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Linke und Religion

Sacrificium intellectus

Die Linke und die Religion: zum Stand einer ungeführten Debatte

Von Karsten Krampitz

Vor langer Zeit hat es mal eine Antwort gegeben auf die Frage, was nach dem Christentum komme: der Kommunismus, der als Idee auf christlichem Boden wuchs. »Communistae« nannte man schon die frühen Hutterer. Die aus der Schweiz stammende Täuferbewegung hatte sich ab 1528 in Mähren niedergelassen. Die Hutterer lebten nach dem Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde als Freie und Gleiche in einer, wie man heute sagen würde, Produktions- und Gütergemeinschaft. Starke christliche Motive finden wir auch am Beginn der Arbeiterbewegung, etwa bei Wilhelm Weitling, der die Nächstenliebe beschwor. Was sich dann aber im 20. Jahrhundert diesen Namen gab, hatte damit kaum noch zu tun. Der Kommunismus, für Freiheit und Gleichheit angetreten, brachte selbst Knechtschaft hervor.

Für ein Buch wie »Die Linke und die Religion« wären die Hutterer und was ihnen folgte ein gutes Axiom gewesen. Die Herausgeber - Cornelia Hildebrandt, Jürgen Klute, Helge Meves und Franz Segbers - haben aber darauf verzichtet. Sie geben vor, den Stand einer Debatte zu dokumentieren, die es - zumindest in der Linkspartei - nicht gibt: geschlossene Gesprächskreise, das ja, aber keine Debatte. Vielleicht ist der Schmöker auch deshalb so langweilig geworden. Michael Brie besprach das Buch unlängst in dieser Zeitung als »Durchbruch«. Doch diesem Urteil muss man widersprechen.

Der Untertitel verspricht »Geschichte, Konflikte und Konturen« - doch wird Geschichte weichgespült, wichtige Konflikte werden nicht vorgestellt und von Konturen sieht man wenig. In der Einleitung lesen wir: »Kirche und die sozialistische Arbeiterbewegung blicken auf eine Zeit zurück, in der sie sich ideologisch bekämpft haben, statt gemeinsam die Ursachen der Katastrophen, die gemeinsam registrierten Notlagen und die Krisen des Kapitalismus zu bekämpfen.« Wie gesagt: weichgespült.

Auf 237 Seiten wird die notorische Ehe von Thron und Altar nicht einmal erwähnt. All die Jahrhunderte lieferten Geistliche die Legitimation für die Herrschaft der Monarchen. Römer 13: »Jedermann sei untertan der Obrigkeit.« Das Gottesgnadentum war wie Staat und Nation Teil einer Schöpfungsordnung, gegen die der Mensch sich nicht aufzulehnen hatte, schon gar keine Arbeiterbewegung. Gegen die gottlose Sozialdemokratie wurde im Kaiserreich von allen Kanzeln gepredigt, wie überhaupt gegen jede Emanzipation: Auf die frühe Frauenbewegung reagierte die evangelische Kirche mit dem Anbieten von Wanderkochkursen! All das spricht das Buch aber gar nicht oder höchstens sehr am Rande an.

Was gäbe das Thema nicht her! Allein das Marx-Diktum über Luther: »Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz in Ketten gelegt.« Gilt das nicht auch für Lenin? Oder Rudolf Bultmanns »Entmythologisierung des Christentums«: Der Theologe der Bekennenden Kirche beklagte seinerzeit, dass er beim Lesen der Bibel an vielen Stellen einen »sacrificium intellectus« vollziehen müsse, einen Verzicht auf das Verstehen, um nicht vom Glauben zu fallen. Eine Erfahrung, die wohl auch manche Linke gemacht haben. Wäre es nicht auch für Marxisten an der Zeit, »Heilige Schriften« im Rahmen der Wirklichkeitserfahrung heutiger Menschen neu zu interpretieren?

Ketzerische Gedanken. Am vorliegenden Sammelband waren keine Ketzer beteiligt, dafür ein Konvertit: Karl-Helmut Lechner, Jahrgang 44, ist in einer Missionarsfamilie in Papua-Neuguinea aufgewachsen, wurde dann evangelisch-lutherischer Pastor in Schleswig-Holstein, trat aus der Kirche aus und dem Bund Westdeutscher Kommunisten bei. Heute ist er Mitglied der Linkspartei und aktiv in der AG »Kommunistische Politik von unten«. Sein Essay zum Verhältnis der Arbeiterbewegung zur Religion macht fast sprachlos.

Ausgerechnet Adolph Hoffmann, dem USPD-Kulturminister der preußischen Revolutionsregierung vom November/Dezember 1918, kreidet Lechner eine kirchenfeindliche Haltung an. Dessen Sturz nach nur sechs Wochen Amtszeit führt er auf eine Politik zurück, die »Religion zur Privatsache« machen wollte. Da fällt einem nur noch wenig ein, außer vielleicht die Namen Ebert und Groener. (Am 24. Dezember 1918, ja was war da bloß? Stichwort: Volksmarinedivision im Berliner Schloss.) Und was die Kritik an Hoffmann betrifft: Im Wissen, dass vor der Revolution Konfessionslose und »Dissidenten« an staatlichen Schulen keine Anstellung fanden und ihre Kinder in den Religionsunterricht gezwungen wurden, wollte Hoffmann Schule »weltlich« gestalten und derlei Diskriminierung abzustellen. Man kann da über Lechner nur den Kopf schütteln.

