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Plötzlich Titeljäger

Ulms Basketballer überraschen die Konkurrenz im Finalturnier. Dabei mussten sie zwei neue Mitspieler integrieren

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Protagonisten der Basketball-Bundesliga BBL machen gerade eine eher unlogische Rechnung auf: »Die Hälfte ist geschafft. Wir stehen am Anfang«, heißt die Formel nach den ersten zehn Tagen des Meisterschaftsturniers in München. Bislang wurden in einer Gruppenphase die acht besten Mannschaften herausgefiltert, die sich ab diesem Mittwoch in den Viertelfinals gegenüberstehen werden. Wer jetzt also ein Duell nach Hin- und Rückspiel verliert, muss nach Hause. Dennoch hat schon die erste Turnierhälfte für Überraschungen gesorgt. Die größte ist zweifellos das Team von ratiopharm Ulm.

Mit der perfekten Bilanz von vier Siegen zogen die Ulmer als Erste der Gruppe A in die nächste Runde ein, in der sie nun auf die Skyliners Frankfurt treffen werden. Auf dem Weg dahin haben sie unter anderen Titelverteidiger München und Geheimfavorit Oldenburg bezwungen. Ulm ist plötzlich vom Außenseiter zum Titeljäger mutiert.

Dass kein Experte vorher mit der Mannschaft von Trainer Jaka Lakovic gerechnet hatte, lag einerseits daran, dass sie zum Zeitpunkt der Saisonunterbrechung auf Tabellenrang zehn und damit nicht einmal auf einem Playoff-Platz gelegen hatte. Zum anderen hatte das Team gleich vier Leistungsträger verloren. Zuerst war Sloweniens Europameister Zoran Dragić nach Spanien abgewandert, dann kamen auch die Amerikaner Killian Hayes, Grant Jerrett und Seth Hinrichs nach der Coronapause nicht mehr aus den USA zurück. Ulm verlor drei der besten Punktesammler und drei der besten Vorlagengeber.

Dass Ulm in München dennoch die besten Teams schlägt, liegt an ein paar neu verpflichteten Spielern wie Dylan Osetkowski, allen voran aber an Thomas Klepeisz. Bis März hatte der Österreicher vier Jahre lang in Braunschweig gespielt. Der Vertrag lief de facto aus, als sich die Löwen entschieden, ihre Saison in der Coronapause abzubrechen. Bis zur kompletten Übernahme durch den gebürtigen Braunschweiger und heutigen NBA-Profi Dennis Schröder hatte der Klub über Wochen vor einer ungewissen Zukunft gestanden. Also entschied man sich gegen eine Teilnahme am Finalturnier in München.

»Ich stand voll hinter der Entscheidung«, sagt Klepeisz auf nd-Anfrage, »weil ich verstanden habe, dass es finanziell nicht erschwinglich ist, und die Geschäftsführung den Spielern das gesundheitliche Risiko nicht aufzwingen wollte.« Dennoch wäre es bitter für ihn gewesen, wenn er anderen Teams hätte zuschauen müssen, die noch hinter Braunschweig standen. Das war letztlich zwar nur Frankfurt, aber just auf diesen Gegner trifft Klepeisz nun mit Ulm.

Der österreichische Nationalspieler gehört zu denjenigen, für die das Turnier erst jetzt richtig beginnt: »Ich muss die Euphorie etwas bremsen. Wir haben nur Gruppenspiele gewonnen. Da ging es um eine gute Ausgangsposition fürs Viertelfinale. Mehr nicht. Aber ich hoffe, dass wir den Schwung mitnehmen«, sagt er.

Klepeisz ist der Idealtypus des sogenannten Combo Guards, also ein Spieler, der sein Team anführen kann, dann aber auch selbst Punkte sammelt. Für jemanden, der vor dem Turnier nur zehn Trainingseinheiten mit den Kollegen absolviert hat, ist es erstaunlich, dass er schon zum besten Passgeber und zweitbesten Punktelieferanten Ulms aufgestiegen ist.

»Natürlich musste ich viele Spielzüge lernen, aber ich denke, dass ich einer der intelligenteren Spieler bin, die das schnell verarbeiten und umsetzen können«, sagt Klepeisz selbstbewusst, ohne dabei überheblich zu wirken. Erfahrung und Anpassungswille hätten ihm geholfen.

Mitspieler Per Günther, ein Ulms Urgestein, bezeichnete Klepeisz nach den ersten Eindrücken als »Vorzeigeprofi«. Darauf angesprochen wusste der 28-Jährige Klepeisz sofort genau das zu sagen, was in dieser Rolle nötig ist: »Ich würde nie sagen, dass ich einer bin. Denn ein Vorzeigeprofi ist ja auch bescheiden«, zeigte Klepeisz zugleich Humor.

Für die schnelle Integration macht er - tatsächlich bescheiden - lobt er die neuen Mitspieler (»Sie haben mich mit offenen Armen empfangen.«), und dann noch seinen Trainer Lakovic: »Jaka hat es mir mit dem System leicht gemacht. Ich glaube, da passe ich sehr gut rein«, sagt Klepeisz. Der Coach bestätigt: »Der Spielstil von Thomas entspricht dem unserer Mannschaft. Und dann arbeitet er auch noch sehr hart, um sich unser System anzueignen«, lobt Lakovich, bevor auch er sagt, dass sein Team noch gar nichts erreicht habe: »Im Viertelfinale startet alles wieder von Neuem.«

Die Ulmer wollen sich partout nicht in die Favoritenrolle drängen lassen, denn als Außenseiter leben sie derzeit sehr erfolgreich. Thomas Klepeisz kennt die Situation: Einst stieg er mit den Knights aus seiner 4000-Seelen-Heimatgemeinde Güssing in Österreichs Bundesliga auf. Nach ein paar Jahren, in denen man gerade so die Klasse hielt, gelangte die Mannschaft um Klepeisz und sechs seiner Jugendfreunde 2014 erstmals in die Playoffs. Dort drehte man in allen drei Runden Rückstände und wurde schließlich sensationell Meister.

In der Coronapause hat er sich noch mal die Bilder von damals angesehen und sich an eine Erkenntnis erinnert: »Die ganz Großen aus dem Fernsehen sind nicht Galaxien entfernt, sondern mit harter Arbeit erreichbar.« Das klingt nach einer Kampfansage.

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