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Die Spargelernte kann lang werden, wenn man selbst auf dem Acker steht. Jetzt ist es vorerst vorbei mit dem Kampfgemüse

  • Von Marion Bergermann
  • Lesedauer: 9 Min.

Nach den ersten Tagen schält sich die Haut von den Fingerkuppen. Dabei muss der Spargel noch zweieinhalb Monate aus der Erde. »Spargelernte ist wie ein Marathon«, sagt ein Bauer in einer der vielen Ernte-Reportagen in die Kamera. Aber so ein Satz schreckt nicht ab, wenn man neugierig ist und ein bisschen solidarisch in der Corona-Zeit sein will. Die Grenzen sind Ende März dicht, ausländische Saisonarbeiter*innen dürfen nicht kommen.

Also stand man hier, Anfang April, zum Probearbeiten auf dem Acker der Hoffmanns. Gebückt, linken Unterarm auf dem Oberschenkel abstützen, links das Stecheisen, rechts einen Eimer und den Spachtel, erklärt eine andere Neue, die seit einer Woche bei der Ernte dabei ist. Wo die Erde sich kräuselt oder der blasse Kopf rausguckt, vorsichtig um den Spargel die Erde weggraben. Das Stecheisen in die Erde stoßen und so weit unten wie möglich zuhauen, ohne die Wurzel zu treffen. Das Loch wieder zuschütten.

Seit diesem Tag laufen ganz verschiedene Leute die langen Erdwälle mit einem ab. Zwei Polen, die einige Wochen Leerlauf bei dem Winzer haben, wo sie sonst arbeiten, eine deutsche Studentin, zwei Schüler, eine Vollzeitmutter, der Betreiber des örtlichen Fitnessstudios, ein Daimlerarbeiter in Kurzarbeit. Für einige der Reihen gibt es ein Wägelchen, das die Folie, die auf den Dämmen liegt, mechanisch hochhebt. Man muss es mit viel Kraft anschieben. Anstrengend, aber machbar, täglich nach Bürofeierabend mitzuhelfen.

Die Sonne hat die Erde hart gebacken. In der Südpfalz scheint oft die Sonne. »Toskana Deutschlands« nennen es manche hier stolz-ironisch, in der Nähe geht es los mit den Weinbergen. Gisela und Bernd Hoffmann betreiben einen der fünf Spargelhöfe in Rheinzabern. 5000 Einwohner*innen, Fachwerkhäuser, Weinschorle aus Halblitergläsern und Flammkuchen sind Standard bei Festen. Lokalpatriotismus wie überall: Leute reißen Witze über die aus den Nachbardörfern, außerdem über die benachbarten Badener und Elsässer. Offiziell hat sich Anfang April noch niemand im Ort mit Corona angesteckt.

Spargel ist ein Kampfgemüse

Als das mit der Pandemie losging, wollten die Arbeiter*innen aus Polen, von denen manche seit 25 Jahren bei ihnen Spargel stechen und sortieren, nicht kommen. Aus Sorge vor Corona, erzählt Gisela mit freundlichem Blick in ihrem Hof sitzend, zwischen der Scheune und dem Hofladen. Bernd, grüne Arbeiterhose, braungebrannt, hört ihr zu. Einen Spargelacker bestellten sie mit Mais. Dann meldeten sich viele Freiwillige, ganz ohne die bundesweite Onlineplattform »Das Land hilft« für Suchende und Anbietende von Feldarbeit.

Gerd Feldmann ist dabei, weil sein Fitnessstudio wegen Corona geschlossen ist. Er sieht so aus, als ob er seine Geräte nicht nur vom Anschauen kennt. Trotzdem ist die Ernte eine Überwindung für ihn: Spargel mag er nicht. »Mir wird es richtig schlecht, wenn ich das rieche.«

Morgens und abends läuft Gerd mit den anderen die Dämme ab, aus denen immer wieder neue Stangen ragen. Spargel ist ein Kampfgemüse. Er kann sechs Zentimeter in einer Nacht wachsen und sich durch sonnengehärtete Erde an die Oberfläche drücken. Sein Kopf ist, je nachdem wann er geerntet wird, rosa, grün, weiß oder blau.

