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Amazon boykottieren oder nicht?

Bündnis gegen Ansiedlung des umstrittenen Großkonzerns in Berlin-Friedrichshain diskutiert weitere Strategie

  • Von Georg Sturm
  • Lesedauer: 3 Min.

Boykott oder nicht? Diese Frage treibt die Aktivist*innen von Berlin vs. Amazon um. Der 2019 gegründete Zusammenschluss von Aktivist*innen, lokalen Initiativen, Tech-Arbeiter*innen, Künstler*innen und Anwohner*innen will die Ansiedlung von Amazon in Friedrichshain verhindern. Bis 2023 soll an der Warschauer Brücke der 140 Meter hohe »East Side Edge Tower« entstehen. 28 der 35 geplanten Etagen will Amazon anmieten. Die Bauarbeiten laufen bereits.

Während Treffen, Versammlungen und Aktionen der Kampagne zuletzt wegen der Corona-Pandemie ins Netz verlegt werden mussten, entwickelte sich Amazon zum großen Gewinner der Coronakrise. Wegen der weltweiten Ausgangsbeschränkungen stieg die Nachfrage nach dessen Diensten rasant. Im ersten Quartal kletterte der Konzernumsatz im Vergleich zum Vorjahre um 26 Prozent auf 75,5 Milliarden Dollar. Der Aktienkurs legte in den letzten drei Monaten um 30 Prozent zu.

»Ein Boykott kann ziemlich sexy sein«, sagt Zoe von Berlin vs. Amazon bei einer Online-Diskussion zum Thema am Montagabend. Auch wenn ein solcher alleine den Bau des Amazon-Turms wohl nicht verhindern würde, wäre er jedoch ein sinnvolles Mittel, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. »Für diejenigen, die sich ohnehin schon etwas dafür schämen, bei Amazon einzukaufen, könnte ein Boykott ein wichtiger Anstoß sein.«
Dies sei jedoch nur ein passiver Protest, gab Aktivistin Luce zu bedenken. »Bei einem Boykott handelt es sich um eine Mittelklasse-Strategie aus einer Konsumenten-Logik heraus.« Ähnlich sieht das Christian Krähling von Amazon Workers International, einem internationalen Bündnis von Amazon-Beschäftigten. Krähling, der seit 2009 im Amazon-Logistik-Zentrum im hessischen Bad Hersfeld arbeitet, sei einem Boykott zwar nicht grundsätzlich abgeneigt, zweifele jedoch an dessen Umsetzbarkeit. »Die Beschäftigten stehen einem Boykott eher kritisch gegenüber.« Bei so einer Aktion vor acht Jahren habe der Konzern eine Gegenkampagne organisiert und mit Arbeitsplatzstreichungen gedroht. »Das hat uns Monate zurückgeworfen«, so Krähling. Daher brauche man eine langfristige Strategie, deren letzter Teil ein Boykott sein könnte.

Ein Käufer*innenstreik hat jedoch Grenzen. Software-Entwickler Yonatan Miller, Gründer der Tech Workers Coalition und Initiator der Kampagne Berlin vs. Amazon: »Viele Leute denken bei Amazon nur an das Online-Versandhaus.« Die meisten Gewinne fahre der Konzern jedoch mit den »Amazon Web Services« ein, also mit der IT-Infrastruktur, die Amazon anderen Unternehmen zur Verfügung stellt. In dem Edge-Tower an der Warschauer Straße sollen Teams dieser Sparte arbeiten, ebenso aber auch Kolleg*innen aus den Bereichen Alexa, Fire TV, Amazon Music, der Logistik und weiteren Unternehmensbereichen.

Unabhängig davon, ob ein Konsumentenboykott Teil der Strategie sein wird, will die Kampagne Berlin vs. Amazon weiter gegen den Internetriesen protestieren und die Kritik an dessen Geschäftspraktiken mit der Warnung vor Verdrängung durch den Amazon-Turm verbinden. Hoffnung machen den Aktivist*innen die Proteste gegen die Eröffnung eines Google-Campus in Berlin im Jahr 2018 und gegen die Einrichtung einer Amazon-Zentrale in New York im vergangenen Jahr: In beiden Fällen konnte die Ansiedlung verhindert werden.

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