich die Teilnehmer angewiesen, zum Beispiel auf dem Campus turtelnde Paare zurechtzuweisen.« Ein Ergebnis: Die Kraft der Hierarchie und des Gruppengefühls ließen die Teilnehmer die Grenzen vergessen, sie wurden zusehends skrupellos, hetzten gegen Außenseiter.

Und sei es nicht etwas Ähnliches, was sich dieser Tage im Land abspielt, fragt Tano? So fand ein Besitzer eines Izakaya in Tokio, einer traditionellen japanischen Kneipe, kürzlich einen Zettel an seinen Laden geheftet: »Sie öffnen Ihren Laden also auch in dieser Zeit noch?« Nachdem der Besitzer eine Antwort danebengeklebt hatte, mit der er erklärte, dass er nach den Vorschriften sehr wohl zu bestimmten Uhrzeiten öffnen dürfe, stand kurz darübergekritzelt: »Baka.« Heißt so viel wie: Dummkopf.

»Das Bedrohliche an solchen Einschüchterungen ist«, so Tano, »dass sie auch dort auftreten, wo es zuvor gar kein Vergehen gab.« Denn als Japans Premierminister Shinzo Abe Anfang April den Ausnahmezustand erklärte, waren die jeweiligen Präfekturregierungen zwar befugt, Geschäftsschließungen und harte Ausgangssperren zu verhängen. Doch in der Regel blieb es bei Bitten und Empfehlungen.

Die Polizei berichtet unterdessen, ähnlich wie in Deutschland, von vermehrten Anrufen durch Personen, die ihre Mitbürger für kleine Vergehen oder schon bloßes Ausreizen des gerade noch Erlaubten anschwärzen. Doch während man in Japan oft schon Aufforderungen nachkomme, so Tano, leiste man in Deutschland erst dann Folge, wenn sie Gesetzeskraft haben. Auch wegen dieses vorauseilenden Gehorsams, der in Japan stärker ausgeprägt sei, hält Tano Japan gegenwärtig für eine stärker faschistische Gesellschaft.

In Japan zeigt sich die Diskriminierung auch durch die offiziellen Institutionen. So können ausländische Studenten Coronahilfen nur in Anspruch nehmen, wenn sie besonders gute Noten haben. Ausländern mit japanischem Arbeitsvisum, die kürzlich ihr Heimatland besucht haben, blieb die erneute Einreise vorerst verwehrt. Nach einem Aufschrei im Land lockerte die Regierung ihre Regel: Nun sind jene Personen davon ausgenommen, die »humanitäre Gründe« nachweisen können. Die meisten werden aber zunächst weiterhin draußen bleiben müssen.

Ohne Echo bleiben all diese Entwicklungen nicht. Unter der internationalen Gemeinschaft von Forschern mit Japan-Bezug läuft derzeit eine Petition, die die coronabedingte Diskriminierung von Ausländern verurteilt. Und am vergangenen Wochenende versammelten sich aus anderem Anlass Hunderte Demonstranten in Tokio, um ein Zeichen gegen rassistische Diskriminierung zu setzen. Ende Mai war über Twitter auch ein Video bekannt geworden, das Polizisten zeigt, wie sie einen kurdischen Mann aggressiv auf der Straße untersuchen und bedrängen. Ausländer sind auch in Japan wesentlich häufiger das Ziel sogenannter Routineuntersuchungen durch die Polizei als Japaner.

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