Egal welche Farbe, aus der Erde müssen sie alle. Dafür dürfen dann doch Arbeiter*innen aus Osteuropa einreisen, hat die Bundesregierung beschlossen. 80.000 sollen es bis Ende Mai werden. Bis zum Hoffmanns-Hof kommt keiner. Aber aus einem befreundeten Betrieb zwei Dörfer weiter kommen nun einige rumänische Erntearbeiter*innen. Morgens kümmern sie sich dort um Obst und Gemüse, dann fahren sie zum Spargelfeld. Am Nachmittag genauso.

Spargel zeigt, wie schlimm es ist

Auf dem Acker ist die Stimmung ganz gut. Leo aus Rumänien telefoniert oft per Headset, während er eines der Wägelchen schiebt und raucht. So wie von allen anderen kennt man nur seinen Vornamen. Feldarbeit ist kein Job, wo man seine Kolleg*innen mit Nachname anspricht. Er zeigt Angelika aus Polen seine Familie auf dem Smartphone. Das klappt mit Gesten, die beiden haben keine gemeinsame Sprache.

Leo und Angelika waren schon vor der Pandemie im Land und bleiben nun länger. Die 70 Tage sozialversicherungsfreien Aufenthalt hat die Bundesregierung auf 115 ausgeweitet. »Dieses Jahr zeigt sich, dass Vieles unbürokratisch geht«, sagt Gisela.

Gesetzesänderungen für die Ernte gingen schnell, aber Geflüchtete aus dem Lager Moria zu evakuieren scheint der Regierung weiter unmöglich zu sein. Solidaritätsdemonstrationen für Geflüchtete finden in Berlin, Frankfurt und anderswo statt. Unter Videos davon kritisieren Facebook-User die Demonstrierenden: »Helft mal den Bauern bei der Spargelernte. So macht ihr auch etwas Sinnvolles in eurem Leben«. Oder »Geht Spargel stechen!«

Das Kultgemüse zu ernten als deutsche Tugend. Seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Dabei geht es gar nicht nur um Versorgung. Spargel »ist ein Luxusgut. In einem wohlhabenden Land gehört es für viele dazu, in der Saison Spargel zu essen«, sagt Gisela. Das Luxusgut ist eher ein Gradmesser dafür, ob Deutschland das mit der Corona-Pandemie hinbekommt: Wenn das teure Gemüse nicht von den Feldern geholt werden kann, muss es schlimm bestellt sein um das Land.

Auf dem Acker selbst passiert die nächsten Wochen nicht viel Neues. Nach Redaktions-Feierabend alte Klamotten anziehen, Garten-Crocs und Handschuhe. Sich einen Eimer, Stecheisen und Spachtel schnappen, loslegen. Im Durchschnitt acht Kilo pro Stunde holt man aus der Erde. Davon fallen später 30 bis 40 Prozent weg, weil etwas abgeschnitten wird oder es nicht zu den Auflagen des Marktes passt. Warme Tage tun mehr im Handgelenk weh, weil man mit dem Spachtel in die harte Erde schlägt. An regnerischen Tagen ist die Erde weich.

Das Spargelstechen ist gut, um nach dem Bürojob an etwas anderes zu denken als Corona. Manchmal ist es aber auch stressig wegen der Pandemie. Kommt jemand beim Stechen näher, muss man über den Damm springen. Wenn am Ende des Tages alle ihre vollen Eimer in die grünen Kisten leeren, ist es am einfachsten, woanders zu warten.

Wegen Corona steht man hier. Aber über Corona redet hier eigentlich niemand. Überhaupt ist es schwierig, miteinander zu kommunizieren, mit den unterschiedlichen Sprachen. Lange Gespräche werden es nie. »Mucho Spargel«, sagt eine Arbeiterin aus Rumänien eines Tages, und man stellt fest, dass man auf Spanisch miteinander reden kann. Die eine, weil sie aus Spaß an der Freude durch Südamerika und Spanien reiste. Die andere, weil sie zehn Jahre lang in der Nähe von Valencia Erdbeeren geerntet hat, erzählt die Frau.

Was mag sie lieber, Erdbeeren- oder Spargelernte? Keine von beiden, es tue beides im Rücken weh. »Lieber einen Bürojob am Computer«, sagt sie. Bei Bernd sei es »muy bien«, anderswo stressiger. 9,35 Euro bekommt sie hier pro Stunde, Mindestlohn. Eigentlich wollte sie vor zwei Wochen abreisen, aber wegen Corona gab es keinen Bus oder Flug nach Rumänien, erzählt sie. Dafür soll es nun übermorgen losgehen. Wie heißt sie? Was arbeitet sie den Rest des Jahres? Die Schicht ist zu Ende und am nächsten Arbeitstag ist sie nicht mehr da.

