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Hoffnung am Hochofen

Regierung stützt die Industrie mit einer Wasserstoffstrategie

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn das Wort »Wasserstoff« fällt, bekommen Manager und Technikexperten aus der deutschen Stahlindustrie leuchtende Augen. Die extrem energieintensive Branche befindet sich in einer existenzbedrohenden Krise angesichts von Billigstahl aus Fernost und den Klimaschutzvorgaben; die Strafzölle Donald Trumps tun ihr Übriges. Doch jetzt gibt es Hoffnung: Auf eine »einzigartige Transformation in der Geschichte der Stahlindustrie« verweist die Thyssen-Krupp-Vorstandschefin Martina Merz mit Blick auf die Produktion von »grünem« Stahl, bei der Wasserstofftechnologien die Schlüsselrolle spielen sollen. Große Investitionen stünden an, »weil Stahl Zukunft hat«.

Vor einem halben Jahr startete der Ruhrpottkonzern in Duisburg-Hamborn ein Pilotprojekt, bei dem ein Teil des im Hochofen als Reduktionsmittel eingesetzten Kohlenstaubes durch Einblasen von Wasserstoff ersetzt wird. Langfristig will man gänzlich neue Direktreduktionsanlagen errichten, bei denen überhaupt kein Koks benötigt wird und auch keine CO2-Emissionen mehr entstehen. Thyssen-Krupp will solche Anlagen ab Mitte der 2020er Jahre errichten und bis 2050 komplett auf klimaneutrale Stahlproduktion umstellen.

Man reibt sich die Augen: Vor noch gar nicht allzu langer Zeit gingen Stahlkonzernvertreter und Gewerkschafter gemeinsam auf die Straße, um gegen EU-Klimaschutzvorgaben zu demonstrieren. Wasserstoff ist das chemische Element, aus dem die Träume derjenigen sind, die die weitgehende Beibehaltung der energieintensiven Produktionsweise und die Dekarbonisierung unter einen Hut bekommen wollen. Die Technologien sind im Stahlbereich eigentlich bereits vorhanden, die Investitionskosten bei 70 Hochöfen, die es in der EU noch gibt, überschaubar. Das Problem ist, dass die Produktion von Stahl erheblich teurer wird. Da bislang sehr wenig Wasserstoff angeboten wird, ist der Preis hoch und die Nachfrage gering. Dies ist wiederum der Grund, warum nicht mehr Wasserstoff produziert wird. Kurzum: Der Markt richtet es, indem er alles beim Alten belässt.

Die Stahlbranche, aber auch die Chemie- und Zementindustrie, Energie- und Autokonzerne machen Druck, dass der Staat den »Markthochlauf« organisiert. Die möglichen Anwendungsgebiete sind ja vielfältig - neben der industriellen Energie- und Rohstoffnutzung auch im Schiff-, Flug- und Lkw-Verkehr sowie im Wärmesektor. Und Wasserstoff speichert Energie, was wichtig ist, wenn der Strom komplett aus Wind und Sonne kommen soll. Der Industrieverband BDI erläuterte in einer »Roadmap für den Einsatz klimafreundlicher Gase«, welche Maßnahmen und Instrumente die Regierung ergreifen soll. Gleichzeitig machten Gewerkschaften wie die IG BCE Druck. Die IG Metall fordert, dass beim Ausstieg aus Verbrennermotoren auch auf Brennstoffzellen gesetzt werden müsse. China, Japan und Südkorea würden »das Thema längst mit Vehemenz verfolgen«.

Planwirtschaft im Kapitalismus

Letztlich wird die Regierung gedrängt, so etwas wie Planwirtschaft im chaotischen Marktkapitalismus zu simulieren, was natürlich nur rudimentär geht. Die in dieser Woche verabschiedete Nationale Wasserstoffstrategie sieht vor, bis 2030 in Deutschland Erzeugungsanlagen mit bis zu fünf Gigawatt Gesamtleistung zu errichten samt der dafür nötigen Ökostrom-Anlagen, vor allem Windräder auf See. Die SPD und das CDU-geführte Forschungsministerium wollten deutlich mehr, der Streit führte zu monatelangen Verzögerungen. Im Gespräch ist auch eine Quote für Flugzeugtreibstoff von mindestens zwei Prozent ab 2030. Fördermittel von sieben Milliarden Euro, Abgabenbefreiungen und rechtliche Erleichterungen gehören ebenfalls zu der Strategie. Ob das letztlich dazu führt, dass sich Wasserstoff am Markt durchsetzt, ist aber unklar. Mit den Plänen ernennt die Große Koalition die Wasserstofftechnologien aber nun offiziell zu einem der »Kernelemente der Energiewende«. Und sie bringen etwas Struktur in das bisherige Förder-Wirrwarr. Kaum ein Ministerpräsident, der kein Programm aufgelegt hat, das sein Land zum führenden Wasserstoffstandort in Deutschland machen soll.

Dabei geht es hier nicht um Klein-Klein, sondern um globale Aspekte. Für die Herstellung von Wasserstoff auf klimafreundlichem Weg braucht es riesige Mengen an Ökostrom. Mit dem Ausbauziel der Regierung wird lediglich ein Siebtel des (erhofften) Bedarfs gedeckt. Die größten Mengen müssten importiert werden. Plötzlich werden alte Konzepte zum Bau riesiger Solarkraftwerke in der Sahara, die für uns Strom produzieren, wieder zum Leben erweckt. Doch schon das Projekt Desertec scheiterte einst an der politischen Instabilität in der Region und daran, dass die Wüstenstaaten selbst ihren Energiebedarf decken wollen. Oder drohen sogar außenpolitische Konflikte und die Degradierung Nordafrikas zur Energiekolonie bei einem wirklichen weltweiten Wasserstoffboom?

Nichtsdestotrotz soll die deutsche Wirtschaft davon profitieren. Die Regierung will die »globale Führungsrolle bei Wasserstofftechnologien sichern«, heißt es aus dem CDU-geführten Wirtschafts- und dem SPD-geführten Umweltministerium. Die Hoffnung auf große Exporterfolge bei einer potenziellen Zukunftstechnologie hat auch Thyssen-Krupp: Der Konzern will ganze Wertschöpfungsketten anbieten - von den genannten Anlagen bis zur großtechnischen Produktion von Wasserstoff, der dann etwa bei der Erzeugung von Basischemikalien eingesetzt werden kann. Die Produktion von grünem Stahl allein wird die Branche eben auch nicht retten.

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