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Dresden ist nicht Wiesbaden

Der Wegfall des Heimvorteils in den Fußballligen benachteiligt Traditionsvereine, glaubt Christoph Ruf

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Man kann sich offenbar doch mit den Geisterspielen arrangieren. Zumindest haben Mannschaften und Trainer vor dem ersten Spiel vor leeren Rängen die Wettbewerbssituation bei »Dezibel null« simuliert, durch Elf-gegen-elf-Trainingsspiele im großen Stadion. Bei der TSG Hoffenheim, bei der sie den Anspruch haben, möglichst viele Bereiche des Fußballs rational und wissenschaftlich zu durchleuchten, haben sie sogar simuliert, wie sich Lärm auf die Leistungsfähigkeit der Profis auswirkt: Ein Drittel der Spieler empfand die hohe Lautstärke als leistungsfördernd, bei einem weiteren, dem sie gleichgültig war, hatte sie keine Auswirkungen auf die Leistung. Und wiederum ein Drittel empfand zusätzliche Motivation.

Man kann sich gut vorstellen, dass das so ist. So wie man sich auch vorstellen kann, dass ein Spieler, der von den eigenen Fans ausgepfiffen wird, kaum Phantomschmerzen hat, wenn der Anhang vor dem Fernseher bleiben muss - anders als jemand, dessen Einwechslung von Tausenden Kehlen gefordert wird.

Es geht offenbar auch eine Nummer kleiner: Der Hoffenheim-sozialisierte RB-Trainer Julian Nagelsmann hat am Freitag allen Ernstes die aggressive Stimmung beim Geisterspiel hervorgehoben, die habe für eine Atmosphäre gesorgt, die er mag. Gemeint haben kann er damit nur die Zurufe von den Trainerbänken und das Gebrülle eines Funktionärs, der 90 Minuten lang vom Oberrang die Hoffenheimer Spieler anfeuerte. Es scheint, als träten bei den Kicks vor leeren Rängen bereits erste Gewöhnungseffekte ein.

Interessant ist derweil, was die Statistik über die Verteilung von Heim- zu Auswärtssiegen zeigt. An den ersten beiden Bundesliga-Spieltagen ohne Zuschauer gab es jeweils fünf Auswärtssiege. Von 18 Heimspielen wurden nur drei gewonnen. In den beiden vergangenen Spielzeiten 2018/19 sowie 2017/18, als jedes Heimspiel vor Fans ausgetragen wurde, waren es noch jeweils 45 Prozent, in dieser Spielzeit bis zum zwischenzeitlichen Abbruch 41 Prozent. An diesem Spieltag endeten fünf von sieben Spielen bis Samstagabend mit einem Auswärtssieg: 71 Prozent. »Wenn wir als Auswärtsmannschaft ohne Publikum spielen, ist das immer einfacher«, sagt Leverkusens Trainer Peter Bosz.

Wenn es aber so ist, dass Heimspiele mit Zuschauern einen großen Vorteil darstellen, der sich ohne Zuschauer in sein Gegenteil verkehrt, dann ist das, was gerade passiert, eine ziemlich massive Wettbewerbsverzerrung zulasten der Traditionsvereine. Waren Sie mal in Dresden im Stadion? Und in Wehen-Wiesbaden? Falls nein, glauben Sie mir, es ist ein gehöriger Unterschied, ob Sie einer von 28 000 Zuschauern im lautesten Stadion der Zweiten Liga sind, oder einer unter 3241 Menschen, die sich halt mal ein Spiel anschauen wollen. Wer ein Stadion und seine Fankurve kennt, seine Rituale, seine Reaktionen, der hat in den letzten Wochen sehr genau gespürt, was in Magdeburg, Dresden, Frankfurt, Osnabrück oder Nürnberg gerade massiv fehlt: Die Lärm-Amplitude nach einem Foul am eigenen Spieler, das Aufwogen beim Einleiten eines Konters, der Alarm in der Schlussphase eines Spiels. Fällt all das weg, freut sich der Gegner.

Im mit 40 000 Zuschauern gefüllten Frankenstadion hätte man die 4000 Fürther am Samstag wahrscheinlich ebenso wenig gehört wie man am Dienstag die paar Wiesbadener Fans gehört hätte, wenn wahrscheinlich 6000 Club-Fans nach Hessen gefahren wären, um ihrem Team im Abstiegsendspiel zu helfen. Dynamo ist gleich doppelt Leidtragender des frühen Re-Starts. Zum einen als einziges Team, das zwei Wochen mehr Quarantäne und weniger Mannschaftstraining hatte. Und zum anderen als das Team, das seine Kurve wohl am meisten vermisst. Profiteure des Lockdowns gibt es natürlich auch. Es sind die Vereine, die sich in hohem Maße auf die individuelle Qualität ihrer Spieler verlassen können. Serge Gnabry oder Kai Havertz dürfte es eher egal sein, was auf den Rängen passiert, als einem limitierteren Spieler, der eher über den Willen als übers Genie kommt.

Hier in Karlsruhe wird übrigens gleich das Derby gegen den VfB Stuttgart angepfiffen. Normalerweise gibt es in den Tagen zuvor in beiden Städten kaum ein anderes Thema, jeder Stuttgart- oder KSC-Fan würde drei Siege gegen Bielefeld, Heidenheim und Kiel gegen den einen im Derby eintauschen. Und heute? Draußen regnet es, ein paar Menschen joggen am Fenster vorbei. Fußball ist ganz weit weg.

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