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Wie man unabhängig bleibt

Er war so etwas wie ein ultracooler Halbgott: Der Verleger und Autor Jörg Schröder ist tot

  • Von Christian Y. Schmidt
  • Lesedauer: 7 Min.

Den ersten Kontakt mit dem Verleger Jörg Schröder hatte ich irgendwann im Jahr 1985. Ich hatte für unsere Zeitung, das legendäre »Dreck«-Magazin, drei Bücher zur Rezension bekommen und - obwohl ich nur eins von ihnen gelesen hatte - alle drei in »Dreck« 13/14 besprochen. Das gab ich in der Sammelrezension auch offen zu und sprach obendrein am Ende Jörg Schröder persönlich an: »Na, wie habe ich das gemacht? Glaubt hier einer, dass wir jemals wieder teure Rezensionsexemplare vom März-Verlag bekommen werden? Was? Sie, Herr Schröder? Ihnen gefällt's? Dann ists ja gut.«

Ich hatte natürlich nicht damit gerechnet, dass es auf diese Unverschämtheit eine Antwort geben würde. Schließlich hatte ich mich hier mit Jörg Schröder angelegt, dem Mann, der Ernst Herhaus »Siegfried« Anfang der 70er jahre diktiert hatte, um den Irrsinn des Kulturbetriebs zu erzählen und sich damit mehr als ein Dutzend Klagen der Leute, die er darin erwähnt und beschrieben hatte, einzuhandeln. Das Buch wurde von uns in Zeiten der Adoleszenz kultisch verehrt, und Jörg Schröder, der mit dem Helden des Buches identisch war, war für uns so was wie ein ultracooler Halbgott. Um so größer war die Überraschung, als Schröder mir tatsächlich antwortete. Die Postkarte – dem Himmel sei's geklagt – ist nicht mehr aufzufinden. Ich meine mich aber zu erinnern, dass Schröder die »Rezension« durchaus gefallen hatte. Nur möge ich, so ergänzte er, doch das nächste Mal die zur Rezension geschickten Bücher auch wirklich lesen.

Der nächste Kontakt fand viele Jahre später statt, und auch dieses Mal spielte eine Postkarte eine Rolle. Als meine Frau und ich im März 2003 in Singapur geheiratet hatten, ließen wir – der chinesischen Tradition gemäß – ein Hochzeitsfoto von uns anfertigen. Die Fotografen waren zwei taubstumme Brüder, die uns dazu in historischer Kulisse in altchinesische Gewänder steckten. Von dem Foto wurde sodann eine Postkarte hergestellt, von der ich behauptete, dass sie die frisch gebackene Kaiserin von China zeigen würde, zusammen mit ihrem Mann. Diese Karte verschickten meine Frau und ich in alle Welt, und aus irgendeinem Grund auch an Barbara Kalender und Jörg Schröder.

Auch dieses Mal kam eine Antwort, von der ich nicht mehr weiß, wie sie genau ausfiel. Auf jeden Fall landete die Hochzeitskarte zusammen mit dem März-Verlags-Vorlass in Marbacher Literaturarchiv, weshalb Schröder und Kalender – es war immer diese Reihenfolge – eine neue Karte brauchten. Die schickte ich Anfang 2007, und prompt kam per Mail die Antwort, dass diese nunmehr auf dem Sims des (falschen) Kamins in der Schöneberger Wohnung stünde. Seitdem steht die Karte dort, und von nun an riss auch die Korrespondenz zwischen Schröder/Kalender und mir nicht mehr ab.

Ein paar Jahre später begann ich dann die Jour fixes der Märzgesellschaft zu besuchen, wenn ich in Deutschland war, und die immer am ersten Samstag im Monat stattfanden. Hier trug in der Regel einer aus dem weitgestreuten Freundeskreis der beiden März-Verleger etwas zu einem Thema vor, von dem er etwas verstand. Dazu gab es fast immer dreierlei Kuchen und man reichte Getränke. »Lässt sich eine herrlichere Gesellschaft vorstellen«, sagte beim letzten Jour fixe Gerhard Henschel zu mir, woraufhin ich nur mit dem Kopf schütteln konnte. Nein, einen angenehmeren, aufgeschlosseneren Kreis findet man so schnell nicht wieder.