Nichts gegen Deutsche

Der eine mit dem Basecap grüßt immer nett. »Do you speak English? Français? Español?« Er schüttelt den Kopf und verweist auf Mirela, die etwas Deutsch spricht. Vielleicht muss man als Journalistin es mal so stehen lassen, dass nicht alle Erntearbeiter*innen aus Rumänien unterdrückt sind und den Drang haben, von unfairen Löhnen oder ihrem Leben zu erzählen. Dass sie, zumindest auf diesem Acker, sich meistens unterhaltend und lachend nebeneinander her stechen.

Dass das kein Standard ist, liest man immer wieder in diesen Monaten. Wie es in der Pfalz gerade aussieht, ist schwer zu sagen. Eigentlich fahren Ileana Pfingstgräf-Borsos und ihre Kolleginnen vom Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen auf die Felder und informieren mehrsprachig über Arbeitsrechte. »Dieses Jahr kommen wir wegen Corona schwer an die Leute ran. Wir wollen uns an Abstände halten und nicht dem Vorwurf ausgesetzt sein, dass etwa unsere Flyer kontaminiert sind«, berichtet die Projektleiterin. Kollegen seien schon von Landwirten weggejagt, ihre Infobroschüren weggeschmissen worden.

Ohne Corona gab es nicht diese allgemeine Aufmerksamkeit für die schlechten Arbeitsbedingungen von Saisonkräften. Aber nicht einmal im selben Dorf weiß man, was die anderen auf die Stunde zahlen, sagt Gisela.

Was der Großerzeuger Zapf ein paar Dörfer weiter zahlt, steht in der Regionalzeitung, auch Mindestlohn. Etwa 50 Menschen aus Rumänien kümmern sich pro Tag um durchschnittlich anderthalb bis zwei Tonnen Spargel, erzählt der junge Landwirt in seinem Büro. »Nichts gegen Deutsche«, sagt Michael Zapf. Aber das findet er unsicherer in diesen Zeiten. Sie würden nach der Arbeit zum Beispiel an der Tankstelle halten, dann im Supermarkt, in der Familie auf weitere Personen treffen. Während er bei den eingereisten Leuten wisse, dass sie nach ihrer Ankunft die zweiwöchige Quarantäne einhielten und weniger Menschen sehen.

Die Bundesstraße brummt wieder

Das Pfingstwochenende naht, Deutschland darf wieder reisen. Die Neuinfektionen im Landkreis liegen bei null. Die Hoffmanns machen eines der zwei Felder platt und ernten nur noch das andere. Es sind immer weniger Helfer*innen. Gerd hört auf, seine Muckibude darf wieder öffnen. Morgens brummt die nahegelegene B9 wieder von den vielen Autos der Arbeitnehmer*innen. Mittlerweile wächst viel Unkraut zwischen den Dämmen. Das ist ein gutes Zeichen: wo gespritzt wird, fallen Blätter.

Um mal etwas Anderes zu sehen, geht es mit Bernd zum Spargel abladen am Großmarkt. Die fahlen Stangen, die er heute abliefert, liegen morgen im Supermarkt. Aber Bernd weiß weder heute noch morgen, was er fürs Kilo bekommt. »Das weiß ich erst in vier Wochen, wenn das Geld ausbezahlt wird.« Der Preis hat mit dem Weltmarkt zu tun, wie hart die Supermarktketten verhandeln, wieviel Spargel es gibt aufgrund von Wetter oder Corona.

Aber wie läuft die Saison eigentlich abgesehen von den Pandemie-Umständen? Man sage ja »Schaltjahr ist Kaltjahr«, das sei gerade wieder der Fall, erklärt Gisela. Für den Spargel ist das nicht so super, wenn es auch in den warmen Monaten immer wieder sehr kalt wird.

Genau so kommt es. Mitte Juni, es hat geregnet. Nur staksend geht es durch den Schlamm, sonst schwappt das Pfützenwasser in die Garten-Crocs. Mirela bietet an, dass sie und die Anderen, die Gummistiefel anhaben, dort stechen wo das Wasser hoch steht.

Und dann ist Schluss. Die Hoffmanns hören früher auf als der offizielle letzte Erntetag am 24. Juni. Andere Bauern im Land ebenso. Das ist einigermaßen gut gegangen mit der Spargelernte. Vorbei ist es noch nicht. Jetzt steht anderes Gemüse und Obst an.

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