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Frauen, die auf Frauen treten

Joanne K. Rowling geht verbal auf trans Personen los - und demoliert damit ihre eigene Glaubwürdigkeit

  • Von Sibel Schick
  • Lesedauer: 4 Min.

Madeleine Albright sagte, es gebe einen eigenen Platz in der Hölle für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen. Vorausgesetzt, man glaubt an die Hölle. Vorausgesetzt, alle Frauen sind gemeint.

Joanne K. Rowling, die Autorin der Harry-Potter-Bücher, kündigte im Mai ein neues Kinderbuch an. Sie promotete es unter anderem auf Twitter zusammen mit einem Malwettbewerb: Kinder sollen die Kapitel illustrieren. Wer gewinnt, kommt ins Buch.

Daraufhin twitterte Nicola Spurling, eine trans Aktivistin aus Vancouver, übersetzt: »Das muss man genau beobachten. In letzten Jahren machte Rowling klar, dass man ihr nicht mehr mit Kindern vertrauen kann.« Rowling drohte Spurling mehrfach mit Klage, bis sie dann den Tweet gelöscht hat. Dabei hatte diese sich in folgenden Tweets erklärt: Rowlings Transfeindlichkeit sei gefährlich für Kinder, weil es auch trans Kinder gibt und Suizidquoten unter trans Menschen besonders hoch sind.

Spurling sei als Kind Harry-Potter-Fan gewesen, sagt sie auf Anfrage: »Es schmerzt mich, dass trans Kinder heute nicht dieselbe Freude an ihren Büchern empfinden können wie ich damals. Ihre Transfeindlichkeit hängt inzwischen über trans Kindern wie eine schwarze Wolke.«

Rowling ist in den vergangenen Jahren mehrfach mit Transfeindlichkeit aufgefallen. Auch vergangene Woche, pünktlich zum Beginn des Pride Months, fuhr sie auf Twitter einen transfeindlichen Kurs. Sie schrieb in mehreren Tweets, dass das Geschlecht biologisch festgelegt und unveränderbar sei, und teilte einen Artikel, in dem trans Frauen als Gefahr für cis Frauen dämonisiert werden. Während sie ihr neues Kinderbuch in mehreren Sprachen gratis online stellt, Kinder aller Länder aufruft, ihr Buch zu illustrieren und dadurch einen besonderen Anschluss an Kinder bekommt.

Wenn es wissenschaftlich belegt ist, dass die Suizidquote unter trans Menschen überdurchschnittlich hoch ist und man aktiv gegen diese Gruppe hetzt, während man ein Kinderbuch öffentlichkeitswirksam wirbt – kann man sich dann wundern, wenn man dieser Person sagt: Was du machst, gefährdet trans Kinder? Eine trans Frau nach Kritik mit Drohungen mundtot zu machen, ist ein Eigentor für Rowlings Glaubwürdigkeit: »Da mir die Zeit und das Geld fehlen, um mich gegen eine so wohlhabende Person zu verteidigen, entfernte ich meinen Tweet«, so Spurling.

2018 und 2019 war Rowling mit 92 Millionen US-Dollar die meistverdienende Autorin der Welt. Wenn sie mit Klage droht, hat das also Gewicht. Vor allem, wenn die Person am anderen Ende marginalisiert ist. Trans Personen sind häufiger von Armut und Obdachlosigkeit bedroht. 2008 gaben 51 Prozent der befragten Schwarzen trans und nicht-binäre Personen an, mindestens einmal obdachlos geworden zu sein. Während Rowling großzügig für Hilfsorganisationen spendet, nutzt sie ihr Vermögen offenbar auch für Machtausübung. Das macht ihre Transfeindlichkeit unsichtbar und gefährlicher.

In vielen Ländern finden zur Zeit Black-Lives-Matter-Demonstrationen statt. Dort kämpfen auch Schwarze trans Personen für ihre Rechte und Daseinsberechtigung. Trans Personen, die von Rassismus betroffen sind, sind überproportional von tödlicher Gewalt betroffen. Man kann nicht über antischwarzen Rassismus sprechen, ohne über die Diskriminierung von Schwarzen trans Personen zu reden. 2018 und 2019 wurden jeweils mindestens 26 US-amerikanische trans oder nicht-binäre Menschen ermordet. Sie waren überwiegend Schwarz.

Rowling nutzt ihre globale Plattform für Hetze gegen trans Personen. Doch es gibt keine Transfeindlichkeit ohne Rassismus. Transfeinlichkeit ist nicht nur unsolidarisch, sondern macht Betroffene anfälliger für Gewalt und Suizid, gefährdet auch marginalisierte Schwarze Leben, die zählen.

Solidarität mit trans Menschen kann in Deutschland genauso wenig selbstverständlich sein. Auch das »Emma«-Magazin, quasi die »Bild« für cis Feministinnen, hetzt regelmäßig gegen trans Personen, drunter auch Frauen. Ob sich die Redaktion keine Sorgen um den eigenen Platz in der Hölle macht? Den scheint es aber nicht zu geben, wenn man bestimmte Frauen vom Frausein ausschließt.

Die Hemmschwelle, Marginalisierte anzugreifen, ist auch für Feminist:innen niedrig. Daher muss man auch ihnen nicht bedingungslos vertrauen. Alle müssen ihre Glaubwürdigkeit immer wieder neu beweisen – mit Taten, nicht mit bloßen Worten.

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