Aber das ist noch nicht alles. Man sagt ja, die Konvertiten gehen immer zu den Orthodoxen. Der ehemalige Pfarrer zitiert ausgiebig Lenin, dem doch die Einheit im Kampf für ein Paradies auf Erden wichtiger gewesen sei als »die Einheit der Meinungen der Proletarier über das Paradies im Himmel«. Das Schicksal der Orthodoxen Kirche aber bleibt außen vor. Das Institut für Ökumenische Studien an der Universität Fribourg, Schweiz, spricht davon, dass während der Oktoberrevolution und im Jahr darauf mindestens 28 Bischöfe ums Leben gekommen sind, Tausende von Priestern, Ordensleute und etwa 12 000 Laien; Stalins Schrecken noch nicht mitgezählt. Ist das kein Thema?

Auch bei zwei anderen Autoren spielen Massenhinrichtungen keine Rolle. Faizan Ijaz und Saadat Ahmet schreiben über den »Islam in einer pluralistischen Gesellschaft«. Dabei erzählen sie nebenbei von der arabischen Halbinsel, die in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts »ein Zentrum pluralistischer Gesellschaften« gewesen sei, »die sich durch verschiedene Stämme und religiöse Zugehörigkeiten definierten«. Erwähnt werden auch die Banu Quraiza, die im Streit mit anderen Stämmen lagen. Der Essay spricht von »blutigen Kämpfen«, bei denen dann Muhammad als »außenstehender Schlichter« agieren sollte, »um zu einem friedlichen Miteinander zu kommen«.

Genauer wird es nicht, also hier der Nachtrag: Im Jahr 627 u.Z. wurde in Medina der jüdische Stamm der Banu Quraiza mit Billigung Muhammads ausgerottet. Der Deutschlandfunk brachte vor Jahren eine Serie »Koran erklärt« mit Dr. Shady Hekmat Nasser von der Harvard University, nachzulesen im Internet. In der Folge zur Sure 33, Verse 26-27 erzählt er vom Schicksal der Banu Quraiza: Zwischen 600 und 900 Männer wurden hingerichtet, Frauen und Kinder wurden in die Sklaverei verkauft. In derselben Stadt, so jener Essay, habe Muhammad dann einen säkularen Staat ausgerufen. Tatsächlich?

Weil wir gerade über die Hinrichtung von Juden reden: Der Sammelband wäre eine Gelegenheit für eine Auseinandersetzung mit dem jährlichen Al-Quds-Marsch in Berlin gewesen. Aus dem antifaschistischen Bündnis, das sich diesem Marsch radikal-islamischer Gruppen entgegenstellt, hätte sich bestimmt jemand für eine Erörterung gefunden, auch wenn die Demo heuer wegen Corona ausfiel. Und weil die Welt stets komplizierter und widersprüchlicher ist als unsere Fähigkeit, essayistisch von ihr zu berichten, hätte man fairerweise auch palästinensische Gegenstimmen zu Wort kommen lassen können.

Den Herausgebern aber war das Kopftuch wichtiger: »Jede Frau muss selbst entscheiden«, so Christine Buchholz und Cornelia Möhring, die religions- bzw. frauenpolitischen Sprecherinnen der Linkspartei im Bundestag: »Feministinnen, die ein Kopftuchverbot fordern, führen in der Folge einen Stellvertreterkampf, der zudem paternalistisch anmutet.« Aber haben sich nicht auch die Autorinnen stellvertretend für ihre Partei eine Meinung gebildet? Dass der Streit um das Kinderkopftuch, wie sie behaupten, ein »Einfallstor für Rassismus« sei, erschließt sich nicht.

Besagte »Stellvertreterinnen«, also etwa Terre des Femmes, sehen in der Frühverschleierung eine nachhaltige Konditionierung auf das Kopftuch, eine »Diskriminierung und Sexualisierung von Minderjährigen«. Deshalb fordert der Verein ein Verbot des Kopftuchs vor allem in Ausbildungsinstitutionen für Minderjährige. Warum wird das nicht wenigstens diskutiert? So entsteht der Eindruck, dass im Kampf gegen die rassistische Rechte die Nähe zur religiösen Rechten in Kauf genommen wird.

Der Band enthält auch brauchbare Texte, etwa den von Erhard Schleitzer zum Arbeitsrecht in der Kirche, das keinen Betriebsrat kennt und seit kurzem erst ein Streikrecht. Passabel ist der Aufsatz von Peter Bürger »Staatskirchliche Militärseelsorge als Teil der Kriegsapparatur«. Doch erst der Essay von Franz Segbers »Der geerdete Himmel« lohnt sich wirklich. Sein Thema: Die christliche Hoffnung auf eine Transzendierung der Welt - indem der Himmel geerdet wird.

Alles in allem aber hätte das Verhältnis der Linken zur Religion ein besseres Buch verdient. Selbst beim »sacrificium intellectus« schmerzen noch die vielen Leerstellen.

Cornelia Hildebrandt, Jürgen Klute, Helge Meves und Franz Segbers (Hrsg.): Die Linke und die Religion. Geschichte, Konflikte, Konturen. VSA, 237 S., br., 16,80 €.

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