Das war am 2. November letzten Jahres. Was wir damals nicht ahnten, war, dass es der allerletzte Jour fixe sein würde, jedenfalls mit Jörg Schröder. Bei diesen Treffen kam auch immer wieder heraus, wofür er sich alles interessierte. Er kannte sich nicht nur in der Literatur- und Verlagswelt aus. Er wusste auch sehr viel über den handwerklichen Aspekt des Büchermachens, über Druck und Design. Auch auf China kam er immer zu sprechen. So wiederholte er mir gegenüber oft, wie stolz er war, »Roter Stern über China« von Edgar Snow für den deutschsprachigen Markt entdeckt und zu einem Bestseller gemacht zu haben. Das war auch das erste Buch aus dem März-Verlag, das ich besaß. Hier ein Auszug aus einer Mail an mich zum Buch, vom 3. November 2011: »Übrigens: Vera hat uns gerade gemailt, dass sie begonnen hat das Buch von Felix Greene (Listen – Lügen – Lobbies. China im Zerrspiegel der öffentlichen Meinung) zu lesen, das ich (JS) 1966 bei Melzer gemacht habe. Es erschien 1963 in den USA unter dem Titel 'A Curtain Of Ignorance'. Darin war natürlich auch von 'Red Star Over China' die Rede, was ich mir sofort besorgte und eigentlich bei Melzer veröffentlichen wollte. Es wurde dann eines der ersten März-Bücher.«

Im Darmstädter Verlag Melzer war Schröder 1965 gelandet, nachdem der gebürtige Berliner und gelernte Buchhändler die Werbeabteilung von Kiepenheuer & Witsch in Köln geleitet hatte. Bei Melzer kümmerte er sich – neben vielem anderen – um das Programm, dem er mit solchen unterschiedlichen Autoren wie Jack Kerouac, Victor Klemperer, Bazon Brock oder Fidel Castro auf die Sprünge half, nicht zu vergessen »Die Geschichte der O«, die sich insgesamt 150 000 mal verkaufte, gerade weil Pornografie verboten war, und die den Melzer Verlag sanierte. Trotzdem überwarf sich sein Besitzer Joseph Melzer mit Schröder und weiteren Mitarbeitern, die daraufhin 1969 den März Verlag gründeten, als »kollektive Selbsthilfe«. Als erstes Buch im neuen Verlag erschien »Acid« mit Texten aus der »neuen amerikanischen Szene«(Charles Bukowski, William S. Burroughs, Tuli Kupferberg, Andy Warhol, Frank Zappa und andere), herausgegeben von zwei Autoren aus der damals neuen deutschen Szene, Ralf-Rainer Rygulla und Rolf Dieter Brinkmann.

In der Folge gab es bei März die neuen Sachen aus dem US-Untergrund neben alten Schriften von in der BRD vergessenen Linken wie Willi Münzenberg oder Siegfried Bernfeld, finanziert durch das Sex-Programm von Olympia Press, dessen deutschen Ableger Schröder gleich mitbegründet hatte. Als auch diese Kooperation endete, war das Geld alle. Doch März wurde von Schröder neugegründet und zwar mehrfach, das erste Mal im Juni 1974.

Die Abenteuer, die ihm dabei widerfuhren, hat er ab 1990 in die Reihe »Schröder erzählt« einfließen lassen, die er gemeinsam mit Barbara Kalender im Desktop-Verfahren herstellte und an Subskribenten vertrieb. Anders als bei »Siegfried« waren hier keine Klagen sich beleidigt fühlender Personen möglich, denn was einmal erzählt und verschickt war, war in der Welt. Vor Gericht war dagegen keine einstweilige Verfügung zu erwirken, es gab kein Lager, das man hätte beschlagnahmen können. Gleichwohl steht dieses Werk gesammelt in mehr als 30 Bibliotheken.

Geträumt hat Schröder davon, dass »Schröder erzählt« als sein großes Vermächtnis nicht nur in der Library of Congress in Washington und der Widener Bibliothek in Harvard stehen würde, sondern auch in einer Pekinger Bibliothek. »Das ist ja nichts weniger als eine Kulturgeschichte der alten BRD. Das muss doch die Chinesen interessieren.« Leider wurde nichts aus meinem Versuch, ein Konvolut an die Bibliothek der Beida (Peking University) zu vermitteln.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich Jörg Schröder noch persönlich kennenlernen durfte. Er und Barbara waren mir immer ein Beispiel dafür, dass man ein besseres Leben führt, wenn man sich nicht in den Kulturbetrieb begibt und hier sein Mäntelchen nach dem öden, immer in dieselbe blödsinnige Richtung blasenden Wind hängt, sondern unabhängig bleibt und sich zur Not auch mit jedem noch so gewaltig scheinenden Popanz anlegt. Ich glaube, man braucht solche Menschen, die einem so ein Leben vorleben, gerade in den Stunden, in denen einem alles schwer wird und nichts zu gelingen scheint. Das Einzige, was ich bereue, ist die Tatsache, dass Jörg und ich erst so spät zusammenkommen sind. Eigentlich hätte ich ja schon 1985 mal vorbeikucken können, damals noch im Vogelsberg.

Na, dann im nächsten Leben halt, und vielleicht auch mal auf einem anderen Planeten.

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